Tagebuch

Melzer zieht Bilanz: Meine „alten“ Nachbarn, die Flüchtlinge

Jan Melzer schreibt seit Jahren über seine Nachbarn in Poppenbüttel: Flüchtlinge.

Jan Melzer schreibt seit Jahren über seine Nachbarn in Poppenbüttel: Flüchtlinge.

Foto: Andreas Laible / HA

Als Pläne für eine Flüchtlingsunterkunft in seiner Nachbarschaft bekannt wurden, begann Jan Melzer mit seinem Tagebuch.

Hamburg. Es ist schon unglaublich, was man mit einer Abendblatt-Kolumne auslösen kann. Bei jedem LaLeLu-Konzert im Einzugsgebiet dieser schönen Zeitung werde ich von Lesern angesprochen, wie gerne sie meine Gedanken lesen und dass ich auf jeden Fall wieder schreiben müsse. Sogar Olaf Scholz und Gabi Bauer outeten sich als Leser. Ein wichtiger Satz ist immer: „Endlich spricht mal einer die Wahrheit aus und beleuchtet alle Seiten der Flüchtlingsdebatte.“ Ernsthaft? Gab es tatsächlich 2015, als alles begann, keinen anderen außer mir, der sich mal ohne Schaum vorm Mund zur Debatte geäußert hat?

Ich selbst sehe das Ganze ja eher nüchtern: Ich habe einfach meine Gedanken aufgeschrieben, und ich habe mir dabei verboten, mich am Ende eines Gedankenganges selbstzufrieden zurückzulehnen. Vielleicht ist es das. Vielleicht waren wir alle in der Debatte viel zu selbstzufrieden und haben uns mit unserer Wohlfühl-Meinung eingeseift. Gerubbelt. Massiert. Vielleicht ist dadurch die Spaltung unserer Gesellschaft in „Gutmenschen“ und „Nazis“ entstanden, zwei Begriffe, die sich so geil ausspucken lassen und die zuallererst einfach nur verletzen. Und wer verletzt ist, ist nicht mehr offen für den anderen.

Nun muss ich dazu sagen, dass ich durchaus eine Haltung habe und sie näher am „Gutmenschen“ ist. Interessanterweise rückt man aber oft weiter nach „rechts“, je unmittelbarer man betroffen ist. Seit zwei Jahren bin ich selbst Nachbar einer für Flüchtende vorgesehenen Siedlung. Wenn ich heute eine Bilanz ziehe, fallen mir zuerst Momente ein, in denen ich mich meinen eigenen „rechten“ Gefühlen stellen musste.

Wer fremdelt, ist noch kein Nazi

Ein schönes Beispiel war ein Gassi-Gang: Wir haben seit März 2018 einen Hund. Der Kleine ist das freundlichste Tier, das ich jemals gesehen haben und freut sich über alles und jeden. Und dann das: Als wir mal wieder am Golfplatz entlanggehen, dreht unser freundlicher kleiner Kobold plötzlich komplett durch. Er schmeißt sich in die Leine, knurrt und bellt und ist offensichtlich stocksauer, was er noch nie war.

Was war geschehen? Auf der Wiese vor dem Golfplatz saß eine Frau mit Kopftuch auf einer Decke im Gras. Mehr nicht. Sie las ein Buch. Was waren wir froh über die Leine! Jetzt kann mir der geneigte Leser bitte glauben, dass ich meinen Hund gewiss nicht auf Muslime abgerichtet habe. Vielmehr erklärten wir uns das Ereignis so, dass noch nie ein Mensch an dieser Stelle im Gras gesessen hat. Wir Deutschen tun so etwas in der Nähe unserer Wohnungen eher selten und wenn, dann an offiziellen Stellen, wie im Stadtpark oder an der Alster. Dieses Verhalten war also überraschend und eben auch: fremd.

Wieder loslassen

Ich habe mich natürlich bei der unschuldigen Dame entschuldigt und noch lange über diesen Vorfall gegrübelt. Wenn selbst ein politisch unbeleckter Hund Probleme mit der Begegnung mit dem Fremden haben kann, dann müssen wir uns eingestehen: Wer fremdelt, ist noch kein Nazi. Ich glaube, das steckt auch in vielen Menschen. Und viele, die jetzt sauer sind, weil wir sie vorschnell als „rechts“ eingestuft haben, fühlen sich ungerecht behandelt, weil sie sich als Beschützer verstehen und eher Dankbarkeit erwartet hätten. Diese Enttäuschung über die Undankbarkeit ist ein tiefes ätzendes Gefühl.

Ich hatte diese Gefühle alle in Ansätzen auch, ich bin immer noch genervt von jedem Kopftuch, das ich sehe, weil es meine Werte der Gleichberechtigung verletzt und ich mir Sorgen mache, was das für die Zukunft bedeutet. Gleichzeitig habe ich tolle Frauen mit Kopftuch kennengelernt. Starke Frauen.

Und genau so, wie ich meine „rechten“ Gefühle und Gedanken richtig finde, komme ich jetzt an den Punkt, wo ich es für unerlässlich halte, nach „links“ abzubiegen. Wenn ich also in Kampfstellung in der dunklen Straße stehe und die vermeintliche Gefahr sich als harmlose Begegnung herausstellt, dann muss ich auch wieder loslassen. Wir müssen uns um die Menschen kümmern, die aus der Kampfstellung nicht mehr herauskommen.

