Sevecke-Interview

Wie viele Touristen kann Hamburg vertragen?

Die Große Freiheit auf St. Pauli: Der Kiez ist ein beliebtes Ziel von Touristen.

Die Große Freiheit auf St. Pauli: Der Kiez ist ein beliebtes Ziel von Touristen.

Foto: picture alliance

Torsten Sevecke sieht noch keinen Vergleich zu Städten wie Amsterdam und Barcelona. Wunsch nach mehr internationalen Gästen.

Hamburg.  Der Tourismus ist in Hamburg ein großes Thema: Für die Stadt ist er ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, für manche Einwohner manchmal auch ein Ärgernis. Jahr für Jahr werden neue Rekorde bei den Übernachtungszahlen verkündet. Seit Februar ist Staatsrat Torsten Sevecke (SPD) in der Wirtschaftsbehörde für das Thema „Tourismus“ verantwortlich. In seinem ersten Interview in dieser neuen Funktion spricht Torsten Sevecke über „Overtourism“, neue Zielgruppen und was er von Sauftouristen auf dem Kiez hält.

Was reizt Sie an dem Thema ,Tourismus‘?

Torsten Sevecke: Der Tourismus ist eine der wichtigsten Branchen für die Hansestadt. In diesem Bereich arbeiten rund 88.000 Menschen. Jeder einzelne Hamburger ist ein Gastgeber und transportiert das positive Bild der Stadt in alle Welt.

Im vergangenen Jahr waren es rund 14,5 Millionen Übernachtungen, Tendenz steigend. Es gibt deshalb auch kritische Stimmen. Wie viele Touristen kann Hamburg noch vertragen?

Sevecke: Eine Menge. Wir haben in Hamburg kein „Overtourism“, und zwar gilt das für die gesamte Stadt. Natürlich nehmen wir Kritik ernst, doch mit Venedig, Barcelona oder Amsterdam kann sich Hamburg nicht vergleichen. Von diesen Ausmaßen sind wir weit entfernt. Natürlich gibt es Touristen-Hotspots wie den Hafen, aber auch dort ist genügend Platz für alle. Auch wenn in angesagten Vierteln wie der Schanze oder auf St. Pauli viele Gäste unterwegs sind, sollten die Hamburger das als Bereicherung ansehen. Außerdem tragen die Einnahmen durch den Tourismus dazu bei, dass die Infrastruktur der Stadt weiter ausgebaut werden kann, und davon profitieren doch gerade die Menschen, die hier leben. Wo tatsächlich Nachteile für die Nachbarschaft im Stadtteil drohen, etwa durch unkontrollierte Vermietung von Ferienwohnungen, hat der Senat einen klaren gesetzlichen Riegel vorgeschoben.

Es gibt auch Beschwerden von Anwohnern auf dem Kiez, die sich durch den alljährlichen Schlagermove gestört fühlen. Können Sie das nachvollziehen?

Sevecke: Ich bin ganz sicher, dass der Stadtteil den Schlagermove verkraften kann. Wer in dieses pulsierende Viertel zieht, der sollte sich an dieser fröhlichen Veranstaltung nicht stören.

Welche Zielgruppe muss Hamburg noch mehr für sich gewinnen?

Sevecke: Wir müssen den Kulturtourismus weiter ausbauen. Die Elbphilharmonie bringt Hamburg weltweite Aufmerksamkeit, und dieses Potenzial sollten wir nutzen. Wir brauchen mehr kulturelle Veranstaltungen auf hohem Niveau. Das können Ausstellungen mit großer Strahlkraft sein, Theaterstücke oder auch anspruchsvolle Musik-Events. Wobei wir übrigens die Erfahrung machen, dass auch der Musicalbesucher gerne in die Museen oder zu John Neumeier ins Ballett geht.

Wo sehen Sie noch Potenzial?

Sevecke: Das Thema ,Architektur‘ sollte eine viel größere Rolle spielen und touristisch vermarktet werden. Dabei denke ich zum Beispiel an die Bauwerke von Fritz Schumacher­, die viele Stadtteile prägen, oder auch die Bauhausarchitektur, die zum Beispiel am Gebäude des Rolf-Liebermann­-Studios, einer ehemaligen Synagoge, an der Oberstraße präsent ist. Wir sollten unsere Gäste noch stärker auf diese architektonischen Highlights aufmerksam machen.

Auf St. Pauli sind eher englische oder dänische „Sauftouristen“ unterwegs. Auch für Junggesellenabschiede aus dem In- und Ausland ist der Kiez ein beliebtes Reiseziel. Brauchen wir diese Zielgruppen?

Sevecke: Hamburg ist eine weltoffene Stadt, und jeder ist willkommen. Das gilt auch für die, die zum Feiern zu uns kommen, sofern sich alle friedlich verhalten. Ich finde übrigens nicht, dass der Kiez vom „Sauftourismus“ geprägt wird. Das Image hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert, hier hat sich eine spannende Szene mit Musikclubs und Theatern etabliert. Zudem hat Hamburg mit dem Reeperbahn-Festival eine Veranstaltung ins Leben gerufen, die zu einem Treffpunkt der internationalen Musikwirtschaft geworden ist.

Der Anteil der ausländischen Touristen lag in Hamburg im vergangenen Jahr bei rund 25 Prozent. Sind Sie damit zufrieden?

Sevecke: Das ist zu wenig. Wir brauchen einen deutlichen Zuwachs an internationalen Gästen, beispielsweise aus den USA, China oder Japan. Dafür benötigen wir mehr Direktflugverbindungen außerhalb Europas. Das ist eine wichtige Aufgabe für den Hamburg Airport, die internationalen Fluggesellschaften für diesen Standort zu begeistern.

Es eröffnet ein Hotel nach dem anderen in Hamburg. 2000 neue Zimmer kommen in diesem Jahr dazu. Brauchen wir noch mehr Häuser?

Sevecke: Ja, denn die Zahl der Übernachtungen wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Wir sollten allerdings darauf achten, dass nicht nur Kettenhotels entstehen, sondern auch individuelle Konzepte mit Gastronomie, von denen auch die Hamburger profitierten.

Was ist aus Ihrer Sicht ein Alleinstellungsmerkmal von Hamburg?

Sevecke: Das ist der Hafen und das einzigartige maritime Flair. Ich kenne sonst eigentlich keine Metropole, die noch einen Hafen mitten in der Stadt hat. Der Hamburger Hafen ist international bekannt und auch ein großer Werbeträger für die Stadt.

Welches ist ihr ganz persönlicher Lieblingsplatz in Hamburg?

Sevecke: Ich bin gerne in meinem Garten und genieße den Elbstrand mit Blick auf die Hafenkräne.