Sicherheit

Bezirk will Brennpunkt Jungfernstieg entschärfen

Polizeieinsatz auf dem Jungfernstieg. Bezirksamtsleiter Falko Droßmann will klären, wie dort Probleme mit jungen Migranten entstehen – und glaubt, dass Angebote wie die HipHop Academy Jugendliche vom Besuch des Anlegers abhalten.

Polizeieinsatz auf dem Jungfernstieg. Bezirksamtsleiter Falko Droßmann will klären, wie dort Probleme mit jungen Migranten entstehen – und glaubt, dass Angebote wie die HipHop Academy Jugendliche vom Besuch des Anlegers abhalten.

Foto: Andre Zand-Vakili / HA

Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte kritisiert Verwaltung – und sagt, welchen Weg er bei Integration und Sozialarbeit gehen will.

Hamburg. Aggressive Jugendliche am Jungfernstieg, Schüsse aus Hochzeitskonvois in Billstedt, neue Daten über die wachsende soziale Kluft in Hamburg: Wiederholt gerieten zuletzt junge Migranten und ärmere Viertel in die Schlagzeilen. Der Bezirk Mitte will nun einen radikal neuen Weg bei Integration und sozialer Arbeit gehen. Im Abendblatt-Gespräch übt Bezirksamtsleiter Falko Droßmann (SPD) scharfe Kritik an der eigenen Verwaltung – das System sei völlig veraltet.

Herr Droßmann, bundesweit wird energisch über Problemviertel, „Leitkultur“ und Integration diskutiert. Der Bezirk Mitte hat bei Minderjährigen einen Migrantenanteil von 74 Prozent und die meisten sozial schwachen Viertel in Hamburg ...

Falko Droßmann: Der Begriff führt in die Irre. Wir dürfen wirtschaftliche Schwäche nicht mit sozialer Schwäche verwechseln. Der Zusammenhalt in Billstedt oder Horn ist positiv. Und es wäre falsch, ganze Stadtteile schlechtzureden, die jeweils auch vom Hochhaus bis zur Einfamilienhaussiedlung reichen.

Aber?

Droßmann: Natürlich gibt es enorme Herausforderungen. Wir haben im Bezirk Mitte die kleinsten Wohnungen, die mit Abstand meisten Sozialleistungsempfänger, Alleinerziehenden und Schulabbrecher. Es gibt Ecken, etwa auf der Horner Geest, wo die Wahlbeteiligung bei 19 Prozent liegt. Diese Phänomene fallen immer mit einem hohen Migrantenanteil zusammen. Und wir wissen aus Studien, dass sich die Situation dort in den kommenden Jahren verschlechtern wird.

Ist Mitte ein Problembezirk?

Droßmann: Ich würde es eine Großbaustelle nennen. Von Banlieus wie in Frankreich oder „No-go-Areas“ sind wir in Hamburg doch sehr weit entfernt. Richtig ist aber, dass frühere Versuche wie die Großsiedlung Mümmelmannsberg nicht vollends funktioniert haben. Wir haben es oft mit staatsfremden Menschen zu tun. Und wir müssen uns auch fragen, wie etwa Probleme mit jungen Migranten am Jungfernstieg entstehen. Zu oft ist der erste Impuls, über die verschiedenen Träger einfach mehr Geld in die Stadtteile zu pumpen.

Was meinen Sie?

Droßmann: Ich halte viele Strukturen unseres Hilfesystems und die Art, wie wir soziale Arbeit betreiben, für nicht mehr zeitgemäß. Es wird zu wenig darauf geachtet, was bei den Menschen ankommt. Da basiert vieles noch auf Konzepten der 60er-Jahre, die in der heutigen Zeit einfach nicht reichen. Das ist absolut kein Vorwurf an die Sozialarbeiter vor Ort, die viel und tolle Arbeit leisten. Es geht da um das System.

Geben Sie uns ein Beispiel.

Droßmann: Das fängt wirklich mit Banalitäten im Management der Viertel an. Da sind in Billstedt etwa zwei Spielplätze für Kinder, direkt nebeneinander, beide vom Bezirk Mitte eingerichtet. Und in der Mitte ist ein dicker Zaun. Nach dem System ist da alles richtig gelaufen – es waren zwei unterschiedliche Fachämter federführend, die im Organigramm himmelweit auseinanderliegen. Aber für jeden Menschen, der da unbeteiligt draufschaut, ist das Irrsinn. Dasselbe gilt, wenn am Dimpfelweg etwa noch ein verbeulter Wegweiser am Straßenschild zu einem Seniorentreff erneuert wird, den es schon seit einem halben Jahr nicht mehr gibt.

Immerhin gibt es viele Träger, die sich der sozialen Arbeit widmen.

Droßmann: Ja, der Teufel steckt da ebenso im Detail. Auf der Horner Geest liegen etwa in direkter Nachbarschaft eine Elternschule, die viel gegen häusliche Gewalt unternimmt, ein Jugendzentrum, ein Spielhaus und noch ein Haus der Jugend. Aber alle Einrichtungen werden mit ein bis zwei Personen betrieben und sind baulich in beklagenswertem Zustand. Wenn dort jemand krank wird, ist der Laden sofort zu. Und in der Elternschule ist die einzige Hauptamtlerin zu 40 Prozent mit Verwaltungsaufgaben beschäftigt. Das will ich nicht mehr. Und das können wir uns angesichts der Herausforderungen nicht mehr leisten.

Wie lautet Ihr Gegenmodell?

