Pädagogik

Was Geschlechter-Klischees mit Schulerfolg zu tun haben

Gender-Forscher sagen: Das, was wirklich darüber entscheidet, wie sich Jungen und Mädchen entwickeln, ist die Prägung durch gesellschaftliche Normen, Zuschreibungen und gelebte Wirklichkeiten.

Gender-Forscher sagen: Das, was wirklich darüber entscheidet, wie sich Jungen und Mädchen entwickeln, ist die Prägung durch gesellschaftliche Normen, Zuschreibungen und gelebte Wirklichkeiten.

Foto: bokan76 / Getty Images/iStockphoto

Typisch weiblich? Typisch männlich? Wie Hamburger Gender-Pädagogen Vorurteile aus dem Klassenzimmer verbannen wollen.

Hamburg. Charakter, Neigungen, Vorlieben – was entscheidet darüber, ob wir irgendwann einen Airbus fliegen oder in der Kita die Aufsicht über eine Horde Flöhe haben. Wer sich den Anteil der weiblichen Piloten und männlichen Erzieher anschaut, könnte meinen: Das eine ist ein Männerding, das andere mögen Frauen eben lieber. Also alles vorgegeben? Durch Gene oder gar unterschiedliche Gehirne. Gender-Forscher sagen: alles Quatsch. Das, was wirklich darüber entscheidet, wie sich Jungen und Mädchen entwickeln, ist die Prägung durch gesellschaftliche Normen, Zuschreibungen und gelebte Wirklichkeiten. Ihre These: Wenn Rollenklischees über Bord geworfen werden, können Jungen und Mädchen über sich hinauswachsen und bessere Abschlüsse machen.

Kein Wunder, dass das Thema „Gender“ längst auch in den Schulen angekommen ist. Auch am Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung ist es seit fast einem Jahrzehnt fest verankert. Das Abendblatt hat mit Marcus Thieme (Gender/ Jungenpädagogik) und Beate Proll (Leitung der Abteilung „Beratung – Vielfalt, Gesundheit, Prävention“) über „Mathe-Gene“ und Chancengleichheit gesprochen – und ganz nebenbei erfahren, dass Rosa eigentlich eine Männerfarbe ist.

Jungs stören häufiger, Mädchen sind ordentlich und fleißig. Mädchen können besser schreiben, Jungs besser rechnen. Alles nur Vorurteile oder ist doch was dran?

Marcus Thieme: Natürlich ist da was dran. Statistiken sprechen jedenfalls dafür, dass das in vielen Fällen so ist. Aber die Frage, die sich Gender-Forscher stellen ist: Warum ist das so?

Und warum ist das so? Also in Kurzform?

Thieme : Wie sich Menschen entwickeln, hängt maßgeblich davon ab, wie sie geprägt werden. Und auch im Jahr 2019 ist es so, dass bestimmte Verhaltensweisen eben eher Frauen als Männern zugeordnet werden und umgekehrt. Das passiert teilweise auch unbewusst, ist aber genauso wirkungsvoll.

Beate Proll: Bleiben wir doch bei den Mädchen und Mathe. Wenn Mädchen schon früh sagen, „Ich kann kein Mathe“, heißt es oftmals aus dem Umfeld: „Das ist nicht so schlimm, das konnte ich früher auch nicht.“ Auch Frauen sagen solche Sätze und vermitteln damit: Ist nicht so schlimm, wenn man als Mädchen kein Mathe kann. Geht auch ohne.

Und die Gene? Die müssen doch auch eine Rolle spielen ...

Proll: Natürlich tun sie das, aber die Vorstellung, dass es so eine Art „Mathe-Gen“ gibt, ist schlicht falsch. Das Gehirn ist ein Organ, dessen Entwicklung maßgeblich davon abhängt, wie man es „füttert“, welche Impulse es bekommt. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun. Es geht darum, ob und wie Interesse geweckt und gefördert wird. Das zählt.

Thieme: Es gibt auch interessante Studien zu dem Einfluss von Testosteron auf aggressives Verhalten von Jungen und männlichen Jugendlichen. Und tatsächlich gibt es da einen Zusammenhang zwischen einer erhöhten Ausschüttung von Testosteron und aggressivem Verhalten. Aber anders als man denkt: Kinder, die aggressive Situationen erleben, sich viel mit anderen messen etc., schütten mehr Testosteron aus. Das Hormon ist also nicht der Auslöser von Aggression, sondern die Folge. Da werden die Kausalzusammenhänge oftmals verdreht.

Welche Bedeutung hat die Gender-Forschung für die Schule?

Proll: Im Sinne einer gerechteren Gesellschaft haben wir an Schulen ganz klar einen Auftrag. Nämlich vor allem, allen Kindern und Jugendlichen die besten Chancen zu bieten und die bestmöglichen Abschlüsse zu ermöglichen. Und das hat eben auch damit zu tun, alle gleichermaßen zu fördern und zu fordern und wirklich allen alle Chancen zu bieten. Übergeordnet geht es vor allem darum, eine freiheitlich-demokratische Denkweise und Entwicklung jenseits von äußeren Zuschreibungen zu fördern.

Thieme: Menschen, die sich mit dem Thema Gender beschäftigen, wird oft vorgeworfen, sie wollten alle gleichmachen. Das stimmt aber keinesfalls. Es sollen nur keine Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten werden, weil sie nicht in klassische Geschlechterbilder passen. Es ist bestimmt nicht unser Ziel, aus allen Mädchen begeisterte Mechatronikerinnen zu machen. Aber es ist wichtig, beim Orientierungspraktikum auch Mädchen diesen Beruf als Option vorzustellen.

