Hamburger Kultgeschäft

So überlebte Ladage & Oelke zwei Weltkriege und einen Brand

Ladage & Oelke besteht seit fast 174 Jahren am Neuen Wall.

Ladage & Oelke besteht seit fast 174 Jahren am Neuen Wall.

Foto: Michael Rauhe / HA

Der seit 1845 familiengeführte Herrenaustatter gehört zum Neuen Wall wie der Hafen nach Hamburg. Hier gab es die ersten Dufflecoats.

Hamburg. Bisweilen ist Vorsicht geboten, wenn Firmen sich das Prädikat „Traditionsunternehmen“ ans Revers heften. Beim Hamburger Herrenausstatter Ladage & Oelke ist eher das Gegenteil der Fall: Jeder Quadratmeter des Ladengeschäfts am Neuen Wall 11 atmet Geschichte. Nicht nur, weil das Unternehmen seit vier Generationen von den Nachfahren der Gründer geführt wird. Sondern auch, weil Generationen von Hamburgern mit den handgefertigten Kleidungsstücken des Familienunternehmens aufgewachsen sind.

Hier, unter den stuckverzierten Decken am Neuen Wall 11, wurde seit 1845 ein Stück Hamburger Stadtgeschichte geschrieben – und genäht. Fräcke für Dirigenten und Fräcke für die Hamburger Senatoren des 19. Jahrhunderts zum Beispiel. Oder spezielle Kleidung für die ersten „Automobilisten“ in den 1890er Jahren. Und Dufflecoats für die Studenten der wilden Sixties. Damals wurde er zum ersten Mal gefertigt. Seitdem dürfte kein anderes Kleidungsstück das Lebensgefühl anglophiler Hanseaten besser auf den Punkt gebracht haben als der Dufflecoat von Ladage & Oelke, dieser meist dunkelblaue, gefühlt tonnenschwere Lodenmantel, in dem der Hamburger bei jedem Wetter er selbst sein kann.

Ein Maßanzug von Ladage & Oelke in nur sechs Stunden

Eine Mischung aus Tradition und Avantgarde, die bis heute einzigartig ist. Weshalb auch der Umzug an die Großen Bleichen nur folgerichtig ist. Neue Ideen und den Mut, sie umzusetzen – das gehörte schon immer zum Firmenkonzept. In den 1860er-Jahren warb Ladage & Oelke mit einem maßgeschneiderten Anzug, der innerhalb von sechs Stunden in den Räumen des Ladengeschäfts hergestellt wurde. Eine ziemliche Sensation. Auch die ersten Burberry-Trenchcoats gab es nach dem Ende des Ersten Weltkriegs bei Ladage & Oelke zu kaufen.

Und überhaupt, die Gründung selbst: Als sich die Hamburger Kaufmänner Johann Oelke und Georg Ladage am 4. September 1845 dazu entschieden, in den gerade neugebauten Alsterarkaden ein „Englisches Kleidermagazin“ zu gründen, war noch lange nicht klar, dass dieses Geschäft eines Tages zu einer Hamburger Institution werden sollte.

So begann die bald 174-jährige Geschichte von Ladage & Oelke. Anzüge verkaufte man damals im übrigen noch nicht, das Geschäft mit maßgeschneiderter Kleidung begann erst 20 Jahre später.

Eine Weltwirtschaftskrise und zwei Weltkriege am Neuen Wall

Georg Ladage war da schon wieder auf dem Sprung. Rund 20 Jahre nach der Gründung des Kleidermagazins verließ der Spross einer hugenottischen Familie Hamburg bereits wieder. Johann Oelke führte das Unternehmen mit 25 Mitarbeitern allein – er starb zu Beginn des 20. Jahrhunderts an einem Herzleiden. Schwager Julius Franck übernahm die Geschäfte. Seither liegt die Geschäftsführung in der Linie Franck.

Es waren bewegte Zeiten. Julius Franck (1871 bis 1945) steuerte das Unternehmen zunächst durch den ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise – am Ende des zweiten Weltkriegs verstarb er in Schleswig-Holstein, wo er mit seiner Familie Zuflucht vor den Bombenangriffen gesucht hatte.

Nach dem Krieg übernimmt Rolf Franck das Geschäft von Vater Julius. Und die Zeiten am Neuen Wall bessern sich schnell: Vom deutsche Wirtschaftswunder profitiert auch Ladage & Oelke. In den Verkaufsräumen drängen sich die Kunden, mehrere Hundert Cashmere-Schals gehen täglich über die hölzerne Ladentheke. Die Nachfrage übersteigt das Angebot. 55 Jahre lang führt Rolf das Unternehmen, bis auch er 1982 an seinen Sohn Heinrich übergibt.

Ein Brand zerstört das gesamte Geschäft

Heinrich Franck ist Mitte 30, als er in der Silvesternacht 1989/90 vor dem Nichts steht: Ein Brand hat die Räume des Ladens komplett zerstört, mitsamt uralter Schnittmuster und Stoffe. Ein unwiederbringlicher Verlust. Der Neuanfang? Kostet ihn Unmengen Energie. „Das macht man nur einmal im Leben“, erzählte er einmal dem Abendblatt. Rund drei Jahre braucht es bis zur Wiedereröffnung am Neuen Wall. Heinrich Franck nutzt den Neustart für Veränderungen. In der Schneiderei im ersten Stock werden fortan Herrenschuhe angeboten. Mitte der Nullerjahre erzielt Heinrich Franck damit den höchsten Umsatz pro Quadratmeter.

Ende 2018 übergibt er die Geschäftsführung an seine Nichte Selma Wegmann. Gemeinsam mit ihrem Mann wird die Modedesignerin das Geschäft ihres Urgroßonkels Johann Oelke nun in eine neue Ära führen – an neuer Adresse, mit neuen Ideen.