Hamburg

Wie geht es Hamburgs Bäumen, Herr Wohlleben?

Auch ein Stadtwald ist ein guter Wald, sagt Förster und Schriftsteller Peter Wohlleben

Auch ein Stadtwald ist ein guter Wald, sagt Förster und Schriftsteller Peter Wohlleben

Foto: Miriam Wohlleben

Bestseller-Autor Peter Wohlleben ist am Dienstag in der Stadt. Vorab spricht er über Stadtgrün, soziale Buchen und Blattlauspipi.

Hamburg.  Spätestens mit seinem Megaerfolg „Das geheime Leben der Bäume“ hat sich Peter Wohlleben zum deutschen Waldexperten schlechthin geschrieben. Andererseits hat sich der gelernte Forstwirt damit nicht nur Freunde gemacht. Während er von einem sehr, sehr großen Publikum für die anregenden und wissenschaftlich begründeten Erzählungen von geradezu fürsorglichen, fast intelligenten Gehölzen gefeiert wurde, reagierten einige Experten verschnupft. Sie warfen ihm „Kitsch“ im perfekten „Bambi-Wald“ vor. Anlässlich seines Besuchs in der Hamburger Greenpeace-Zentrale spricht er über den idealen Stadtbaum, das optimale Gießverhältnis und den neuen Trend aus Japan: „Waldbaden“.

Herr Wohlleben, es gibt in Hamburg die Legende, dass Besucher aus dem Ausland beim Anflug wegen des vielen Grüns von der „Stadt im Wald“ sprechen. Wie sehen Sie das?

Peter Wohlleben: Naja, Hamburg reiht sich als baumreiche Stadt sicher gut ein. Aber auch Berlin hat mit dem Grunewald oder dem Tiergarten große Waldflächen. Köln hat seinen Waldgürtel. Zum Glück ist Deutschland mit vielen grünen Großstädten gesegnet.

Und wie geht es den deutschen Wäldern im globalen Vergleich?

Wald? Welcher Wald? Das sagen uns einige ausländischen Experten, wenn sie sich unsere Forsten anschauen und mit ihren heimischen Urwäldern vergleichen.

Das heißt, für Großstädter ist es egal, ob sie einen Stadtwald besuchen oder aufs Land fahren, Wald finden sie sowieso nicht?

Doch, doch. Ein Besuch im Wald tut immer gut. Weil Menschen am Baumleben teilhaben können, weil Bäume die Luft desinfizieren, weil sie Botenstoffe besitzen, die auch auf uns wirken und weil es anders riecht. Darauf reagieren wir. Vieles passiert unbewusst, wir finden das erst mal nur schön, entspannend und entschleunigend. Der Blutdruck sinkt, das Immunsystem wird gestärkt, das hält noch Tage an.

Das heißt, dieser Effekt stellt sich auch im Duvenstedter Brook ein?

Stadtwälder sind nicht schlechter gestellt als die auf dem Land. Selbst in Eifelwäldern hat man Ruß aus dem Hafen von Antwerpen nachgewiesen, die kriegen also auch eine Menge ab. Wichtig für einen gesunden Wald ist, dass man ihn in Ruhe lässt.

Wie lässt man einen Wald in Ruhe?

Damit meine ich nicht die Spaziergänger aus der Stadt. Wälder leiden vor allem an Bewirtschaftung, den Wald stört das Sägen. Je mehr gefällt wird, desto schlechter geht es den anderen Bäumen. Sie können sich nicht mehr herunterkühlen oder verdursten in Monokulturen – der durch Maschinen platt gefahrene Boden speichert kaum Wasser. Aber der Mensch braucht Brennholz und will Bücher lesen. Da sitze ich als Autor natürlich im Glashaus.

In Japan gibt es einen Wellnesstrend, der sich „Forest bathing“, Waldbaden, nennt.

Das ist grundsätzlich löblich. Wir sind es ja nicht mehr gewöhnt, einfach in den Wald zu gehen, ohne Kilometer zu zählen, sondern nur an einen Baum gelehnt stundenlang zu entspannen. Waldbaden geschieht langsam. Man hört und spürt die Bäume und nimmt einen tiefen Zug durch die Nase.

