Hamburg

„Einzelne Dieselfahrverbote werden nicht reichen“

Prof. Philippe Stock ist Chefarzt für Pädiatrie im Altonaer Kinderkrankenhaus.

Prof. Philippe Stock ist Chefarzt für Pädiatrie im Altonaer Kinderkrankenhaus.

Foto: Roland Magunia / HA

Philippe Stock ist der nächste Präsident der Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie. Er fordert ein Gesamtkonzept für Luftreinheit.

Hamburg.  Prof. Dr. Philippe Stock ist stellvertretender Präsident der Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie und wurde im vergangenen Jahr zum kommenden Präsidenten gewählt. Zudem ist er Tagungspräsident der Jahrestagung der Kinderlungenärzte, die 2020 in Hamburg stattfinden wird. Der 48-Jährige kam vor fünf Jahren aus der Berliner Charité und arbeitet im Altonaer Kinderkrankenhaus als Chefarzt für Pädiatrie (innere Medizin für Kinder).

Seit Kurzem hat die Diskussion um Fahrverbote und Feinstaub-Grenzwerte an Fahrt aufgenommen, weil der Lungenfacharzt Dieter Köhler, ehemals Präsident der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie, die Grenzwerte infrage gestellt hatte. Eine Gruppe von etwa 100 Lungenfachärzten hat sich seiner Sichtweise angeschlossen. Stock teilt diese Einschätzung definitiv nicht. Er spricht sich dafür aus, Schadstoffe in der Luft zu reduzieren, und fordert ein Gesamtkonzept der Politik.

Haben Atemwegserkrankungen zugenommen?

Prof. Philippe Stock: Das kann ich so nicht bestätigen. Die saisonabhängigen Infekte haben wir schon immer in den Wintermonaten gehabt. Was grundsätzlich etwas zunimmt, sind allergische Erkrankungen der Atemwege, zum Beispiel Asthma bronchiale. Das ist etwas, wo wir seit 20 Jahren stetig eine Zunahme verzeichnen, nicht nur Asthma, sondern auch andere allergische Erkrankungen, aber das ist ein genereller Trend, den wir seit vielen Jahren sehen.

Gibt es dafür Erklärungen oder Erklärungsversuche?

Stock: Es gibt gute Hypothesen. Eine ist die Hygienehypothese – sie beruht auf der Beobachtung, dass wir diesen Anstieg von allergischen Erkrankungen im Wesentlichen in Industrienationen sehen. Immer dann, wenn viel Sauberkeit herrscht. Die Beobachtung war, wenn Kinder auf dem Bauernhof groß werden, dass sie weniger allergische Erkrankungen haben als wenn sie in einer Stadt leben. Aber weniger wegen der Luftverschmutzung, sondern eher, weil das Immunsystem nicht zu lernen scheint, zu differenzieren, was harmlose Umweltbakterien sind und was Erreger, die krank machen. Zweite Hypothese: Meine Vätergeneration hat sehr schnell mit Antibiotika behandelt, da durften die Kinder gar nicht mehr richtig krank sein. All das führt zu dieser Grundvorstellung, dass unser Immunsystem nicht mehr so gut trainiert wird, nicht mehr so differenzieren kann.

Mit welchen Atemwegserkrankungen kommen die Kinder zu Ihnen?

Stock: Ins Krankenhaus saisonal unterschiedlich. Jetzt gerade sind wir in einer Infektsituation, unser ganzes Haus ist voll mit Kindern mit Atemwegsinfekten. Von kleinsten Neugeborenen und Säuglingen über das ganze Kindesalter.

Hamburg führt ja seit geraumer Zeit eine heftige Diskussion um die Qualität der Luft. Ist Hamburg eine Stadt mit schlechter Luft?

Stock: Ich glaube, das ist ein grundsätzliches Thema, das wir uns in Ballungsräumen immer wieder angucken müssen. Ich bin nicht der Richtige, um zu differenzieren, welche Stadt schlechter ist als die andere. Aber wir müssen versuchen, unsere Luft sauberer zu kriegen. Wir brauchen eine Kultur der Schadstoffvermeidung. Das ist in Städten noch stärker nötig als in ländlichen Bereichen.

Es gibt aktuell die Grenzwertdiskussion. 100 Lungenärzte haben sie infrage gestellt. Wie stehen Sie dazu?

Stock: Diese Stellungnahme der Lungenärzte hatte zwei wesentliche Aussagen, die wir als Kinderlungenärzte kommentieren mussten: Die Kollegen haben es versäumt, Rücksicht darauf zu nehmen, dass es besondere Risikogruppen gibt – das findet mit keinem Wort Erwähnung. Wir als Kinderärzte und -lungenärzte sehen uns als Fürsprecher der Kinder. Insbesondere wenn wir über Luftverschmutzung reden, nicht nur, weil Kinder ihre Nase oft auf Auspuffhöhe haben, sondern auch, weil es um die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit geht. Wenn wir über Schäden sprechen, dann reden wir über 70 oder 80 Jahre. Das ist eine ganz andere Diskussion als in der Erwachsenenmedizin. Die Langzeitperspektive ist bei Kindern einfach viel größer. Deshalb sind unsere Kinder eine besonders risikobehaftete Population. Es gibt aber auch chronisch Kranke, ältere Menschen, Schwangere.

