Prozess der Woche

Wie sich ein Busfahrer vor Gericht herausmanövriert

Der 48-Jährige kutschierte mit einem Omnibus mehr als 50 Gäste durch die Stadt; in einer engen Straße wurde es aufregend.

Hamburg.  Manchmal liegt die Faszination im Alltäglichen. Wenn eine Engstelle zum Magneten werden kann und eine schmale Straße zum Anschauungsobjekt. Heinz T. (Name geändert), Kraftfahrer und seit vielen Jahren in der Tourismusbranche, hat es erlebt. Als der 48-Jährige für ein Unternehmen mit einem Omnibus mehr als 50 Gäste durch die Stadt kutschierte, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Doch richtig aufregend wurde es für die Touristen nicht nur an Michel, Reeperbahn oder Elbphilharmonie, sondern in einer engen Straße in Alsternähe – als Heinz T. sich mit seinem Bus in Millimeterarbeit an geparkten Autos vorbeizwängen musste.

Ob das Manöver unfallfrei gelang? Nein, sagt die Staatsanwaltschaft, die dem Hamburger Unfallflucht vorwirft. Laut Anklage touchierte er im Dezember 2017 mit einem Omnibus unweit der Alster einen Porsche Carrera und verursachte so einen Schaden von etwa 2500 Euro. Obwohl ein anderer Verkehrsteilnehmer ihn auf den Unfall aufmerksam gemacht habe, so die Anklage weiter, sei Heinz T. einfach weitergefahren.

Er habe die Fahrgäste von einem Luxushotel in der City abgeholt, schildert der Angeklagte, ein Mann mit sparsamen Gesten und ruhiger Stimme. In einer Seitenstraße des Mittelwegs, durch die er fahren sollte, habe ein Lkw geparkt. „Die Passage war knapp. Ich bin extremst langsam gefahren“, betont der Berufskraftfahrer. Die Fahrgäste hätten schon gestaunt, „wie eng“ es in Hamburg sei. Doch das sei sein tägliches Geschäft. Plötzlich scherte hinter ihm ein Wagen aus, der Fahrer habe sich vor seinen Bus gesetzt und ihn gewissermaßen ausgebremst.

Schützenhilfe von einem Stadtführer

„Der Mann sagte, ich hätte ein Auto touchiert.“ Ein paar Hundert Meter später fand Heinz T. einen Platz, wo er den Bus parken konnte, und habe sich den angeblichen Unfallwagen angeguckt. „An dem Porsche war ein Schaden, durchaus“, räumt der Angeklagte ein. Als er dies seinen Fahrgästen mitgeteilt habe, sei eine Dame aufgestanden und habe versichert, dass sie durch die Fensterscheibe gesehen habe, dass der Sportwagen schon vorher lädiert gewesen sei. „Die Fahrgäste sollten sich doch die Schönheiten der Stadt Hamburg ansehen“, wirft die Amtsrichterin ein.

„Die einzige Sehenswürdigkeit in diesem Moment war der Porsche“, spottet der Verteidiger. „Die Fahrgäste hätten sicherlich aufgeschrien, wenn es tatsächlich einen Unfall gegeben hätte.“ Doch die etwa 25 Passagiere allein auf der Seite, wo der Porsche stand, hätten nichts bemerkt. Als Heinz T. seinerzeit bei seinem Arbeitgeber anrief und den angeblichen Unfall meldete, habe es geheißen, er solle trotzdem seine Fahrt fortsetzen. „Später habe ich dann von der Staatsanwaltschaft gehört.“

Der Besitzer des Porsche Carrera kann nicht weiterhelfen. Er habe seinen Wagen schon im Sommer auf dem Bordstein geparkt, vier Monate lang nicht bewegt und auch nicht weiter inspiziert. Denkbar ist deshalb tatsächlich, dass der Schaden schon geschehen war, bevor Heinz T. mit seinem Bus die Straße befuhr. Schützenhilfe bekommt der Kraftfahrer zudem von einem Stadtführer, der während der Tour die Schönheiten Hamburgs hatte erklären sollen. „Es war eng“, erinnert sich der 52-Jährige.

Staatsanwaltschaft beantragt Freispruch

„Und die Leute klebten förmlich an der Scheibe.“ Da hätte er die tollsten Anekdoten aus der Stadtgeschichte erzählen können: „Was draußen geschah, fanden die Touristen in dem Moment spannender. Und nachdem wir die Engstelle passiert hatten, gab es Applaus.“ Auch der Zeuge berichtet, eine Frau habe versichert, sie habe den Schaden an dem Porsche schon vorher bemerkt. Fotos von den Beschädigungen an dem Sportwagen ergeben, dass allein das rechte Rücklicht des Busses in der richtigen Höhe und exponiert genug ist, dass es besagten Schaden am Pkw verursacht haben könnte. Aber an dem Rücklicht befand sich kein Kratzer, wie ein Polizist seinerzeit feststellte.

Zudem ist zweifelhaft, ob der Zeuge aus seiner Perspektive die entsprechende Lampe überhaupt hätte sehen können. Er selber kann dazu zurzeit keine Auskunft geben. Während die Hauptverhandlung stattfindet, urlaubt der Mann gerade in Afrika. Aber die Prozessbeteiligten kommen auch ohne seine Aussage aus: Die Staatsanwaltschaft beantragt einen Freispruch. „Wenn man es logisch nachvollzieht“, so der Ankläger, habe der Zeuge die rechte Lampe am Bus im Moment des angeblichen Unfalls überhaupt nicht sehen können. Vermutlich habe der Zeuge beobachtet, wie nah der Bus an dem Porsche vorbeifuhr, hinterher den Schaden bemerkt und „dann einen Rückschluss gezogen“. Für den Angeklagten spreche auch, dass keinerlei Kratzer an seinem Bus war, obwohl man dies nach einem Unfall hätte erwarten müssen.

Die Amtsrichterin folgt dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Weil der Porsche vier Monate an Ort und Stelle stand, hätte die Beschädigung auch zuvor von einem anderen Auto verursacht worden sein können, erklärt die Vorsitzende. „Und die Fahrgäste haben applaudiert, weil Sie die Situation gut gemeistert haben“, attestiert sie Busfahrer Heinz T. Sie rate ihm aber dringend: „Wenn mal wieder so etwas passiert, sagen Sie Ihrem Arbeitgeber, dass Sie vor Ort bleiben. Eine Anweisung, wie er sie gegeben hat, war nicht in Ordnung. Und Sie hatten jetzt den Ärger.“