Proll: Es müssen Erprobungsfelder für alle Bereiche geschaffen werden. Und den Schülerinnen und Schülern muss klargemacht werden, dass weder das eine noch das andere Geschlecht in bestimmten Bereichen von Natur aus unterlegen ist. Ein gutes Beispiel ist auch das Thema Intelligenz, das Kinder immer noch eher den Jungen zuordnen. Das liegt daran, dass gute Ergebnisse bei Mädchen oft auf Fleiß und Ordentlichkeit zurückgeführt werden. Bei Jungs wird das eher als geniehaft gewertet. Solche Zuschreibungen sind für Jungs und Mädchen nicht förderlich.

Thieme: Das Gleiche gilt beim Thema Kraft. Da wird Mädchen vermittelt, dass Jungs stärker sind. Totaler Quatsch. Bis zur Pubertät sind Jungs und Mädchen gleich stark. Viele Mädchen wissen das nicht und halten sich dann zum Beispiel im Sportunterricht zurück und lassen den Jungs den Vortritt, weil ihnen das Selbstvertrauen fehlt.

Wäre es dann nicht sinnvoll, in manchen Fächern getrennt zu unterrichten?

Proll: Es gibt durchaus Punkte, die in einigen Fächern für eine phasenweise Trennung sprechen. Aber es kommt darauf an, wie man das moderiert. Am Ende darf nicht rüberkommen, dass Mädchen jetzt getrennt Physikunterricht bekommen, „damit sie es auch endlich verstehen“. Wenn es wie ein Hilfskurs rüberkommt, wäre es kontraproduktiv.

Das ganze scheint ein Bereich mit vielen Fallstricken zu sein ...

Thieme: (lacht) Ja, das stimmt wohl. Wichtig ist einfach, dass Lehrer das Thema fest im Hinterkopf haben und ganz klassische Zuweisungen, so gut es geht, vermeiden. Bei getrenntem Sportunterricht etwa bringt es nichts, wenn der nur genutzt wird, damit die Jungs endlich mal in Ruhe Fußball spielen können. Dann bitte auch Tanz und Bodenturnen oder andere Sportarten.

Mädchen schneiden ja im Schnitt besser ab in der Schule. Woran liegt das?

Proll: Das hat viele Gründe. Einer ist, dass bei Jungs das Sozialverhalten oft negativ mit in die Bewertung einfließt. Ein hibbeliges und lautes Verhalten eckt oft an.

Thieme: Das stimmt. Einige Jungs werden aufgrund ihres erhöhten Bewegungsdrangs oft als Störer wahrgenommen. Und dann greifen schnell Mechanismen, nach denen das Stören Sanktionen nach sich zieht. In unseren Fortbildungen schulen wir, die eigene Haltung zu überprüfen. Wer den Bewegungsdrang nicht nur negativ sieht, sondern eher „verhaltensoriginell“ bewertet, der muss nach anderen Lösungen suchen als Sanktionen. Und er wird auch welche finden. Dann gibt es halt mal individuelle Sonderregelungen. Bei mir dürfen die Jungs zwischendurch mal durchs Treppenhaus rennen, wenn es nicht anders geht. Aber es gibt auch viele Bewegungsübungen, die man einbauen kann, von denen alle profitieren.

Wie dem auch sei, der schlechtere Abschluss ändert ja offenbar nichts daran, dass danach meistens doch die Männer die Top-Jobs bekommen.

Thieme: Es fehlt in vielen Bildungsinstitutionen an Role-Models, also Rollenbildern wie zum Beispiel Männer in der Grundschule. Aber da ändert sich ja viel derzeit. Wir haben eine Frau als Bundeskanzlerin und eine Zweite Bürgermeisterin in der Hansestadt Hamburg und vieles mehr. Die Zahl der Role-Models nimmt zu. Welche Auswirkungen das haben kann, konnte man an der Kampagne „Mehr Männer in Kitas“ gesehen. Da wurden coole „männliche“ Männer gezeigt. Und siehe da: Die Zahl der Erzieher ist gestiegen.

Was hat sich seit der Gründung der Gender-Abteilung vor neun Jahren geändert?

Thieme: Jungs werden heute differenzierter gesehen und nicht mehr unbedingt defizitär. Als wir an den Start gingen, gab es Schlagzeilen wie „Jungs, die die neuen Bildungsverlierer“ und die „Jungenkatastrophe“. Das würde heute keiner mehr so sagen. Die Sensibilität für das Thema wird immer größer, die Vorurteile gegen unsere Arbeit geringer. Aber ein „fertig“ kann es trotzdem nicht geben.

Wo gibt es noch Handlungsbedarf?

Proll: Die Zuschreibungen, die Kinder schon im Kleinkindalter erfahren, sind erheblich. Da gibt es kaum einen Bereich ohne Gender-Marketing. Spielzeug und Kleidung sind fast immer gebrandet. Und so erleben Kinder eben schon früh, was sie zu interessieren hat und was nicht. Das können wir in Kita und Schule natürlich nicht ganz auffangen, aber es ist unsere Aufgabe, die Blickwinkel zu weiten.

Thieme: Genau so ist es. Da wird bei den ganz Kleinen wieder mit Rollenbildern gearbeitet, die längst als überholt gelten. Allein das Farbkorsett bei den Jungs- und Mädchenklamotten ist eigentlich nicht zu erklären. Zumal die Zuschreibung mit Rosa und Blau willkürlich ist. Bis zum Ende des Kaiserreichs waren alle Purpur-Töne, von Flieder bis Pink, Jungen vorbehalten. Das weiß heute nur keiner mehr.