Veganismus

Wenn ein Fleischesser die Veggie-Messe besucht

Veggie World 2019: Die 45minütigen kostenlosen Kochevents waren schnell für beide Tage ausgebucht.

Veggie World 2019: Die 45minütigen kostenlosen Kochevents waren schnell für beide Tage ausgebucht.

Foto: Andreas Laible

Hotdogs mit Hanfwürstchen oder fermentierter Tofo: Mehr als 9000 Gäste kamen am Wochenende zu der Veranstaltung.

Hamburg. Wer sich drei Tage zuvor noch glückselig im Restaurant Schlachterbörse an einem pfundigen Rindersteak labte und von jeher ein inniges Verhältnis zu Thüringer Bratwurst vom Rost pflegt, muss anfangs ein wenig schlucken. Denn auf der Messe „Veggie World“ in Schnelsen kommt man als lustvoller Fleisch- und Käsefreund nur bedingt auf seine Kosten. Dafür kann vorurteilsfrei Neuland betreten werden. Folglich sind die Geschmacksnerven auf Empfang gestellt.

Vorweg gönnen wir uns ein Scheibchen geräucherten Aufschnitt, hergestellt aus Hirsevollkornmehl, sowie eine Probierportion fleischlosen Räucherspeck. Nur leicht gestärkt führt der Weg zum „Lord of Tofu“. Der freundliche Mann mit der weißen Kochmütze kredenzt Spezialitäten aus der veganen Meeresküche. Schmeckt gewöhnungsbedürftig, aber gar nicht so schlecht. Es folgt ein Häppchen „Winner Schnitzel“. Zum Ausklang dieses sonntäglichen Minimenüs präsentieren Daniela und Stephan an ihrem Stand Gänseblümchenhonig. Klasse Komposition. Der Name ihrer Firma ist Programm: Vegablum.

Neue Rekorde bei Zahl der Besucher und Aussteller

Mehr als 9000 Gäste sahen das am Wochenende ebenso. Diese „Messe für den veganen Lebensstil“, so der offizielle Untertitel, lockte noch mehr Besucher an als in den drei Vorjahren. 110 Aussteller bedeuteten ebenfalls einen Rekord. Was 2011 in Wiesbaden bescheiden an den Start ging, boomt immer mehr.

Die Veranstalterfirma aus dem Rheinland ist aktuell in 17 europäischen und zwei asiatischen Städten präsent. Es handelt sich um eine interessante Tour durch die vegane Welt. „Es geht nicht um Verzicht, sondern um Gewinn“, hieß es in der Einladung. „Auch Metzger in der fünften Generation sind bei uns willkommen.“

Deutlich mehr Frauen als Männer besuchen die Messe

Klingt gut. Trotz eines Eintrittspreises von 13 Euro bildet sich eine Schlange vor dem Haupteingang. Der Zuspruch ist enorm. Das Durchschnittsalter dürfte bei 30 Jahren liegen. Der Frauenüberschuss ist unübersehbar. Auf den zweiten Blick wird rasch klar, dass der Beschluss für ein veganes Leben durchaus seinen Preis hat. Billig ist etwas anderes. Andererseits machen zumeist engagierte Verkäufer an den in der Regel dicht umlagerten Ständen klar: Es gibt durchaus Zwischenformen. „Ich bin Flexitarier“, bekennt Caroline bei einem kurzen Klönschnack am Tresen der Firma „Happy Cashew“. Rund die Hälfte der Woche ernährt sie sich herkömmlich, den Rest vegan. Ihr gefällt der vielfältige Messemix aus Milch- und Fleischalternativen, passenden Süßigkeiten und Getränken sowie Bekleidung und Kosmetik.

„Das Gros der Besucher ist interessiert und aufgeschlossen“, bestätigt Tanja Nottelmann-Unger aus Rellingen während einer kurzen Verschnaufpause. Die von ihr vor knapp einem halben Jahr gegründete Firma „Blattkultur“ mit drei Mitarbeitern hat mit veganen Pflegeprodukten einen guten Riecher für die Entwicklung des Marktes. Hoffnung macht sich gleichfalls Yazmin Portillo Olaguez aus Ottensen. Die von ihr auch auf der Basis von Guajillo-Chilis hergestellten Gewürzöle und Konzentrate kommen beim Verbraucher gut an.

Warum müssen vegane Produkte wie Fleisch daherkommen?

An jeder Messeecke gibt’s Neues zu entdecken. Hand aufs Herz: Das Schnitzel aus Tofu schmeckt nicht so wie eines aus Kalbfleisch; und die vegane Rostbratwurst gefällt nicht so wie das Traditionsprodukt. Beides schmeckt andersartig, indes keinesfalls schlecht. Dieses Prinzip gilt für viele Angebote: Wer ohne Scheu kostet, kann Überraschendes entdecken. Daher versteht der ahnungslose Neuling nicht, dass Originale äußerlich kopiert werden. Warum muss eine fraglos leckere Tofumischung unbedingt in Form eines Hähnchenschenkels geformt sein und den Namen „Vegane Keule“ tragen? Und warum müssen kleine Stangen aus Soja und Lupine wie „Schillerlocken ohne Hai“ daherkommen?

Testen wir uns weiter wissbegierig durchs Programm. Die glutenfreien Tofu-Nuggets schmecken besser als erwartet. Die mit Reispulver und Johannisbrotkernmehl angereicherte Crème ähnelt tatsächlich klassischer Mascarpone. Die aus Cashewnüssen produzierte Käseart der Geschmacksrichtungen Rauch-Pfeffer, Schabzigerklee oder Tomate-Salbei ist sündhaft teuer, jedoch außerordentlich pikant.

An zwei Tagen gab es zahlreiche Vorträge, Seminare und Kurse

Hoch im Kurs steht die „Mitmachküche“ der Reformhäuser. Ohnehin sind die zwei Messetage garniert mit Vorträgen, Seminaren und Kursen. Es geht um „Milchgeschichten“, um Veggie-Wurst, um Omega 3 in der Ernährung oder um Variationen vom Karottenkuchen. Ein Bündnis von Tierrechtsaktivisten und vegane Hobbysportler stellen sich vor. Eine Veranstaltung trägt den verheißungsvollen Namen: „Wie wir auf unseren Tellern die Welt verändern.“

Eigentlich kann alles ganz einfach sein: jeder nach seinem Gusto. So betrachtet, kann man an Lupinenwürstchen aus der Pfalz Gefallen finden. Bärlauch-Bratfilets, fermentierter Tofu mit einem Hauch Oregano, eingelegte Jackfrucht und Hotdogs mit Hanfwürstchen können reizvoll sein. Wer mag, nascht vegane Gummibärchen und Bio-Kokosflocken. Auf dem Außengelände lockt „Conni’s Seelenschmeichler“, so etwas wie Softeis mit Vanillearoma. Irgendwie passt die andernorts gereichte Teemischung „Frischer Geist“.

Zum Schluss meldet sich doch noch der innere Schweinehund. Könnte es in der Caféteria ein kleines Schinkenbrötchen geben, ganz vielleicht? Doch auch dort herrscht Konsequenz. Feilgeboten werden vegane Döner für 6,50 Euro oder Spinat-Börek für fünf Euro. Und Kaffee bitte nur mit Hafermilch...