Jenischpark

Der "Peerstall" und die schwierige Suche nach einem Koch

Im originellen Ambiente schmeckt’s gleich noch mal so gut: Wirtin Katharina Baumgartner (3. v. l.) mit den Gästen Sandra (v. l.), Sebastian und Xenia.

Im originellen Ambiente schmeckt’s gleich noch mal so gut: Wirtin Katharina Baumgartner (3. v. l.) mit den Gästen Sandra (v. l.), Sebastian und Xenia.

Foto: Michael Rauhe / HA

Um das urige Restaurant in Klein Flottbek ranken sich etliche Geschichten. Demnächst feiern die Betreiber einen besonderen Tag.

Hamburg.  Es gibt wenige Orte, in denen Schwachwerden auf Dauer so schwergewichtige Folgen haben kann – und dennoch so leicht fällt und so viel Spaß macht. Und nun hinein in den „Peerstall“, ein uriges Restaurant mit einer besonderen Geschichte. Was ein ehemaliger Zirkusjongleur und ein Bierverleger vor sechs Jahrzehnten in einem alten Pferdestall gründeten, beeindruckt quasi unverändert durch zünftigen Charme und noch viel mehr.

„Moin!“, sagt Wirtsfrau Katharina Baumgartner mit deftigem Händedruck und weist den Weg in ein Refugium im Herzen Klein Flottbeks, dem Zentrum der deutschen Pferdehauptstadt Hamburg. Bis zum Springderbyplatz und zu Pulvermanns Grab sind es drei Fußminuten, bis Teufelsbrück und zum Elbufer nicht viel mehr. To’n Peerstall liegt am Hochrad und dem Eingang zum Jenischpark. Der dörfliche Charakter und das reetgedeckte Fachwerkhaus blieben erhalten. Kein Wunder, dass der im 17. Jahrhundert errichtete Pferdestall, op Platt der Peerstall eben, unter Landschaftsschutz steht. Einstmals verkehrte vor der Tür die „Elektrische“, die Straßenbahn zwischen Altona und dem Dorf Flottbek. Frau Baumgartner, gelernte Hotelfachfrau im Europäischen Hof, durch und durch Hamburgerin, begeht zum Frühlingsanfang einen besonderen Tag. Dann wird das Restaurant seit 35 Jahren von ihrer Familie geführt. Was die Eltern Evelyn und Hansi Baumgartner begannen, setzt die 39-Jährige seit 2011 in Eigenregie fort.

Für eine gute Stunde lässt sie die Arbeit in der Küche und in dem etwa 120 Quadratmeter großen Gastraum links liegen. Um 17 Uhr wird das Scheunentor mit den beiden Positionslampen davor geöffnet. Im Sommer kann man auf dem Vorplatz prima speisen, auf Kopfsteinpflaster.

Barhocker haben einen Pferdeschweif

Wir setzen uns an einen der stabilen Eichentische backbords und lassen die Blicke schweifen. Im geschickt aufgeteilten Raum mit Nischen können 100 Gäste auf handgezimmerten Stühlen Worpsweder Art Platz nehmen. An der 15 Meter langen, hufeisenförmig gestalteten Holztheke stehen 24 Barhocker. Die meisten von ihnen, auch das sieht man nicht alle Tage, sind hinten mit einem Pferdeschweif ausgerüstet. Die Leser eines Fachmagazins wählten diese Theke einst in Deutschlands Bestenliste. 18 kunstvoll gedrechselte Wagenräder unter der Decke und aus einem französischen Kinderkarussell stammende Holzpferde passen ins Bild.

Katharina Baumgartner hat Unterlagen mitgebracht. Sie gestatten einen historischen Rückblick. Demnach gehört der Stall nebst Scheune und weiteren Wirtschaftsgebäuden seit annähernd 400 Jahren zu einer Landstelle in Klein Flottbek. Aktuell befinden sich Grund und Häuser in achter Generation im Besitz dieser Familie. 1810 zerstörten Napoleons Truppen das Hauptgebäude und brannten es nieder. Vier Jahre später stand es wieder. Auf die Idee, den tatsächlich bis Ende der 1950er-Jahre für Pferde genutzten Stall in ein Lokal zu verwandeln, kamen ein Bierkaufmann und der umtriebige Unternehmer Helmut Farchmin. Um Letzteren ranken sich wundersame, nicht präzise belegte Geschichten. Stammgäste berichten unisono von einer Lehre des Paradiesvogels im Hotel Adlon in Berlin, von einer Ära als Zirkusjongleur an der Seite seiner Tochter, Reisen durch alle Kontinente, später Enteignung in der DDR und Neustart im Westen, in Hamburg.

Engagierte Mitarbeiter trotz Personal-Knappheit

Heutzutage schafft Katharina Baumgartner das Geschäft Hand in Hand mit vier festen Mitarbeitern und zwei Aushilfen. Sie arbeitet seit 20 Jahren im Restaurant. „Kellner Toni und Koch Benny gehören praktisch zum Inventar“, heißt es intern. „Das Personalpro­blem ist akut“, sagt die couragierte Chefin. Jahrelang habe sie nach geeigneten Servicemitarbeitern gesucht. Seit mehr als sechs Monaten fahndet sie nach einem Koch. „Vom Arbeitsamt angekündigte Bewerber erscheinen in der Regel nicht“, weiß sie aus Erfahrung. Auch dank des Einsatzes ihrer Schwester Sandra muss der zehnjährige Sohn Julius unter der Situation nicht leiden.

Jetzt ruft die Pflicht. Frau Baumgartner verabschiedet sich hinter die Theke. Gelegenheit für weitere Beobachtungen. Traditionelle Kutscherlampen mit gedämpftem Licht, Heuhaufen an der Fachwerkwand, Trensen, Zaumzeug und Zügel, hübsch verputzte Stallfenster, Bilder von Derbysiegern und Sulkyfahrern sowie der bewusst ursprüngliche Steinboden schaffen eine gemütliche Atmosphäre.

Das Restaurant füllt sich. Das Ehepaar am Nachbartisch zählt zu den Stammgästen. Wir kommen unkompliziert ins Gespräch. Von wegen sture Elbvorortler. Beide empfehlen eine der sieben frisch gezapften Biersorten und „unbedingt irgendwas mit Bratkartoffeln“. Suppen, Dressings, Sauerfleisch, Bratheringe und Roastbeef stammen aus der hauseigenen Küche.

Ein Blick in die ledergebundene Karte formt die Wahl zur Qual. Wiener Schnitzel vom Kalb? Grünkohl mit allen Schikanen? Ein pfundiges Steak? Oder darf’s die „Peerstall-Pfanne“ sein, etwas Nahrhaftes mit Gemüse? Über die Beilagen Speckbratkartoffeln, Rührei plus Steaks von drei Fleischsorten wollen wir zur Feier des Tages mal hinweg­sehen. Anlass zum Schwachwerden? Schließlich könnte man dem Kalorienberg bei einem Marsch durch den Jenischpark nebenan zu Leibe rücken. Jedoch nicht heute. Es ist ja schon dunkel.

To’n Peerstall, Hochrad 69, 22605 Hamburg, Tel 82 17 93, info@ton-peerstall.de, www.ton-peerstall.de, Montag bis Sonnabend 17–23 Uhr, Sonntag 12–22 Uhr. Mittwoch Ruhetag.