Stadtgeschichte

Krugkoppelbrücke: Viadukt der drei Hamburger Baumeister

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Josef Nyary
Das verklinkerte Bauwerk von 1928.

Das verklinkerte Bauwerk von 1928.

Foto: picture alliance

Das denkmalgeschützte Bauwerk zählt zu den historisch interessantesten Überführungen Hamburgs. Zurzeit wird es restauriert.

Hamburg. Der Erste stellt die Speicherstadt in die Elbe. Der Zweite zieht Charakterbauten wie das Tropeninstitut, die Hochschule für bildende Künste, das Johanneum oder das Museum für Hamburgische Geschichte hoch. Und der Dritte näht Bypässe ans schlagende Herz der Stadt: Straßen, Flüsse und Kanäle. Alle drei sind kühne Planer in hohen Ämtern. Alle drei feiern mit ihren Bauten den norddeutschen Backstein. An alle drei erinnern heute Straßennamen. Doch nur ein einziges Projekt ist auch ein gemeinsames Werk: die Krugkoppelbrücke am Nordrand der Außenalster.

Die drei roten Backsteinbögen vor dem Grün des Eichenparks und dem Blau von Himmel und Streek überspannen ein besonders ansehnliches Stück Stadtlandschaft: „Hier gehet in gewölbten Lüften / Die Sonne recht gefällig auf“, dichtet Hamburgs Hauspoet Friedrich von Hagedorn 1748 in seiner Ode „Harvestehude“, „Und lachet den beblümten Triften / Und sieht mit Luft der Alster Lauf.“

Heute sehen Anwohner und Verkehrsteilnehmer den populären Viadukt eher mit Missvergnügen: Seit dem vergangenen Spätsommer für Autos gesperrt, soll die ursprünglich bis März geplante Sanierung jetzt noch weitere quälende Monate bis in den Oktober hinein andauern. Und auch danach gilt noch lange nicht „freie Fahrt“ über die Alster zwischen Winter- und Harvestehude, denn am Südwestende muss unbedingt noch einer der bei Verkehrsplanern besonders beliebten Kreisel her. An der seit alters „Schiffloch“ genannte Stelle kurz vor der Einmündung der Alster in den See ist, so der Kunsthistoriker Hermann Hipp in seinem Führer durch die „Freie und Hansestadt Hamburg“, „bis heute vom Naturzustand Harvestehudes noch am ehesten eine Ahnung zu gewinnen“.

Mächtige Zeugen uralter Zeiten

Denn der Eichenpark um das Hagedorndenkmal bewahrt den letzten nicht bebauten Rest der alten Auenlandschaft wenigstens noch als Auslauf für Hund & Co. Bis heute ragen dort mächtige Zeugen uralter Zeiten in den Himmel: „Die gewaltigen Bäume, welche schon das Feldlager der Dänen im Dreißigjährigen Krieg beschatteten, stehen zum Teil noch in ungebeugter Kraft“, schreibt der Architekturhistoriker Wilhelm Melhop 1895 in seiner „Historischen Topographie der Freien und Hansestadt Hamburg“, aber: „Zwischen ihnen liegen doch schon mehrere Genossen hingestreckt im Rasen, malerisch überwachsen von Schlingpflanzen.“

Am Ufer endet damals eine kleine Straße, die schon im 16. Jahrhundert an einer umzäunten Viehweide zu einem Wirtshaus führt und deshalb „Krugkoppel“ heißt. Die nächste Alsterbrücke, 1870 von dem Großgrundbesitzer Adolph Sierich finanziert, verbindet 400 Meter weiter nördlich Maria-Louisen- und St. Benedictstraße.

Erste Variante war eine der letzten aus Holz

Jahre später macht die Stadt mit Sierichs Erben einen Deal: Die Eigentümer stellen am Nordufer der Außenalster kostenlos Flächen für die Erschließung bereit, und die Staatskasse übernimmt die Kosten für Bau und Unterhalt der Verkehrswege.

