Prozess der Woche

Lieber Cannabis als Kunst: Wie Hamburger zu Dealern wurden

Den Vorwurf aus der Anklage, laut dem sie eine Marihuanaplantage betrieben haben, räumen die beiden Männer unumwunden ein.

Hamburg.  Als die Polizisten bei ihr an der Tür klingelten, mit ernsten Mienen und einem Durchsuchungsbeschluss in den Händen, glaubte Susanne K. (alle Namen geändert) noch an einen Irrtum. Bei ihnen in der Wohnung sei nichts, was dort nicht sein dürfte, beschied die junge Frau energisch den Beamten. „Mein Verlobter ist Kunsthändler!“ Sie hatte keine Ahnung, dass ihr Ehemann in spe für eine Weile umgesattelt hatte: von der Kunst zu Cannabis, statt Galerie lieber Gras.

Heute, drei Jahre nachdem aufgeflogen ist, womit Steffen B. zusammen mit seinem besten Freund Marc M. eine Zeit lang ziemlich gut verdiente, sitzen die beiden Männer als Angeklagte vor dem Landgericht und sind sichtlich zerknirscht und nervös. Den Vorwurf aus der Anklage, laut dem sie im Jahr 2015 über gut neun Monate in den Kellergeschossen von Geschäftsräumen an der Fruchtallee eine Marihuanaplantage mit mehr als 800 Pflanzen betrieben haben, räumen die beiden 35 und 36 Jahre alten Männer unumwunden ein.

„Ja, das ist richtig“, bekennt Steffen B., ein Mann mit blonder Föhnfrisur und Nerd-Brille, mit belegter Stimme. Und sein Kumpel und Geschäftspartner Marc M. sekundiert: „Es tut uns leid.“ Laut Staatsanwaltschaft verkauften die beiden Hamburger gut 17 Kilo Marihuana zum Preis von sechs Euro pro Gramm an unterschiedliche Abnehmer. Weitere rund sechs Kilo waren noch nicht ganz erntereif. Mit ihrem Drogenhandel sollen sie einen Gesamterlös von gut 103.000 Euro erzielt haben.

Ursprünglich waren sie in der Medienbranche

Die Idee der beiden Männer, die ursprünglich in der Medienbranche arbeiteten, war, als selbstständige Kunsthändler eine Galerie zu eröffnen. Dazu mieteten sie zwei große Räume an der Fruchtallee an. „Wir haben uns Gedanken gemacht, wie man die Galerie finanzieren könnte“, erzählt Steffen B. Ein Bankkredit wurde ihnen nicht gewährt. „Per Zufall haben wir im Fernsehen eine Reportage gesehen über den Anbau von Marihuana. Erst haben wir nur gewitzelt, dass wir das doch auch machen könnten.“ Die Freunde recherchierten unter anderem auf YouTube, wie genau die Pflanzen gepäppelt werden müssen.

In einem spezialisierten Laden besorgten sie das Equipment, das ihnen offiziell für „die Aufzucht von Tomaten“ verkauft wurde, und legten in den Kellerräumen unterhalb der Galerie in spe eine ordentliche Plantage an, mit aufwendiger Belüftung, Bewässerung und vor allem leistungsstarken Lampen. Entsprechend hoch schnellten auch ihre Stromrechnungen. Kunden gewannen die Männer, die sich seit der Schulzeit kennen, indem sie im Bekanntenkreis herumfragten, „ob da jemand interessiert ist“. Das entwickelte sich zu einem Kundenstamm. Manche nahmen zwei bis fünf Gramm ab, andere 100 oder sogar mehr.

Aufgeflogen, so erzählt es ein Kripobeamter als Zeuge, ist der schwunghafte Handel der beiden Hamburger, als die Polizei andere mutmaßliche Dealer im Visier hatte und deren Telefone überwachte. Aus den Handygesprächen hatte sich ergeben, dass die beiden Mittdreißiger die Lieferanten sein könnten. Als die Ermittler bei einer offenbar geplanten Übergabe des Stoffes in einer Dealerwohnung zugreifen wollten, flüchtete Steffen B. zunächst über den Balkon. Noch am selben Tag wurden seine Wohnung sowie die von Marc M. durchsucht und auch deren Geschäftsräume. Dabei wurden unter anderem Feinwaagen und Handys sichergestellt sowie Setzlinge und Marihuana-Pflanzen beschlagnahmt.

Ausflug in die Welt des Dealens

Nach dem Ausflug in die Welt des Dealens und ihrem Auffliegen blickten Steffen B. und Marc M. eine Weile in einen Abgrund, den sie durch ihre kriminellen Handlungen selbst aufgesprengt hatten. „Das war schon eine ernste Krise“, erzählt Steffen B. über die Beziehung zu seiner damaligen Verlobten, mit der er aber inzwischen verheiratet ist. Auch beruflich vor dem Nichts zu stehen und möglicherweise eine längere Zeit im Gefängnis vor sich zu haben „war ein richtiger Schock“, sagt der 35-Jährige. Und Marc M. schildert, er sei damals in ein tiefes Loch gefallen und habe später einen soliden Neuanfang gewollt. Schließlich haben sich die Freunde Jobs in Medienunternehmen gesucht und sind mittlerweile in Festanstellung.

Das Landgericht verurteilt die Männer schließlich zu je zwei Jahren Freiheitsstrafe mit Bewährung. Zudem wird die Einziehung von jeweils knapp 45.000 Euro angeordnet. „Die Kammer glaubt Ihnen, dass Sie in erster Linie eine Galerie betreiben wollten und der Marihuana-Anbau deren Anschubfinanzierung dienen sollte. Und irgendwann ist Ihnen die Sache über den Kopf gewachsen“, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Kammer sei „davon überzeugt, dass die Durchsuchung ein heilsamer Schock für Sie war und Sie in Zukunft sicherlich keine neuen Straftaten begehen werden. Sie werden bestimmt nicht einmal mehr schwarzfahren!“