Ist das für Sie die „Faszination Wald“?

Wald ist das letzte halbwegs natürliche Ökosystem in unserem doch sehr dicht besiedelten Land.

Womit wir bei den Stadtbäumen sind: Wie geht es denen zwischen all dem Beton?

Das ist natürlich ein extrem hartes Pflaster, im Sommer trockener und heißer als im Wald, im Winter kälter. Stadtbäume haben es schwer.

Gibt es Bäume, die das gut aushalten?

Platanen haben sich bewährt, obwohl sie gar nicht aus diesen Breiten kommen. Aber sie sind robust und vertragen die Extreme.

Sollten Großstädte dann lieber viele, möglicherweise falsche Bäume pflanzen oder besser wenige, aber dafür die richtigen?

Lieber die richtigen. Optimal wäre selbstverständlich beides, also viele von den richtigen.

Das Schicksal vieler Stadtbäume ist ein Leben an der Straße. Wie sehr fehlt diesen Gehölzen die Kommunikation und der Austausch mit anderen Bäumen? Vereinsamen Stadtbäume schneller?

Der Austausch fehlt natürlich und man könnte Mitleid haben. Aber wenn man die Chancen eines normalen Keimlings hochrechnet, überhaupt zum Baum zu werden – die stehen bei 1:2.000.000 –, ist das Großstadtleben kein schlechtes Leben. Es ist natürlich nur der zweite Preis in der Lebenslotterie, der Hauptgewinn wäre ein Standort im Wald.

Alt und glücklich können Stadtbäume also trotzdem werden?

Durchaus, aber je mehr Bäume es drumherum gibt, desto besser. Ideal wäre, wenn man heimische Ökosysteme nachbildet, also kleine Gruppen pflanzt. Diese leben dann in Sozialverbänden, wie Urwaldbäume auch. In Holland gibt es das schöne Projekt „Tiny Forrest“. Dort werden 20 bis 30 Bäume grüppchenweise in Parks gepflanzt, um ihnen den Austausch zu ermöglichen. Das Problem der Stadtbäume ist ohnehin ein anderes.

Und zwar?

Sie werden relativ spät, nach der Aufzucht in Baumschulen, gepflanzt. Und einen Baum zu verpflanzen, ist immer eine schlechte Idee. Denn dafür muss die ausgebildete Wurzel, das Gehirn des Baums, gekappt werden. Wäre beim Menschen auch keine schöne Vorstellung, oder? Jedenfalls bildet ein Stadtbaum dadurch nur flache Wurzeln, darum kippt er bei Sturm meist auch eher um.

Lohnt es da überhaupt, wie im vergangenen Jahrhundertsommer, wurzelverstümmelte Stadtbäume zu wässern?

Das ist natürlich eine schöne Geste, und klar, das hilft Oberflächenwurzlern. Aber wenn, dann ordentlich.

Was heißt ordentlich?

100 Liter auf einmal können Bäume mindestens vertragen. Es ist also besser, ein Mal zehn Gießkannen zu nehmen statt zehn Mal eine.

Für problembehaftete Bäume wie Kastanien kommt diese Geste wohl trotzdem zu spät. In Hamburg setzen ihr Miniermotte und Pilze zu, sie wird nicht neu gepflanzt. Ist das für Sie schon Baumdiskriminierung?

Auch die Kastanie ist eigentlich kein heimischer Baum, aber weit verbreitet. Die Motten sind dabei auch nur ein optisches Problem, der Baum sieht nicht mehr gut aus. Die Pilze, insbesondere an der Wurzel, machen den Erhalt ernsthaft schwierig. Das ist ein Leben unter erschwerten Bedingungen. Und wenn die Bäume sterben, muss in der Stadt aus Sicherheitsgründen auch gefällt werden. Tatsächlich würde ich Kastanien in der Stadt nicht mehr pflanzen.

Welchen Stadtbaum würden Sie pflanzen?

Stieleichen. Unter Freilandbedingungen kernige, einheimische Gewächse, denen die Stadt nicht allzu sehr zusetzt. Auch Linden kommen gut zurecht.

