Hamburg

Für 174 Millionen Euro: Saga übernimmt Flüchtlingssiedlung

Am Mittleren Landweg in Billwerder sind noch mehr als 2000 Flüchtlinge untergebracht. Christiana Kant leitet die Einrichtung

Am Mittleren Landweg in Billwerder sind noch mehr als 2000 Flüchtlinge untergebracht. Christiana Kant leitet die Einrichtung

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Am Mittleren Landweg leben mehr als 2000 Flüchtlinge. Der städtische Wohnungskonzern soll verhindern, dass die Integration misslingt.

Hamburg.  Es ist selbst für den städtischen Konzern eine Herausforderung: Das Wohnungsunternehmen Saga wird die Großunterkunft für Flüchtlinge am Mittleren Landweg in Billwerder übernehmen. Das bestätigte der Konzern auf Anfrage. „Es handelt sich um einen guten Standort, den wir gern entwickeln“, sagte der Saga-Vorstandsvorsitzende Thomas Krebs. Nach Abendblatt-Informationen bezahlt das städtische Unternehmen einen Kaufpreis von 174 Millionen Euro an den bisherigen Investor Fewa.

Konkret handelt es sich um 780 Wohnungen, die im Zuge der „Per­spektive Wohnen“ im Eilverfahren errichtet wurden. Derzeit werden die Gebäude als Folgequartier für rund 2500 Flüchtlinge genutzt – die Siedlung gilt als bundesweit größte Flüchtlingsunterkunft. Der Aufkauf bedeutet nun auch eine politische Kehrtwende. Ursprünglich waren die Verträge mit dem Investor im Jahr 2016 für eine Dauer von 15 Jahren geschlossen worden.

175 Wohnungen sollen schnell vermietet werden

Trotz langer Verhandlungen hatte der alte Investor aber bislang nicht zugestimmt, zeitnah Wohnungen in der Siedlung für den freien Markt umzuwidmen. Der Saga-Chef betont nun, dass eine Durchmischung von Flüchtlingen und einheimischen Menschen an dem Standort entscheidend sei. „Wir werden so schnell wie möglich 175 Wohnungen in die Vermietung bringen“, kündigte Krebs an. Er kann sich etwa Studenten und Auszubildende als Zielgruppe vorstellen. Krebs betonte auch, dass die Saga enorme Erfahrungen bei der Integration vorzuweisen habe – und bislang bereits rund 1000 Wohnungen für Flüchtlinge errichtet hat. „Eine Mehrheit unserer Mieter hat einen Migrationshintergrund. Das ist für uns Alltag“, so Krebs.

Die Großsiedlung am Mittleren Landweg ist bereits seit der Planungsphase hoch umstritten. Die Zahl der Flüchtlinge übersteigt auch die Zahl der sonstigen Bewohner in dem Stadtteil. Vor Ort gibt es bislang nur einen kleinen Kiosk als einzigen Nahversorger. Als Pluspunkt gilt dagegen die gute Anbindung über die S-Bahn-Station Mittlerer Landweg, die der Unterkunft fast direkt gegenüberliegt.

Leiterin kritisierte die unklaren Verhältnisse

Im Gespräch mit dem Abendblatt hatte zuletzt auch die Unterkunftsleiterin Christiana Kant von „Fördern & Wohnen“ die unklaren Verhältnisse kritisiert. Zwar hätten sich die Sorgen vor einem „Flüchtlings-Getto“, etwa mit zahlreichen Polizeieinsätzen, ganz und gar nicht erfüllt. Aber auch die Bewohner wünschten sich dringend einheimische Nachbarn. „Es gibt noch viele Fragezeichen, wie das in die Tat umzusetzen ist“, so Kant im September.

Dabei setzen auch die Bürgerverträge zur Integration den Senat unter Druck. Demnach müsste die Kapazität der Großunterkunft bis zum Jahresende auf möglichst 300 Plätze verringert werden. Wie bereits berichtet, wird dieses Ziel am Mittleren Landweg aber deutlich verfehlt. Unter anderem wird eine weitere große Lärmschutzwand der Deutschen Bahn benötigt, die erst 2020 errichtet werden soll.

Investor hatte bereits Millionenbetrag erhalten

SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf nennt den jetzt vereinbarten Kauf eine „gute Entscheidung“, um bei der Entwicklung des Quartiers voranzukommen. „Sicherlich ist es auch wichtig und wünschenswert, das in Zukunft auch weitere Nahversorgungs- und Freizeitangebote vor Ort entstehen.“ Die CDU in der Bürgerschaft spricht dagegen von einem „Trauerspiel“ am Mittleren Landweg. „Die Probleme waren vorhersehbar“, sagte der Bergedorfer Abgeordnete Dennis Gladiator. Nach mehreren Fehlkalkulationen springe nun die städtische Gesellschaft ein, um den Senat „zulasten der Steuerzahler vor einem Gesichtsverlust zu retten“.

Saga-Chef Krebs betonte, der Konzern sei selbst nicht an den Bürgerverträgen beteiligt gewesen – die Umwandlung in regulären Wohnraum liege jedoch im Interesse aller Beteiligten. Nach der bisherigen Planung soll die Zahl der Plätze bis zum Jahresende immerhin auf knapp 2000 Menschen reduziert werden. Einen weiteren genauen Zeitplan gibt es noch nicht. „Wir haben sicherlich keine Angst vor der Aufgabe“, sagte Krebs.

Kaufpreis liegt unter dem ermittelten Wert

Zur genauen Höhe des Kaufpreises haben Saga und der Investor Fewa Stillschweigen vereinbart. Nach Abendblatt-Informationen wurde zuletzt der Verkehrswert der Gebäude in einem Gutachten geschätzt, der Kaufpreis von 174 Millionen Euro soll nun leicht unter dem ermittelten Wert liegen. Bereits an den Baukosten der Siedlung hatte sich der Senat mit einer hohen Summe beteiligt: Allein für die Unterkunft am Mittleren Landweg und einen weiteren Standort der „Perspektive Wohnen“ waren 32,4 Millionen Euro an Zuschüssen für die Investoren eingeplant worden, wie vor zwei Jahren eine Anfrage an den Senat ergab.

Krebs zeigte sich „sehr zufrieden“ mit den Modalitäten. Formell geht die Siedlung in den Besitz der Saga-Tochter HIG über. Wichtig sei zunächst, alle Vorbereitungen für die Vermietung zu treffen. Der Immobilienkonzern sieht die Wohnungen und den Standort als attraktiv an „Davon kann man sich vor Ort schnell selbst überzeugen“, so Krebs. „Es wird in der Zukunft auch darum gehen, mögliche Vorbehalte abzubauen.“