Altona

Eine Turnhalle in Ottensen nur für Kita-Kinder

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Rainer Grünberg
Bringen Hamburgs Kinder und Kitas in Bewegung: das fröhliche SportStart-Team in Ottensen mit (v. l.) Michael
Haas, Corinna Schmidt, Frederik Tychsen und Frank Bertling.

Bringen Hamburgs Kinder und Kitas in Bewegung: das fröhliche SportStart-Team in Ottensen mit (v. l.) Michael Haas, Corinna Schmidt, Frederik Tychsen und Frank Bertling.

Foto: Michael Rauhe / HA

Sportschule will Filialen in drei weiteren Stadtteilen eröffnen. Bewegung macht nicht nur fit, sie macht auch schlau.

Hamburg.  Um halb zwei ist es mit der kurzen Mittagsruhe vorbei. Zehn Fünfjährige – Mädchen und Jungen – stürmen den Eingangsbereich der Kindersportschule SportStart am Ottenser Piependreiherweg. Nach dem Mittagessen steht Bewegung auf ihrem Plan, und da die Räumlichkeiten und Möglichkeiten in der benachbarten Kita Filefant begrenzt sind, wird das neue Angebot um die Ecke gern genutzt. Matten, Ringe, Schaukeln, Bänke, Bälle, Kletterwand, Kästen und Schwungtücher liegen auf 100 Quadratmetern säuberlich aufgereiht bereit.

Bevor barfuß getobt, geturnt und gespielt werden darf, die Fußbodenheizung sorgt für wohltemperiertes Klima, versammeln Erzieherin und Trainerin die Kinder im Vorraum zur Begrüßung, singen gemeinsam ein Lied – und los geht’s! Kindern und Kitas fehlen in Hamburg Räume und Programme, um den Jüngsten den Start in ein bewegtes Leben zu organisieren. Wegen des Ganztagsunterrichts haben zudem viele Kindertagesstätten in den Nachmittagsstunden ihre Hallenzeiten an den Schulen verloren. Frank Bertling und Frederik Tychsen, die Geschäftsführer der Agentur SportPort, wissen um diese Nöte, setzen ihr Konzept dagegen.

Nach der Eröffnung in Ottensen im vergangenen Herbst werden sie Mitte März weitere Kindersportschulen in Eppendorf, Winterhude und Poppenbüttel aufmachen. Die Nachfrage ist groß, Kurse, Spiel- und Trainingszeiten sind meist ausgebucht. Eine Stunde kostet 40 Euro Raummiete, Trainer müssen zusätzlich bezahlt werden. Zum Teil übernehmen Krankenkassen im Rahmen ihrer Präventionsprogramme auf Antrag die Honorare. „Wir haben in Hamburg immer noch zu viele unbewegliche, übergewichtige Kinder“, weiß Tychsen, der fast alle Hamburger Grundschulen kennt – auch dank seiner Vorbereitungskurse auf den jährlichen Schüler-Triathlon im Stadtpark .

Programm ist schwach gestartet

„Wir wollen Kinder und Eltern von der Geburtsvorbereitung bis zur Einschulung sportlich begleiten“, sagt Bertling. 50 gut ausgebildete Trainer arbeiten für SportPort, jede Übungsstunde wird dokumentiert, Wiederholungen sollen vermieden, Fortschritte erkannt werden. Die Sportwissenschaftler Michael Haas und Dr. Katrin Adler (Karlsruhe) haben die Konzepte geschrieben, sich dabei an neuen Forschungserkenntnissen orientiert. Gruppengröße: maximal zwölf Kinder und ein Trainer. Für „bewegte Kindergeburtstage“, ebenfalls im SportStart-Angebot, hat das Team um Projektleiterin Corinna Schmidt für Eltern und Großeltern speziell ein Handbuch erstellt.

Vor einem Jahr fragte Daniel Oetzel, sportpolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion, in einer Kleinen Anfrage den Senat, wie es um die Bewegungsförderung in den Kindertagesstätten steht. Landessportamt, der Verband für Turnen und Freizeit und die Hamburger Sportjugend hatten im Jahr 2013 verschiedene Auszeichnungen für bestimmte Standards ausgelobt. Von den rund 1100 Kitas in Hamburg konnten zwischen 2013 und 2017 gerade 36 als „Bewegte Kitas“ oder „Bewegungskitas“ zertifiziert werden. „Die Zahlen sind ernüchternd.

Das Programm ist schwach gestartet und hat dann noch an Akzeptanz verloren. Nur sechs Kitas haben von 2013 bis 2017 eine finanzielle Förderung von Fortbildungen erhalten. Lediglich im ersten Jahr des Programms haben sich mehr als zehn Kitas um eine entsprechende Auszeichnung beworben. Die Förderung des Sports in Kitas durch diese Auszeichnung kann als gescheitert bezeichnet werden, zumal der Senat auch keine Ideen hat, wie es in Zukunft besser laufen soll“, sagt Oetzel.

Bewegung macht auch schlau

Bewegung macht fit, sie macht auch schlau. Das wird oft verkannt. Den Zusammenhang zwischen kindlicher Motorik und Intelligenz haben Studien längst belegt. Je mehr Reize das Gehirn zu verarbeiten hat, desto mehr Verbindungen (Synapsen) muss es schalten. Wer gelernt hat, sich sicher zu bewegen, wer weiß, wo links, rechts, oben und unten ist, dem fallen Lesen und Schreiben leichter, der verdreht nicht Buchstaben wie b und d. Ein Beispiel dafür lieferte eine Grundschule in Bad Homburg. Dort wurde in den 1990er-Jahren die tägliche Sportstunde eingeführt. Dort gingen nicht nur auf dem Schulhof Verletzungen bei Unfällen und Raufereien zurück, weil sich die Kinder geschickter verhielten, die Lehrer konnten gegenüber den Vergleichsklassen auch 15 Prozent mehr Schüler fürs Gymnasium empfehlen. Die tägliche Sportstunde verbesserte nachweislich die Leistungen in anderen Fächern, selbst wenn diese weniger unterrichtet wurden.

„Wir leiden in Deutschland nicht un- ter einem Erkenntnis-, sondern an einem Lösungsproblem“, klagt SportPort-Chef Bertling. „Musik, Kunst und Sport, zen­trale Bereiche für frühkindliche Entwicklung, werden weiter stiefmütterlich behandelt. In den vergangenen Jahren wurde zu Recht viel Wert auf die richtige Ernährung gelegt. Die ist wichtig, Sport ist aber mindestens ebenso wichtig.“ Bertling wird nicht müde, diese Botschaft zu verbreiten – und umzusetzen. „Und es macht dann richtig Spaß, wenn wir sehen, wie die Lütten aus der Sportstunde kommen, fröhlich, verschwitzt, ausgepumpt und mit einem seligen Lächeln.“

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