Zum neuen Straßennetz gehören acht Brücken. Die jüngste entsteht 1892 nach Plänen Franz Andreas Meyers und ist eine der letzten Holzbrücken Hamburgs: die erste Krugkoppelbrücke. Meyer arbeitet seit 1862 für die Hamburger Schifffahrts- und Hafendeputation am neuen Sandtorhafen. 1883 übernimmt er als Oberingenieur die gesamte Planung für die Speicherstadt. In seiner Dienstzeit bis zu seinem Tod 1901 wächst die Hamburger Bevölkerung von 200.000 auf 700.000 Menschen an. Sie wünschen vor allem einen störungsfreien Nahverkehr, und Meyer baut ihnen immer neue Brücken: Trostbrücke, Heiligengeistbrücke, Feenteichbrücke, Brooksbrücke, Schwanenwikbrücke.

Außerdem liegt ihm die Volksgesundheit am Herzen. Er plant die Alsterbadeanstalt an der Lombardsbrücke und das Stadtbad Hohe Weide in Eimsbüttel. Aber auch die große Wasserfiltrationsanlage auf Kaltehofe, zwischen deren pittoresken Schiebehäuschen jetzt der Schierlingswasserfenchel die Elbvertiefung überleben soll.

Riesenaufgabe für Fritz Schumacher

Im 20. Jahrhundert übernimmt Fritz Schumacher als Oberbaudirektor die Riesenaufgabe, Hamburg zu einer modernen Metropole weiterzuentwickeln. Als erste Maßnahme kanalisiert er die Alster von der Fuhlsbüttler Schleuse bis nach Eppendorf. Seine Vorgänger wollten dort möglichst naturnahe Ufer lassen, doch der neue Mann setzt eine strenge architektonische Fassung mit Böschungsmauern, Terrassen und Becken durch. Das Ergebnis ist ein attraktives Baugebiet für das gehobene Bürgertum etwa an Leinpfad und Rondeel. Auch an der Krugkoppel will Schumacher Stein. Nach seinen Plänen entsteht 1927/28 eine Eisenbetonbrücke aus drei eingespannten Korbbogengewölben. Für die Verblendung der Brüstungsfelder wählt er Klinkerkeramiken und Terrakotten mit Weinranken und zweischwänzigen Meereswesen.

Die Ausführung übernimmt der dritte Brückenbauer, Gustav Leo. Der Bauingenieur assistiert Schumacher schon bei der Alsterkanalisierung und baut dabei auch die Leinpfadbrücke. Außerdem leitet er den Umbau des Stadtparks. Später kümmert er sich auch um Kanalisation, Straßenreinigung und Müllverbrennung. 1933 setzen ihn die Nazis ab: In ihrem Jargon ist er „Vierteljude“. 1944 wird er verhaftet und in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel verschleppt. Kurz darauf stirbt er, weil er nicht die für ihn lebensnotwendigen Medikamente erhält.

Muschelornamente als Zierde

Auch ein damals berühmter Künstler wirkt an der Krugkoppelbrücke mit: ­Richard Kuöhl. In den 1920er- und 1930er-Jahren ist er der meistbeschäftigte Bildhauer der Stadt. Sein bekanntestes Werk ist das Kriegerdenkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen des 76er-Infanterie-Regiments am Dammtorbahnhof. Als – so Kritiker – „heroisch-monumentales Werk im Dienst der politischen Ziele der Nazis“ ist es bis heute heftig umstritten. Die Krugkoppelbrücke aber schmückt er noch ganz zivil mit Muschelornamenten, die in die Pfeiler eingelassen werden.

Seit der Jahrtausendwende rollen jeden Tag 13.000 Fahrzeuge über die denkmalgeschützte Brücke. Aktuell dürfen nur Fußgänger und Radfahrer passieren. Außerdem bleibt die Krugkoppelbrücke beliebter Aussichtspunkt bei Spektakeln wie Silvesterfeuerwerk, Kirschblütenfest oder Blutmond.

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