Droßmann: Wir haben dort ein Pilotprojekt initiiert, das dem Konzept von Sozialräumen folgt. Wir planen, vier Einrichtungen zu schließen, und legen sie in einem neuen Haus an der bislang verwilderten Sportrahmenstätte zusammen. Es muss egal sein, ob eine Einrichtung nun von Sozialbehörde, Bezirk oder freiem Träger betrieben wird. Kurz gesagt: Wir schauen nicht mehr auf das, was wir haben, sondern auf das, was gebraucht wird. Es geht um Schnelligkeit in der Verwaltung. Und dafür braucht es keinen Cent mehr. Das Geld muss nur besser ausgegeben werden.

Was bringt das den Menschen vor Ort?

Droßmann: Ganz reale Erleichterungen. Die Alleinerziehenden können dann zum Beispiel endlich abends in einen Sportverein, weil die Elternschule abends eine Kinderbetreuung anbieten kann. Und das Jugendzentrum ist näher am Sportverein, um sich dort um die schwierigen Jugendlichen zu kümmern.

Bei der Vielzahl der zuständigen Stellen braucht Ihr Konzept ein deutliches Umdenken …

Droßmann: … es ist eine kleine Revolution, wenn man ehrlich ist. Unsere aktuelle ­Verwaltungsstruktur ist gut, was Dauerhaftigkeit und Verlässlichkeit angeht. Optimal für die Menschen auf der Straße ist sie nicht, weil sie nicht projektbezogen arbeiten kann. Für die vielen Beteiligten war es ein großer Aha-Effekt, als wir sie das erste Mal in einen Raum zusammengeholt haben, um von Anfang an gemeinsam zu planen. Das war schön zu sehen.

Integration ist damit aber noch nicht erreicht, weil die Menschen im Viertel trotzdem unter sich bleiben.

Droßmann: Das ist einerseits richtig. Aber man muss auch klar sagen: Bei der Frage, ob ein Ehemann seine Frau als gleichberechtigten Partner sehen soll, will ich keine Integration im Sinne von einer Durchmischung, sondern Assimilation an unsere freiheitliche Grundordnung. Es geht oft darum, wie wir die Menschen überhaupt erst als Staat erreichen können.

Braucht es darüber hinaus eine klarere Linie der Stadt gegenüber Migranten?

Droßmann: Nein. Eher entstehen viele Probleme erst dadurch, dass wir erwarten, zu viel von der eigenen Identität aufzugeben. Auch ein hier geborener Jugendlicher in der dritten Generation hat doch eben ausländische Wurzeln. Und diese Menschen prallen auf dem Wohnungs- oder Arbeitsmarkt auf informelle Hürden, das ist Fakt. Wer sich danebenbenimmt, dem müssen wir klar die Grenzen aufzeigen. Aber auf der anderen Seite sind soziale Arbeit und Chancengerechtigkeit ein sehr wichtiger Faktor.

Jugendliche zieht es abends aber eher in eine Shisha-Bar als in ein Haus der Jugend.

Droßmann: Im Bezirk Mitte halten wir die Zahl dieser Etablissements sehr begrenzt. Ich halte ansonsten aber auch nichts von dem Klischee, dass Jugendhäuser immer miefig sein müssen. Im Gegenteil haben wir wirklich coole Einrichtungen wie den „Kulturpalast“. Man kann auch beobachten, wie die Arbeit bei Jugendlichen Wirkung trägt. Wer etwa in der Hip­Hop Academy bis zum Abend schwitzt und sich auf den nächsten Workshop am Morgen freut, fährt danach bestimmt nicht mehr zum Abhängen an den Jungfernstieg.

Die Probleme, auch zwischen Migranten und deutschen Kindern, fangen schon in der Schule an.

Droßmann: Wir müssen auch dort die Angebote näher an die Kinder bringen und arbeiten dazu mit der Schulbehörde zusammen. Ein ganz wichtiges Instrument sind die sogenannten Familienräte, die wir eingeführt haben. Da kommen bei Problemen wirklich alle Personen an einen Tisch, die auf das Kind einwirken können. Sie können sicher sein, dass der Fußballtrainer mehr Einfluss auf einen Jungen aus Billstedt hat als viele Sozialpädagogen.

Wollen Sie auch das Jugendhilfesystem der Stadt verändern?

Droßmann: Das ist der logische nächste Schritt, wenn wir anfangen, konsequent in Sozialräumen zu denken. Im Moment haben wir 106 aktive Träger im Bezirk, die oft nicht einmal in Hamburg ansässig sind. Und eine grundlegende Frage ist nicht geklärt: Wer entscheidet darüber, wann etwa die Beratung einer Familie abgeschlossen und etwa eine Kindesgefährdung gebannt ist? Die Träger haben ein natürliches Interesse daran, so lange wie möglich beschäftigt zu werden. Wir geben für diesen Bereich 67 Millionen Euro im Jahr aus – und müssen unsere Maßnahmen effektiv halten: im Sinne der Familien und Kinder.

Was schwebt Ihnen vor?

Droßmann: Ich plädiere dafür, den Auftrag für Maßnahmen zur Jugendhilfe, Seniorenberatung und andere Maßnahmen nach den Sozialräumen jeweils an einen einzelnen Trägerverbund oder Träger auszuschreiben. Und im Idealfall sitzt er bereits bei der Quartiersentwicklung mit Stadtplanern und Sozialmanagement an einem Tisch.

Teilen Senat und die Bezirke Ihre Begeisterung für den neuen Ansatz?

Droßmann: Unser Projekt hat enormes Interesse auf sich gezogen, auch auf Ebene der Bundesministerien. Ich glaube, auch die Wohlfahrtsverbände überzeugen zu können, zumal es nicht um Geld, sondern um den Effekt vor Ort geht. Es ist auch politisch noch eine Strecke zu einer effektiveren Struktur. Aber wir sollten uns auf den Weg machen.