Hamburger Senat

Jan Pörksen, der Strippenzieher des Bürgermeisters

Staatsrat Jan Pörksen am Eingang zum Senatsgehege im Hamburger Rathaus.

Staatsrat Jan Pörksen am Eingang zum Senatsgehege im Hamburger Rathaus.

Foto: Michael Rauhe / HA

Er ist seit Oktober Chef der Senatskanzlei, protestierte als junger Mann gegen Kanzler Schmidt – und ging dennoch zur SPD.

Hamburg. Das heimliche Zen­trum der Macht ist vielleicht 20 Qua­dratmeter groß und recht schlicht. Ein gläserner Schreibtisch, ein runder Besprechungstisch mit vier Stühlen, ein einsames Gemälde der Eimsbüttler Künstlergruppe Die Schlumper an den weißen Wänden. Nur die Lage verrät, dass der Inhaber dieses Büros im Rathaus eine herausgehobene Stellung haben muss: Denn zur einen Seite grenzt der Raum an das Arbeitszimmer von Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), auf der anderen Seite, nur getrennt durch ein Vorzimmer, hat die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) ihr Büro.

Dazwischen sitzt also Jan Pörksen, 54 Jahre, Dienstgrad: Staatsrat. Jobbezeichnung: Chef der Senatskanzlei. Oder anders ausgedrückt: der Mann, bei dem alle Fäden der Hamburger Regierungsarbeit zusammenlaufen – und derzeit sogar noch ein bisschen mehr.

Viel Bundespolitik auf seinem Schreibtisch

Kein Gesetzentwurf, keine Drucksache des Senats, keine Antwort einer Behörde auf Kleine oder Große Anfragen von Bürgerschaftsabgeordneten (und das sind einige Tausend pro Jahr) verlässt ohne Pörksens Okay das Rathaus – gekennzeichnet durch das interne Kürzel SVSK (steht für „Senatoren-Vertretung Senatskanzlei“). Und da Hamburg zudem noch bis zum 30. September den Vorsitz der Ministerpräsidentenkonferenz innehat, landet auch jede Menge Bundespolitik auf Pörksens Schreibtisch – der dafür überraschend aufgeräumt aussieht. Papier war halt gestern, heutzutage wird elektronisch kommuniziert.

Wie beschreibt man solch eine Funktion am besten? Strippenzieher? Koordinator? Pörksen ringt einen Moment um die richtige Formulierung und bringt es dann in einem Satz auf den Punkt: „Im Grunde genommen ist der Chef der Senatskanzlei derjenige, der dafür sorgen muss, dass der Laden läuft.“

Zurückhaltende Art

Wobei „der Laden“ je nach Definition für den Senat steht oder sogar für die Stadt. In jedem Fall keine Kleinigkeit. Jan Pörksen ist kein Macher-Typ, der mit großer Bugwelle jeden Raum entert und erwartet, dass sofort alle nach seiner Pfeife tanzen. In seiner zurückhaltenden Art ähnelt er eher seinem Chef, dem Bürgermeister. Aber nach siebeneinhalb Jahren als Staatsrat der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration ­(BASFI), in denen er unter anderem die Herausforderung des großen Flüchtlingszuzugs bewältigen musste, mit Todesfällen von Kindern unter den Augen der Behörden konfrontiert war und den rasanten Ausbau des Kita-Systems mitverantwortet hat, kannte der Jurist „den Laden“ doch so gut, dass er nicht lange überlegen musste, als der Anruf aus dem Rathaus kam. „Zu so einem Jobangebot sagt man nicht Nein“, sagt Pörksen.

Es war kurz nach den Sommerferien, als Christoph Krupp, der seit Amtsantritt des damaligen Bürgermeisters Olaf Scholz (SPD) 2011 die Senatskanzlei geleitet hatte, sich entschied, seinem langjährigen Chef auf die Bundesebene zu folgen und Vorstandschef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zu werden – die dem Bundesfinanzminister Scholz untersteht.

Vertrauensvolles Verhältnis

Dass Pörksen einmal Krupps Nachfolger auf dem wohl strategisch wichtigsten Posten im Rathaus werden könnte, galt intern schon länger als ausgemacht. Zwar hatten er und der neue Bürgermeister bis dahin noch nie eng zusammengearbeitet. Doch die beiden Sozialdemokraten kannten sich schon lange, auch die Ähnlichkeit in der Persönlichkeitsstruktur dürfte „ein Grundvertrauen“, so Pörksen, befördert haben. „Unser Verhältnis ist sehr offen und vertrauensvoll, wie man das in dieser Funktion braucht.“ Schließlich düse er viel zwischen den beiden Büros hin und her, sagt Pörksen und deutet mit dem Daumen über die Schulter nach hinten, wo Tschentscher sein Arbeitszimmer hat.

Allzu häufig treffen sich die beiden aber nicht an, schließlich sind beide Terminkalender proppenvoll. Spätestens um acht Uhr habe er in der Regel den ersten Termin, erzählt Pörksen. Danach reihe sich einer an den anderen, teilweise warten die Gesprächspartner wie beim Arzt in verschiedenen Besprechungszimmern.

