Professoren erklären

Warum schreiben wir immer noch mit der Hand?

Prof. Dr. Petra
Hüttis-Graff und
Prof. Dr. Jörg
Quenzer von der
Uni Hamburg mit
Schreibutensilien
und einer Kinder-
„Postkarte“.

Prof. Dr. Petra Hüttis-Graff und Prof. Dr. Jörg Quenzer von der Uni Hamburg mit Schreibutensilien und einer Kinder- „Postkarte“.

Foto: Mark Sandten / HA

In dieser Folge: Welche Spuren die eigene Schrift hinterlässt, was Tattoos damit zu tun haben, und wie Schreiben das Gehirn trainiert.

Hamburg. Alles nur noch in den Computer tippen? Wenn Sie Ihr Gehirn fit halten möchten, dann nehmen Sie ruhig mal wieder den Stift. Warum das so ist, und wieso der Schreiblern­unterricht reformiert werden sollte, erklären Prof. Petra Hüttis-Graff, Professorin für Deutschdidaktik, und Prof. Jörg Quenzer, Japanologe und stellv. Sprecher des Sonderforschungsbereichs Manuskriptkulturen in Asien, Afrika und Europa.

Bewahren Sie Liebesbriefe von früher auf? Geht einem romantischen Brief etwas verloren, wenn er mit dem Computer erstellt wurde?

Prof. Petra Hüttis-Graff: Bei Briefen sieht und spürt man die Person durch die Schrift, das ist schon eine besondere Qualität. Ich habe kürzlich eine Einladung erhalten zu einer Geburtstagsparty von einer Freundin, die war so schön geschrieben, die hätte man nie mit dem Computer erstellen können.

Prof. Jörg Quenzer: Man bewahrt aber nicht nur Liebesbriefe auf. In der 9. Klasse erhielt ich einen Brief eines Lehrers, den habe ich bis heute, denn es war sehr konstruktiv und hilfreich, was er mir mitgeteilt hat – und er hat sich die Mühe gemacht, dies von Hand zu schreiben.

Hüttis-Graff: Manche Personen mögen aber ihre eigene Handschrift nicht. Da kann ich verstehen, dass sie den Computer und andere Medien benutzen.

Gibt es so etwas wie eine magische Dimension der Handschrift? Verfügt Handgeschriebenes über eine besondere Macht jenseits des eigentlichen Inhalts?

Hüttis-Graff: Es handelt sich um Spuren, die man hinterlässt, die etwas von der Person, deren ästhetischem Vermögen, von dessen motorischen Fähigkeiten und von der Umgebung einfängt. Auch wo jemand herkommt, lässt sich anhand der Schrift erkennen. Die Handschrift einer Person aus England oder den USA weist andere Merkmale auf als die eines Deutschen.

Quenzer: Wir schreiben ja nicht nur auf Papier. Es gibt viele Menschen, die an allen möglichen Stellen Tattoos tragen, dabei handelt es sich nur um eine andere Form von Handschrift. Die Pointe ist, dass heute viele dieser Schriftzeichen aus der indischen oder chinesischen Kultur stammen, von denen die Träger gar nicht sicher wissen können, was da steht. Das zeigt, dass die Macht, der Zauber der Handschrift oft als wirksamer empfunden wird als eine gedruckte Schrift.

Als Journalist schreibe ich noch viel mit der Hand, doch brauchen Erwachsene das Handschreiben überhaupt noch? Ich könnte ja alles in mein Handy tippen.

Hüttis-Graff: Nicht, wenn es zu kalt ist.

Quenzer: Da sind Sie ja immer auf die Technik angewiesen. Ist die Batterie geladen? Und geht es nicht oft schneller, wenn ich einen Bleistift nehme? Die Flexibilität, die Stift und Papier mit sich bringen, auf die kann ich noch nicht verzichten. Allein dadurch, wo und mit welcher Größe ich etwas auf der Seite platziere, kann ich blitzschnell reagieren. Das kann ein Computer bislang noch nicht, jedenfalls nicht in einem Modus.

Hüttis-Graff: Mir geht es nicht nur um die Flexibilität, sondern auch die Orientierung! Man kann viel mehr Seiten auf einem Schreibtisch überblicken als auf einem Monitor.

Quenzer: Die Arbeit mit Texten, die wir an der Universität häufig machen, braucht immer wieder einen Ausdruck, damit man noch einmal mit Abstand über den Text gehen kann.

Lassen sich Dinge besser erinnern, wenn ich sie mit der Hand mitgeschrieben habe?

Hüttis-Graff: Ja! 2014 gab es in den USA eine Untersuchung zu Vorlesungsskripten von Studierenden: Ein Teil der Studierenden hat mit der Hand geschrieben und der andere Teil mit dem Laptop. Die Behaltensleistung war identisch, aber das Verstehen war unterschiedlich. Wer mit der Hand schrieb, hatte mehr verstanden von dem, was er aufschrieb. Durch das Medium Computer scheint man nicht so gut in der Lage, Informationen zu verknüpfen. Wer einen Stift in der Hand hält, muss viel mehr Motorik einsetzen, was mehr Spuren im Gehirn hinterlässt und das Gehirn mehr anregt. Beim Tippen handelt es sich hingegen um Zeigegesten, und sie sind immer gleich. Es hat also deutliche Effekte für das Lernen und Verstehen, ob man mit der Hand schreibt oder tippt.