Linden gibt es in Hamburg aus der Sicht vieler Autofahrer genug, die verkleben im Sommer alles.

Das machen alle Bäume in einem gewissen Maß. Aber mal ehrlich: Das bisschen Blattlauspipi gegen einen schönen, robusten Baum? Ich würde den Baum nehmen, allein schon wegen der höheren Lebenserwartung.

Wessen Lebenserwartung wird erhöht, die der Menschen oder der Bäume?

In Toronto war die Lebenserwartung von Bewohnern, die in Stadtvierteln mit mindestens 20 Bäumen leben, statistisch um 1,4 Jahre erhöht. Dafür würde ich auch Linden pflanzen. Wir kennen diesen psychischen Effekt übrigens auch aus Krankenhäusern, wo Zimmer mit Blick ins Grüne eine heilsame Wirkung zugeschrieben wird.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsbaum?

Ich mag besonders die Buche. Forschungen zeigen, dass sie sehr sozial ist, Nachbarn über Wurzelverbindungen mit Zuckerlösung unterstützt und sich sogar aktiv um ihre Sämlinge kümmert. Das klingt wie im Märchen? Ist aber aktuelle konservative Forschung!

Sie haben auch einen Traumwald gegründet, einen Friedhof ohne Grabschmuck im Wald. Wäre das ein Modell für den größten, aber doch sehr aufgeräumten Parkfriedhof der Welt, den Ohlsdorfer Friedhof?

Die Idee ist ja, den Wald wieder zum Urwald zu machen. Ich glaube, das ist in Ohlsdorf vorerst nicht angedacht. Auch Sarggräber gibt es im Traumwald nicht, nur Urnengräber – eine weitere Einschränkung. Ich glaube aber trotzdem, dass der Ohlsdorfer Friedhof mit seinem Baumbestand, der zentralen Lage und der parkähnlichen Anlage nicht nur ein Ort des Gedenkens und der Erholung, sondern ganz grundsätzlich ein Segen für die Stadt Hamburg ist. Viele Friedhöfe werden ja inzwischen an den Rand gedrängt.

Hamburg rühmt sich zudem, viel Fläche für Naturschutz zu reservieren. Taugt das in Städten überhaupt?

Viel Fläche ist erst mal gut, aber es kommt auf die Qualität an. Nehmen wir die Fischbeker Heide. Da stand früher Wald, die kargen Böden mit Heidegewächsen sind Ergebnis menschlicher Eingriffe. Also wird durch die Pflege dort im Grunde kein Naturschutz, sondern Kulturschutz betrieben. Das ist wie im Freilichtmuseum, typisch deutsch. Man meint, die Natur nur durch menschliches Eingreifen zu schützen. Das einzige, was man in Naturschutzgebieten wirklich machen sollte, ist: Die Hände in den Schoß legen.

Forstwirt, Naturschützer, Autor:

  • Peter Wohlleben, geboren 1964, studierte Forstwirtschaft und arbeitete 23 Jahre in der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz. 2006 gab er seine Stelle auf, um an der Rückkehr der Urwälder zu arbeiten.

  • 2015 erschien sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“, welches zum Weltbestseller und in 41 Sprachen übersetzt wurde. Peter Wohlleben gründete daraufhin eine Waldakademie, die sich nicht nur um den Naturschutz, sondern um zahlreiche Veranstaltungen rund um die Bäume kümmert.

Zwei freie Plätze für Wohlleben-Gespräch am Dienstag

  • Am Dienstag, 12. Februar, ist Peter Wohlleben von 19.30 Uhr an zu Gast bei Greenpeace in Hamburg.

  • Für das Expertengespräch „Faszination Wald“ vergeben Greenpeace und das Abendblatt zwei letzte Plätze.

  • Schreiben Sie bitte bis heute (Sonnabend) 13 Uhr eine E-Mail mit dem Betreff „Faszination Wald“ an die Adresse ausstellung@greenpeace.de. Die Plätze werden per Zufall vergeben, Sie erhalten eine Bestätigungsmail. Die Veranstaltung wird auch live übertragen: www.greenpeace.de/live