St. Pauli

Heilsarmee in Hamburg will Mieter loswerden

Eine Mieterin, die nicht erkannt werden will, vor dem Gebäude der Heilsarmee an der Talstraße auf St. Pauli.

Eine Mieterin, die nicht erkannt werden will, vor dem Gebäude der Heilsarmee an der Talstraße auf St. Pauli.

Foto: Andreas Laible / HA

Die Zentrale der Hilfsorganisation auf St. Pauli soll saniert werden. Anwalt kritisiert „brachialen Bauarbeitereinsatz“.

Hamburg.  Die Heilsarmee als hartherziger Vermieter? In einer Stadt, die an unerfreulichen Immobiliengeschichten nicht gerade arm ist, spielt sich in diesen Tagen eine besonders unerfreuliche Immobiliengeschichte ab. Mit „brachialem Bauarbeitereinsatz“, so sieht es jedenfalls der Hamburger Rechtsanwalt Jonathan Reuther, versucht die evangelische Hilfsorganisation, die letzten verbliebenen Mieter im Haus Talstraße 11–15 auf St. Pauli loszuwerden.

Das Gebäude gehört der Heilsarmee, ihr „Headquarter“ ist dort untergebracht. Das fast 130 Jahre alte Ensemble soll saniert werden. Neue Mieter sollen mehr Geld bringen. „Einem unser Mandanten ist ein Angebot von 15 Euro pro Quadratmeter gemacht worden, das entspricht einer Verdoppelung der Miete“, sagt Anwalt Reuther. Rainer Wiebe, für die Immobilien der Heilsarmee zuständig, dementiert. Es seien nur 12 bis 14 Euro gewesen. „Auch wir sind den ökonomischen Gesetzen unterworfen“, sagt er.

Die Geschichte beginnt im Sommer 2018. An der Talstraße stehen schon viele Wohnungen leer. Frei werdende Räume werden bereits seit Längerem nicht mehr neu vermietet. Die Mandanten von Reuther, es sind drei Mieter in zwei Wohnungen, bekommen Kündigungen. Die Begründung lautet, so sagt es jedenfalls Reuther: Eine angemessene wirtschaftliche Verwertung der Immobilie sei derzeit nicht möglich. Nach einer kompletten Sanierung könnten die Wohnungen für erheblich mehr Geld vermietet werden. St. Pauli boomt, die Talstraße gilt als ruhige Seitenstraße. Mit anderen Worten: beste Lage im Vergnügungsviertel.

Widerspruch gegen die Kündigungen

Reuther legt Widerspruch gegen die Kündigungen ein. Der nächste rechtliche Schritt wäre nun, dass die Heilsarmee gegen die Widersprüche klagt. „Aber dieser Schritt ist bis heute nicht erfolgt“, sagt der Anwalt. Er hält ihn auch für aussichtslos. Denn der Richter müsste bei seiner Entscheidung die soziale Situation der Mieter berücksichtigen. „Einer meiner Mandaten lebt von staatlicher Unterstützung und ist gesundheitlich beeinträchtigt“, sagt Reuther. Was er nicht sagt: Die Heilsarmee will eigentlich Menschen helfend zur Seite stehen. „Wir kümmern uns“, lautet das wohlklingende Motto der Organisation.

Rainer Wiebe findet, dass die Heilsarmee ihren Ansprüchen gerecht geworden ist. Man habe Geld angeboten und Ersatzwohnungen. „Aber wenn man nur in seinem Längen- und Breitengrad wohnen will, dann wird es schwierig“, sagt er. Er sei „menschlich enttäuscht“.

TV-Star hat 2018 um Spenden geworben

Anwalt Reuther findet, Kompromisse wären möglich gewesen. „Wir hätten uns einigen können, wenn die Heilsarmee eine Übergangswohnung zur Verfügung gestellt und ein Rückkehrrecht garantiert hätte. Dann wären wir sogar mit einer moderaten Mieterhöhung einverstanden gewesen“, sagt Reuther. Aber es scheitert schon an der ersten der Bedingungen: Eine Wohnung kann die Heilsarmee nicht auftreiben. „Die hatten das Problem wohl unterschätzt, heutzutage eine Wohnung zu finden.“

Haben Sie Verständnis dafür, dass die Heilsarmee die Mieten für ihre Wohnungen deutlich erhöhen will?

Im Dezember kommen dann die Bauarbeiter. „Ohne Ankündigung“, so Reuther, wurden Wände eingerissen, Fußböden aufgebrochen und Türen entfernt. Das nahezu leere und nachts nicht immer verschlossene Haus weckt unerwünschtes Interesse. „Meine Mandantin hat morgens schon leere Konservendosen und Überreste eines Nachtlagers vor ihrer Tür gefunden.“

Sind Bauarbeiten rechtswidrig?

Der Anwalt hält die Bauarbeiten für rechtswidrig. „Es gibt dafür keine Baugenehmigung“, sagt er. Über eine einstweilige Verfügung, die die Arbeiten stoppen soll, wird das Amtsgericht Hamburg-Mitte in der kommenden Woche entscheiden. Wiebe sagt, man habe mit den Bauarbeiten noch gar nicht begonnen, dafür fehle auch die Baugenehmigung. „Es sind nur Freilegungsarbeiten gewesen, um zu gucken, wie der Gebäudezustand ist.“ Die Frage, ob man das zuvor angekündigt habe, empfindet er als „Suggestivfrage“.

4,5 Millionen Euro soll die etwa zwei Jahre lang dauernde Grundsanierung des Gebäudes dauern. Das seien „gewaltige Kosten“, heißt es in einer Pressemitteilung der Heilsarmee vom November 2018. Damals hatte die Organisation bei einem „Charity-Lunch“ mit Fernsehjournalist Reinhold Beckmann um Spenden für das Projekt gebeten. Außerdem, so heißt es in der Pressemitteilung, werde man einen Kredit aufnehmen, der „über Mieteinnahmen refinanziert werden soll“.