Stock: All die haben in diesem Thesenpapier keine Beachtung gefunden. Der zweite Punkt: Diese Kollegen haben methodische Schwierigkeiten zum Anlass genommen – und wissenschaftliche Erkenntnis, die in Hunderten Studien gezeigt hat, dass Luftschadstoffe schädlich sind, einfach weggewischt. Sie haben damit den Stellungnahmen sämtlicher Fachgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) widersprochen, ohne dafür eigene wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern.

Aber das sind doch alles ausgebildete Mediziner, die wissenschaftliche Studien lesen können.

Stock: Ja, aber sie haben die Aussagefähigkeit dieser Studien grundsätzlich in Abrede gestellt. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass Luftschadstoffe schädlich sind, deshalb gibt es auch weltweite Empfehlungen zu diesem Thema. Die WHO hat Luftverschmutzung als den weltweit wichtigsten umweltbedingten Risikofaktor mit besonders hoher Krankheitslast definiert. Wir wundern uns auch, dass dieser Konsens so wenig beachtet wurde.

Welche Beschwerden machen Stickoxide und Feinstaub?

Stock: Das ist ganz schwer zu messen. Die Frage ist immer, welche Substanz führt zu welchem Schaden. Es ist schwierig, individuelle Einzelanalogien zu ziehen, sondern man kann nur Hinweise geben und sagen, wir sehen bestimmte Schädigungsmuster in verschiedenen Organen, und das betrifft nicht nur die Atemwege. Daraus muss man versuchen, kluge Schlussfolgerungen zu ziehen.

Für wie sinnvoll halten Sie punktuelle Fahrverbote, um Bewohner einzelner Straßenzüge zu schonen?

Stock: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir Grenzwerte brauchen, denn wir brauchen messbare Ziele. Die WHO hat Richtwerte definiert, unterhalb derer die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass es keinen Gesundheitsschaden gibt. Die EU hat daraus gesetzlich bindende Grenzwerte gemacht. Das Beste, was wir momentan haben, sind diese Erkenntnisse aus der WHO-Empfehlung. Die Frage, wie man so etwas umsetzt im politischen Diskurs ist eine ganz andere Diskussion. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein selektives Fahrverbot auf zwei Hauptverkehrsstraßen, was letztlich dazu führt, dass die alten Autos dann durch Wohngebiete und an Schulen vorbeifahren, sinnvoll ist.

Wie sieht es mit Schiffsabgasen aus? Sollte man lieber nicht am Hafen und an der Elbe spazieren gehen?

Stock: Wir haben nicht nur den Straßenverkehr, sondern unsere gesamte Industrie, den Hafen, aber auch Verbrennungsöfen, Kachelöfen, selbst beim Abrieb von Reifen oder wenn ein ICE bremst, entsteht Feinstaub – das Thema ist hochkomplex. Wir müssen eine sorgfältige Abwägung treffen – was können und wollen wir der Bevölkerung zumuten, wie viel Einschränkung ist vereinbar mit unserem modernen Leben? Wir brauchen aber zunächst die fachliche Aus­einandersetzung. Ich würde mir wünschen, dass sich Wissenschaftler und Ärzte zusammensetzen, ihre Erfahrungen austauschen und dann Konsens und Dissens gezielt ansprechen. Das wäre sinnvoller, als die Öffentlichkeit mit immer neuen Stellungnahmen zu verunsichern. Ich glaube, es ist Zeit, miteinander zu sprechen anstatt übereinander.

Sollte man lieber aus der Stadt rausziehen?

Stock: Die Luftreinheit ist in Hamburg natürlich nicht homogen verteilt. An großen Hauptverkehrsstraßen gibt es mehr Luftverschmutzung als in etwas ländlicheren Bezirken. Jemand, der vielleicht zur Risikopopulation gehört oder Atembeschwerden hat, ist möglicherweise gut beraten, nicht an einer Hauptverkehrsstraße zu wohnen.

Noch will und kann jeder mit seinem Auto in die Innenstadt fahren. Wie mutig müsste die Politik sein?

Stock: Wir brauchen eine Kultur der Schadstoffvermeidung. Sowohl im industriellen Bereich als auch bei den Privathaushalten und im Verkehr, auch im Individualverkehr, muss überall unser Ziel sein, Schadstoffe zu vermeiden. Ein paar selektive Dieselfahrverbote werden nicht reichen. Wir brauchen ein Gesamtpaket. Mir ist bewusst, dass wir ein modernes Leben führen, bei dem Mobilität ganz essenziell ist. Die Frage ist: Was können wir unseren Mitbürgern zumuten? Als Arzt sage ich: Alles, was weniger Schadstoff bedeutet, heißt gesünderes Leben. Je sauberer, desto besser.