Gedenkveranstaltung

Bischöfin Kirsten Fehrs: „Wir sind schuldig geworden“

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs.

Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs.

Foto: picture alliance/Carsten Rehder/dpa

Zum Tag der Kriminalitätsopfer: Gottesdienst mit dem Weissen Ring in der Kirche St. Jacobi. Kirche bekennt sich zu Verantwortung.

Hamburg. Bei einem Gottesdienst zum Tag der Kriminalitätsopfer in der Hauptkirche St. Jacobi hat sich Bischöfin Kirsten Fehrs zur Verantwortung der Kirche in Sachen Gewalt bekannt: „Es gibt an dem Versagen der Kirche nichts, aber auch gar nichts zu beschönigen. Wir sind schuldig geworden, auch als Institution.“

Die Bischöfin sagte, dass Kinder in kirchlichen Heimen in den 1950er-Jahren „drangsaliert, geschlagen und erniedrigt“ worden seien: „Einige der Betroffenen sind hier – ich bin dankbar und finde wichtig, dass sie uns mahnen, immer wieder.“ Auch später in den „ach so reformpädagogisch 1970er- und 1980er-Jahren“ habe es schwere Verfehlungen gegeben, etwa in der Jugendarbeit einer Gemeinde in Ahrensburg: „Psychospiele und Durchkitzeln auf dem Schoß des Pastors. Jede Menge Alkohol, um den Ekel zu vergessen, wenn die Jugendlichen sich nicht wehren konnten vor den Küssen, Berührungen und harten Zugriffen des Pastors.“

Die Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters, Isabella Vértes-Schütter, trug im Gottesdienst, musikalisch gestaltet von Kantor Gerhard Löffler sowie den Künstlern Stefan Gwildis und Cécile Poirot, den bewegenden Bericht einer Frau vor, die als Kleinkind über Jahre von ihrem Onkel sexuell missbraucht wurde: „Ich bin ein Opfer, eines von unzählig vielen. Ich widme meine Geschichte all den Kindern, ob Jungen, ob Mädchen, denen auf irgendeine Art Gewalt angetan wird, und all den Frauen und Männern, die glauben, sich selbst verraten zu müssen, um zu überleben.“

Opfer sollen Entschädigung beim Amt beantragen

Staatsrätin Petra Lotzkat, die die erkrankte Sozialsenatorin Melanie Leonhard vertrat, sprach über Menschen mit Behinderung, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in Heimen gequält wurden, auch in den damaligen Alsterdorfer Anstalten: „Wir wissen aus Berichten Betroffener und wissenschaftlichen Studien, dass sie dort in vielfacher Weise Opfer wurden. Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt. Sie wurden diskriminiert und ihrer menschlichen Würde beraubt.“ Sie rief die Opfer dazu auf, eine finanzielle Entschädigung beim Versorgungsamt Hamburg zu beantragen.

Kristina Erichsen-Kruse, stellvertretende Vorsitzende des Weissen Rings Hamburg, bekannte sich zu der Verantwortung der Opferschutz-Organisation: „Auch der Weisse Ring musste sich in jüngster Zeit schmerzhaft mit diesem Phänomen des Herunterspielens und Ignorierens auseinandersetzen.“

Wie das Abendblatt berichtete, gab es schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Leiter des Weissen Rings in Lübeck. Er soll Hilfe suchende Frauen bedrängt und sexuell belästigt haben. Der Vereinsvorsitzende Hans-Jürgen Kamp kritisierte den Entwurf der Bundesregierung zum sozialen Entschädigungsrecht: „Wir lehnen diesen Entwurf ab.“ Die Reform sorge nicht für den „gebotenen Respekt vor den Opfern von Kriminalität“.