Aktion

Hamburger geben ihre Autoschlüssel ab

Senator Jens Kerstan nimmt das Auto von Herrn Michael König am Rathaus entgegen. Der Rentner will jetzt andere Verkehrsmittel testen.

Senator Jens Kerstan nimmt das Auto von Herrn Michael König am Rathaus entgegen. Der Rentner will jetzt andere Verkehrsmittel testen.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Sieben Teilnehmer testen bei der Aktion von Umweltbehörde und Abendblatt, wie sie mit anderen Verkehrsmitteln zurechtkommen.

Hamburg.  Wer den Behörden sein Auto übergibt, macht das selten freiwillig. Doch als Michael König im Innenhof des Rathauses seinen Autoschlüssel an Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) überreicht, freut sich der Rentner auf die kommende Zeit. Für drei Monate verzichtet der Eimsbüttler auf seinen zwölf Jahre alten BMW 116i. Stattdessen will Michael König öffentliche Verkehrsmittel und sein Fahrrad nutzen. „Wenn es einen Ort gibt, an dem das leichtfällt, dann in einer Stadt, die so gut aufgestellt ist wie diese“, sagt der 67-Jährige.

König ist einer von sieben Kandidaten die im Rahmen von „Steig um!“ ausgewählt wurden. Gemeinsam mit der Umweltbehörde startet das Abendblatt an diesem Freitag eine Aktion, die zeigen soll, wo die Vorteile, aber auch, wo die Probleme liegen, wenn kein eigenes Auto mehr vorhanden ist. Aus zahlreichen Bewerbern wurden sieben Teilnehmer ausgewählt. Sie geben für drei Monate ihr Auto ab und erhalten dafür jeden Monat jeweils 400 Euro, also insgesamt 1200 Euro, um andere Verkehrsmittel zu nutzen. Bus, Bahn, StadtRad oder E-Roller stehen zur Wahl. Auch Taxis, Carsharing oder Leihwagen sind erlaubt, das eigene Auto dagegen tabu. Die 400 Euro entsprechen laut Studien den durchschnittlichen Kosten für einen Mittelklassewagen im Monat (Kompaktklasse, drei Jahre alt, gebraucht gekauft). Mit allen Ausgaben: Steuer, Versicherung, durchschnittlichen Reparaturen, Verschleiß, Sprit.

In der Umweltbehörde trafen die sieben Kandidaten zum ersten Mal aufeinander. Mit dabei waren auch Mobilitäts­experten der Umweltbehörde und Familie Stöwe, die bereits seit Jahren ausschließlich mit Carsharing, öffentlichen Verkehrsmitteln sowie Fahrrad unterwegs ist und von ihren Erfahrungen berichtet hat. Die Umweltbehörde möchte wissen, wo die größten Probleme beim Umstieg liegen. „Viel zu wenige Menschen probieren bisher den Umstieg auf Rad, Bahn oder Carsharing“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan. Die Möglichkeiten für flexible Mobilität seien da, aber um mehr Menschen zu überzeugen, bräuchte es mehr praktische Erfahrungen aus erster Hand. „Die bekommen wir durch unsere Kandidaten“, sagt Kerstan.

Viele Alternativen zum Auto

Einer davon ist Harald Buchheister. Der Familienvater denkt schon länger darüber nach, seinen VW Multivan zu verkaufen. „Es wird für uns aber alles andere als einfach, auf unser Auto zu verzichten“, sagt Buchheister. Die sechsköpfige Familie mit Kindern im Alter von fünf bis 19 Jahren versuche bereits so gut es geht mit Fahrrädern und öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs zu sein. „Aber oft genug und vor allem bei schlechtem Wetter müssen die Kinder abgeholt werden“, sagt Buchheister. Auch für Großeinkäufe, Ausflüge oder Ziele außerhalb Hamburgs nutze die Familie das Auto oft. „Jetzt gilt es alternative Konzepte in Kombination mit dem öffentlichen Nahverkehr zu testen“, sagt er.

Alternativen zum Auto gibt es in Hamburg reichlich. Um den Umsteigern einen Überblick zu verschaffen, stellte ein Mobilitätsexperte die wichtigsten vor. Neben dem HVV gibt es zahlreiche Angebote, „von denen viele schon gehört haben, sie aber nicht wirklich kennen“, sagt der Experte. Zu den bekanntesten gehört das StadtRad. Rund 2600 neue Leihräder stehen seit Anfang Fe­bruar an 222 Verleihstationen im Stadtgebiet zur Verfügung. Kunden können die Räder in der ersten halben Stunde kostenlos nutzen. Demnächst wird es auch Lastenräder geben, um größere Einkäufe zu transportieren. Neben dem Platzhirsch StadtRad gibt es noch die kleineren Anbieter Donkey Republic (rund 100 Stationen) und Nextbike (rund 30 Stationen).

Carsharing-Markt wächst rasant

Auch der Carsharing-Markt wächst rasant in Hamburg. Anders als bei einer Autovermietung müssen sich die Nutzer von Carsharing-Angeboten vorher meist gebührenpflichtig beim Anbieter registrieren. Danach laufen Buchung und Abrechnung über eine Smartphone-App, die zudem die Standorte und die Verfügbarkeit von Fahrzeugen anzeigt. In einem eingegrenzten Gebiet können Kunden die Autos frei bewegen und abstellen.

Marktführer Car2go, eine Tochter des Autobauers Daimler, hat in Hamburg aktuell rund 700 Wagen auf der Straße. Nach einer Registrierungsgebühr kostet die Nutzung 29 Cent die Minute. Der zweitgrößte Anbieter DriveNow, eine BMW-Tochter, ist mit 15 Cent die Minute zwar günstiger, bietet aber auch nur rund 450 Autos im Stadtgebiet an. Neben weiteren Carsharing-Anbietern, dem E-Roller-Anbieter Emmy und ­E-Bike-Vermietern gibt es in Hamburg noch diverse weitere Möglichkeiten, ohne Auto mobil zu sein.

Diese sollen die Teilnehmer nun testen. „Vielleicht verkaufe ich mein Auto nach der Zeit ja auch für immer“, sagt Michael König. Darüber denke er sowieso schon länger nach. Nur sei er sich nicht ganz sicher, wie er seine Kinder und Enkel außerhalb Hamburgs besuchen soll. Aber das könne er in den kommenden Monaten ja ausprobieren.