Die Diskussion um die Zukunft der Handschrift im digitalen Zeitalter ist ein Dauerbrenner. Fördert das Schreiben mit der Hand tatsächlich die kognitive Entwicklung wie viele Experten behaupten?

Hüttis-Graff: Durchaus. Mit dem Handschreiben wird viel Gehirnaktivität angeregt, es trainiert das Gehirn. Handschreiben ist also ein Denkwerkzeug. Für Anfänger ist es unabdingbar. Man stelle sich vor, sie würden von Anfang an auf Tasten tippen. Der Computer schafft eine Distanz zwischen der Tastatur und dem Bildschirm, auch zwischen Laut- und Schriftzeichen. Beim Handschreiben hinterlässt die Bewegung Spuren auf dem Papier. Den direkten Zusammenhang zwischen Stift und Spur gibt es aber auch auf dem Tablet. Dies nutzt die Lernspiel-App Monster Zoo, mit dem für das Schreibenlernen wichtige Bewegungen, Grundformen und auch der Druck geübt werden kann.

Welche Auswirkung haben die vielfältigen, multimedialen Präsentationsformen von Schrift auf das Handschreiben der Kinder?

Hüttis-Graff: Jede Schrift, die uns heute begegnet, ist digital bearbeitet und bewegt sich manchmal noch. Dies beeinflusst, was Kinder denken, wie Schrift ist. Es prägt ihre Erwartungen.

Fällt es dann heute schwerer, schreiben zu lernen?

Quenzer: Die Spielarten, die Möglichkeit, von der Norm abzuweichen, finde ich erst einmal positiv. Früher war es ja nur wenigen vorbehalten, Schrift zu beherrschen. Wir erleben eine Demokratisierung von Schrift, auf der anderen Seite jedoch einen Verlust von ästhetischen Werten, schauen Sie sich mal Briefköpfe oder Firmenschilder heute an. Wer noch viel Ahnung von Kalligrafie hatte, war Steve Jobs. Der besuchte an der Universität Kurse in Kalligrafie und lernte das Schreiben zu schätzen. Dieses ästhetische Gespür, das Werturteil für Schrift kam ihm, als er Schriftarten für Apple auswählte, zugute.

Hüttis-Graff: Komisch, dass das Potential des Mit-der-Hand-Schreibens in einer Zeit, in der auf Ästhetik und Aussehen in anderen Bereichen so viel Wert gelegt wird, gar nicht beachtet wird. Beim Lernen einer verbundenen Schrift geht es üblicherweise um das Kopieren von Normen, und es wird nicht vermittelt, dass Schrift etwas mit individueller Gestaltung, mit der Bewegung des eigenen Körpers zu tun hat, mit Rhythmus.. Das Ziel des Unterrichts ist, leserlich und flüssig zu schreiben. Am Anfang wird jedoch das Individuelle der Handschrift allzu häufig vergessen. Als Schriften noch buchstabenweise in Klöstern abgeschrieben wurden, da ging es tatsächlich nicht um etwas Individuelles, auch nicht um eigene, individuelle Texte.

Quenzer: In Japan wird Schreiben noch als Kunstform geübt, da steht am Anfang des Tuns tatsächlich das genaue Kopieren. Die eigenen Potenziale zu entfalten spielt zunächst keine Rolle. Es geht um Exaktheit. Erst wenn ich die beherrsche, darf ich die Grenzen der Tradition überschreiten und etwas Neues entwickeln.

Hüttis-Graff: Aber wenn wir vier Linien machen, in die die Kinder ihre Buchstaben bringen sollen, dann ist das eine sehr enge Norm. Die klaren Formen müssen geübt werden, damit sie gut zu lesen sind. Aber wer schreibt denn als Erwachsener noch in schulischer Schönschrift? Schüler sollten also ein Gespür dafür entwickeln, wann sie wie schreiben. Ich plädiere für eine Reform des Schreibunterrichts: weg von der ausschließlichen Normierung der Handschrift hin zum situationsgebundenen Schreiben.

Quenzer: Je komplexer eine Schrift ist, desto schwieriger ist das umzusetzen. Wenn ein zusätzlicher Strich, ein anders laufender Haken eine andere Bedeutung eines Zeichens ergibt, so wie in Ostasien, da ist die Pflicht, am Anfang stark an der Norm zu bleiben, verständlich.

Hüttis-Graff: Da bin ich doch Ihrer Meinung! Die Aufmerksamkeit auf so kleine Unterschiede in der Druckschrift zu lenken, wie dass aus einem d ganz schnell ein q werden kann, das wäre toll, wenn wir das in Deutschland hätten. Wir haben nur wenige Schriftzeichen, da sollten wir mehr auf die unterscheidenden Merkmale eingehen, damit sie leicht zu erkennen sind. Jetzt schreiben alle Schreibanfänger mit der Hand Druckbuchstaben, sodass der Inhalt beim frühen Schreiben Priorität hat. Meist wird erst in Klasse 2 eine verbundene Schrift gelernt. In der Fachdidaktik befand sich die Schreibschrift jedoch zwischen 1980 und 2010 im Dornröschenschlaf.