Wenn er Zeit hat, übt er Trompete

Herausfordernd ist dabei nicht nur die Termindichte, sondern auch die Themenvielfalt: „Man muss sich unheimlich schnell auf neue Themen einstellen“, sagt Pörksen. „Erst reden Sie über die Science City Bahrenfeld, dann über Verwaltungs-Digitalisierung, danach eine Telefonschalte zu einem Bundesthema, und am Abend geht es mit dem Bürgermeister zum Übersee-Club.“ Dazwischen immer wieder Akten, Akten, Akten. Damit das alles zielführend ist, kommuniziere der „SVSK“ intern sehr konsequent, heißt es im Rathaus: Pörksen denke schnell, rede schnell und lasse sich ungern in seinem Gedankengang unterbrechen, damit danach alle wissen, was zu tun ist. Zack, nächster Termin.

Diese Koordinierungsfunktion ist einer der größten Unterschiede zu seiner vorherigen Tätigkeit. „In der BASFI lernt man das wahre Leben kennen, ist vor Ort in sozialen Einrichtungen und näher dran an den Menschen“, sagt Pörksen. „Das ist in der Senatskanzlei etwas anders. Das Spannende hier ist, dass man die großen Linien mitprägen und sich auch bundespolitisch stärker einbringen kann.“ Dass er trotz seines großen Einflusses aus Sicht der Öffentlichkeit meist im Verborgenen agiert, ist dem Vater zweier Kinder, die beide studieren, dabei ganz recht: „Ich finde es ganz angenehm, dass ich in diesem Job nicht so im Fokus stehe.“

Glaube ist eine wichtige Konstante

Politisiert worden sei er vor allem über die Kirchentage, sagt Pörksen. Er hörte Erhard Eppler und Willy Brandt, sympathisierte mit der Anti-Atom- und der Friedensbewegung, demonstrierte gegen den von Helmut Schmidt forcierten Nato-Doppelbeschluss, trat aber 1981, mit 17, dennoch in die SPD ein. „Ich gehöre zu den Sozialdemokraten, die nicht wegen, sondern trotz Helmut Schmidt in die SPD eingetreten sind.“ Verehrt habe er den Hamburger erst später, als der nicht mehr Kanzler war.

Eine andere Konstante in Pörksens Leben ist der Glaube. Für mehr als einmal in der Woche Singen im Kirchenchor in der Christuskirche Othmarschen reicht die Zeit zwar nicht, dennoch gebe ihm der Glaube eine gewisse Grundfestigkeit: „Ich lasse mich nicht so leicht aus der Kurve tragen. Die Flüchtlingsfrage zum Beispiel wäre nicht zu bewältigen gewesen, wenn man nicht eine gewisse Erdung, ein Grundvertrauen und auch den Optimismus hat, dass die Dinge schon hinhauen werden.“

Intrige hat ihn erschüttert

Umso mehr hat ihn 2008 die Intrige in seiner SPD Eimsbüttel erschüttert. Damals hatte der Jungpolitiker und heutige Bürgerschaftsabgeordnete Danial Ilkhanipour sich trickreich hinter den Kulissen Mehrheiten organisiert, um dem gestandenen Bundestagsabgeordneten Niels Annen die erneute Kandidatur abzuluchsen – was ihm auch gelang, allerdings ging das Mandat daraufhin für die SPD verloren. Pörksen, der Annen unterstützt hatte, legte seinerzeit den SPD-Kreisvorsitz nieder und hat seitdem kein Parteiamt mehr übernommen. Dass dieser Vorgang bis heute nachwirkt, wird schnell deutlich, aber Pörksen ist ebenso erkennbar bemüht, kein Salz in die Wunde zu streuen. Auf die Frage, was er aus der Zeit gelernt habe, sagte er nach einiger Bedenkzeit: „Die charakterlichen Eigenschaften der Leute, mit denen ich zu tun habe, sind wichtiger als die Frage, wo sie politisch verortet sind.“

Sein Lebenslauf unterstützt diese Haltung. In mehr als 20 Jahren Verwaltungsarbeit hat Pörksen nicht nur Sozialdemokraten gedient – etwa dem damaligen Bürgermeister Ortwin Runde als persönlicher Referent –, sondern auch Senatoren, die von der Schill-Partei, der CDU oder der FDP nominiert waren. Und bevor er in Hamburg Staatsrat wurde, arbeitete er als Haushaltsdirektor in Bremen unter der Grünen-Finanzsenatorin Karoline Linnert

Seine Ehefrau ist auch Sozialdemokratin

Daheim in Eimsbüttel muss er sich hingegen parteipolitisch nicht umstellen: Ehefrau Anke Pörksen ist auch Sozialdemokratin und seit 2013 Sprecherin von Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Wird dann auch mal beim Frühstück über Elbvertiefung oder die Koordinierung von Autobahnbaustellen gesprochen? Nein, sagt Pörksen: „Fachthemen zwischen Hamburg und Niedersachsen tauschen wir nicht aus, das halten wir schön auseinander.“

Sie seien zwar ein politischer Haushalt, achteten aber beide darauf, ein Privatleben abseits von Politik zu haben. Einen Ausgleich zum stressigen Job findet er entsprechend bei recht unpolitischen Aktivitäten wie eben Singen oder Kochen. Und dann ist da noch ein ­Instrument, das er schon als Kind erlernt hat: „Wenn ich dazu komme, packe ich mal meine Trompete aus.“ Obwohl die Pörksens in Eimsbüttel zur Miete wohnen, werde das von den Mitbewohnern geduldet, meint der Hobby-Trompeter beobachtet zu haben. „Aber ich übe auch nicht morgens um 6 Uhr ...“

Nächste Woche: Christina Block, Gastronomin und Unternehmerin