Eritreische Namen sind sehr schwer zu merken

Denn die Wahrheit lautet: „Unsere“ Flüchtlinge sind nun seit über einem Jahr da und entpuppen sich als völlig harmlos. Poppenbüttel hat sich bis auf den 176er-Bus kein Stück verändert. Hin und wieder sieht man junge Eritreer auf dem Fahrrad. Ansonsten läuft die beeindruckende stille Arbeit von „Poppenbüttel Hilft“ im Hintergrund: Cafés für Mütter und Kinder, regelmäßige Treffpunkte, Sprachkurse noch und nöcher, Ausflüge, Möbel- und Kleiderspenden, Hilfe bei Behördengängen und und und! Ich bin stolz auf „meinen“ Verein und schäme mich ein bisschen, dass ich nur stiller Teilhaber bin. Zum richtigen „Gutmenschen“ bin ich zu faul oder im Idealfall zu beschäftigt.

Bisher habe ich es nur geschafft, einen Ausflug ins Miniatur Wunderland zu betreuen. Bei der Begrüßung gleich die erste Schwierigkeit: Ich bin Jan und du? Gwstslrm. Wie bitte? Wtzmkjlst! Ok, merk ich mir … Äh, wie war das noch? Im Ernst: Diese Namen! Es ist ja eine Frage des Respekts, sich die Namen seines Gegenübers einzuprägen. Allein: ich schaffe nur vier von sechs überhaupt zu verstehen, und ich habe im Grunde fast alle sofort wieder vergessen. Boah, ist Integration schwierig!

In der S-Bahn kommen wir dennoch ins Gespräch. Die Kopftuch-Lady ist mit ihren Kindern über die Türkei gekommen. Jetzt ist sie seit fünf Jahren in Deutschland und spricht ganz passabel Deutsch. Ihr Großer allerdings perfekt. Ich gehe so weit zu sagen: Der Junge ist bereits ein Deutscher! Danach setzte ich mich zu den Eritreern. Drei der berühmten „unbegleiteten jungen Männer“, die alle in Poppenbüttel verhindern wollten. Schmale Jungs, alle mindestens einen Kopf kleiner als ich. Sie sind schüchtern und sehr zugewandt, aber das ist ja auch logisch, denn dieser Ausflug ist freiwillig. Wenn bei uns ein paar eritreische „Asis“ wohnen sollten, wären die jetzt sicher nicht hier bei mir auf dem Weg in eine Märklin-Ausstellung. Es gibt einen charmanten Wortführer, der schon recht gut Deutsch kann und zwei unsichere Sidekicks, die hin und wieder lachend ein Wort beisteuern.

Restriktive Wehrpflicht in Eritrea

Sie sind klassisch über die Balkanroute gekommen. Dies sind die Gesichter zu den Geschichten in der Zeitung. Ich lerne, was in Eritrea los ist und warum fast ausschließlich junge Männer von dort nach Deutschland kommen: In Eritrea gibt es eine restriktive Wehrpflicht. Bereits mit 16 Jahren werden alle Jungs eingezogen und müssen dann für mindestens 10 Jahre in einen andauernden Bürgerkrieg mit Äthiopien ziehen, wo sie, wenn nicht ihr Leben, so doch ihre Jugend und ihre Zukunft verlieren.

Inzwischen haben eine Million Menschen das Land deshalb fluchtartig verlassen, und man fragt sich, wann die Regierung in Eritrea das kapiert. Das ist ein Fünftel der gesamten Bevölkerung! Und das, obwohl Republikflucht verboten ist und Schießbefehl an der Grenze herrscht. DDR, ick hör dir trapsen.

Der Rest ist schnell erzählt: Ich verbringe die meiste Zeit mit der syrischen Familie im MiWuLa, während sich die Eritreer nach einer Dreiviertelstunde höflich abmelden. Modelleisenbahn ist nicht unbedingt was für Jungmänner. Es war ein sehr netter Tag mit netten Bekanntschaften. Ich sollte unbedingt öfter meinen Hintern hochkriegen! Und man kann das Engagement der Braun-Zwillinge nicht hoch genug loben, die ihr Wunderland für Bedürftige kostenlos zur Verfügung gestellt haben.

Poppenbüttel ist gerade dabei, es zu schaffen

Ich möchte an dieser Stelle mein Tagebuch beenden, weil ich – zum Glück – meinen Hauptantrieb verloren habe: Die Angst, dass Poppenbüttel seinen Frieden verliert. Dagegen habe ich angeschrieben, viele, viele Male. Ich habe versucht darzustellen, dass Einwanderung ein großer Klopper ist und dass Unbehagen und Vorsicht gesunde Reaktionen sind. Aber dass wir auch standhaft auf unseren Werten beharren müssen, sowohl gegen Rechts als auch gegen den radikalen Islam.

Hier in Poppenbüttel hat es geklappt: Mit unterschiedlichen Schattierungen, aber grundsätzlich im selben Licht glauben wir hier im Jahr 2019, dem Jahr 5 nach „Wir schaffen das“, daran, dass eine Symbiose aus freiheitlichen Werten und kritischer Betrachtung, Nächstenliebe und Vorsicht, Fördern und Fordern, Gastfreundschaft und Bewahrung des Eigenen, Respekt und Selbstbehauptung möglich ist. Ich bin stolz auf meine Poppenbüttler! Ich glaube, wir sind gerade dabei, „das zu schaffen“.

Ich wünsche mir das für ganz Deutschland, dass wir unser freiheitliches Deutschsein endlich verinnerlichen, dass wir bereit sind, für unsere Freiheit zu kämpfen, dass aber auch bitte der letzte AfD-Wähler einsieht, dass man seine Werte nicht verteidigen kann, indem man sie verrät. Was ist Nächstenliebe wert, wenn sie nicht für alle Menschen gilt? Auch wenn in manchen Leitartikeln gerne vom „linksliberalen Zeitgeist“ geschrieben wird (als wenn Menschlichkeit nur eine Mode wäre!): Das Gespenst, das in Europa umgeht, ist nach meiner Erfahrung eher bräunlich.