Lassen Sie uns über die historische Entwicklung der Schriftkultur sprechen, wie kam es überhaupt zur Schrift?

Quenzer: Zu den ältesten Kulturen, die Schrift systematisch einsetzten, zählt die sumerische, über 5000 Jahre alt, die Keilschrift, da drückte man in den Ton Folgen von Formen. Spannend ist ja die Frage, wann Menschen meinten, etwas aufschreiben zu müssen. Das sind erstaunlicherweise nicht die Punkte, die wir heute wichtig finden. Keine beeindruckenden Gedichte oder philosophischen Werke, sondern Texte mit sehr banaler Motivation: Finanzwesen, Steuern etc. Die zweite wichtige Sphäre liegt im Bereich der Religion, und zwar oft Orakel oder Ähnliches. Sie hatten früher eine große Bedeutung, die Herrscherhäuser haben sich danach gerichtet, deshalb mussten sie festgehalten werden. Mit diesen beiden Punkten ging die Schrift eigentlich los. Vieles andere, zum Beispiel die Lehren Buddhas, ist über Jahrhunderte hinweg nur mündlich weitergegeben worden.

Hüttis-Graff: Deshalb war die Sprache früher anders gestaltet, rhythmischer oder mit Reimen versehen, sodass man sie sich besser merken konnte. Die Strukturen im Mündlichen dienten der besseren Erinnerbarkeit. Wie ist es denn mit den Unterschriften, Herr Quenzer? Die Insignien der ägyptischen Herrscher, die beweisen sollten, was alles ihnen gehörte, war das nicht der dritte wichtige Punkt, wie es zur Schrift kam?

Quenzer: Viele von denen, die da unterschrieben haben, konnten gar nicht schreiben. Auch Herrscher im Mittelalter machten oft nur einen kleinen Strich an eine Unterschrift, die ein Schreiber für sie vorbereitet hatte. Lange Zeit war das Schreiben, neben den Gelehrten, zumeist auf diese Profession beschränkt.

Sie sprachen von Unterschriften: Warum haben persönliche Unterschriften immer noch einen so hohen Stellenwert?

Hüttis-Graff: Weil dieser Schreibakt eine dauerhafte Identifizierung eines Artefakts mit einer Person erlaubt. Eine Unterschrift ist unverwechselbar. Es gibt inzwischen auch digitale Unterschriften.

Quenzer: Unterschreiben ist zugleich ein performativer Akt. Wer „House of Cards“ gesehen hat, erinnert vielleicht die Szene, in der die Stifte, mit denen der Präsident ein wichtiges Gesetz unterschreibt, an alle Beteiligten verschenkt werden. Das ist Realität: Es gibt ein berühmtes Foto, als Obama sein Obama-Care unterschrieben hat, da war ein Junge dabei, der ein signiertes Foto von dieser Szene bekam. Unterzeichnen als eine Handlung, da kann der schönste Algorithmus in einem Rechenzentrum, der bei einer digitalen Unterschrift die Richtigkeit prüft, nicht mithalten.

Damit sind wir wieder bei der Aura.

Hüttis-Graff: Aura klingt so mystifiziert.

Quenzer: Der Begriff Aura ist vielleicht beladen, er passt aber ganz gut. In Ostasien finden wir die Vorstellung, dass sich im Schriftduktus die spirituelle Persönlichkeit eines Künstlers wahrnehmen lässt. Die Zen-Meister gaben dem Schüler eine Sentenz von ihrer Hand als ein Zeugnis dessen, dass er der Schüler ist.

Was halten Sie von der Grafologie, sind Rückschlüsse von der Schrift auf die Persönlichkeit möglich?

Hüttis-Graff: Wissenschaftlich ist diese Frage ganz eindeutig zu beantworten: nein. Ob jemand ein guter oder ein schlechter Mensch ist, das kann niemand anhand der Schrift erkennen.

Wie lange werden wir noch mit der Hand schreiben?

Hüttis-Graff: Für immer, denke ich. Wir haben vielfältige Gründe genannt, man ist unabhängiger und die Handschrift ist mehr mit dem Schreiber und dem von ihm ausgedrückten Inhalt verbunden.

Quenzer: Über die Zukunft sollte ich als Wissenschaftler nichts sagen, aber es liegt in unserer Entscheidung. Wenn Kultusminister entscheiden, Kinder sollen nur noch digital arbeiten, dann sieht es schlecht aus. Doch Schreiben mit Hand ist eine sehr sinnvolle Sache, ich wünsche mir sehr, dass wir diese Kulturtechnik noch lange pflegen.

In der nächsten Folge am kommenden Sonnabend wird es um diese Frage gehen: Brauchen wir Eigentum?