Elbe

Fred Philipp – ein Leben für den Hamburger Hafen

Fred Philipp steht auf dem Anleger Teufelsbrück an der Elbe – seit mehr als 75 Jahren arbeitet der 95-Jährige im Hafen.

Fred Philipp steht auf dem Anleger Teufelsbrück an der Elbe – seit mehr als 75 Jahren arbeitet der 95-Jährige im Hafen.

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Der 95-Jährige hat 75 Jahre an der Elbe gearbeitet und kann es immer noch nicht lassen. Eine sehr hamburgische Geschichte.

Hamburg.  Mensch, was waren das für Zeiten. Als der Buttje Fred aus der elterlichen Mietwohnung im vierten Stock auf der Veddel über den Hamburger Hafen guckte – und von der großen, weiten Welt träumte. Hin und wieder nahm ihn sein Vater August Adolf Philipp, ein Klempner in Diensten der Hapag-Reederei, mit an Bord eines der beeindruckenden Pötte. Einmal schenkte ein Käpt‘n aus Übersee dem staunenden Jungen eine Dose Pfirsiche der Marke Libbys. Ein Schatz, nie zuvor gesehen. Unvergessen.

„Das ist mein Zuhause“, sprach seine innere Stimme zu ihm. „Hier möchte ich später arbeiten.“ Praktisch mit der hanseatischen Heimat im Herzen den Erdball umfassen. Dieser kindliche Schwur wurde in die Tat umgesetzt. Und wie. Fred Philipp, der am 2. August seinen 96. Geburtstag begeht, ist seiner Leidenschaft treu geblieben: viel mehr als ein Berufsleben lang, bis zum heutigen Tag. Seit mehr als 75 Jahren blieb der gelernte Schifffahrtskaufmann der Elbe und dem Hafen verbunden.

Um 7.15 Uhr beginnt der Arbeitstag

Damals wie heute ist der Seebär als Schiffsausrüster im Einsatz. Um 7.15 Uhr betritt der Rentner das Kontor am Tarpenring in Langenhorn. Werktag für Werktag. Zwar nur noch halbtags und auf 450-Euro-Basis, indes pflichtbewusst und akkurat wie in jungen Jahren. Richtig Ruhestand und Fofftein für immer? „Nö. Wer arbeitet, vergisst das Älterwerden“, meint Herr Philipp und zuckt mit den Schultern. Mutt ja.

Verabredet haben wir uns in Teufelsbrück, im Restaurant Engel, direkt auf dem Anleger. Nicht nur wegen der erfrischend fröhlichen Kellnerinnen ist diese Ortswahl ideal: Mit Blick auf den Strom, der ihm so viel bedeutet, kommt der hochbetagte Hamburger rasch in Fahrt. Selig betrachtet er Containerriesen, Lotsenboote und Barkassen. Täglich blickt der 95-Jährige auf den Monitor in der Firma oder in die Tageszeitung: Welches Schiff wird erwartet, welches legt wieder ab? Dieses Kommen und Gehen, wie Ebbe und Flut, fasziniert ihn von jeher.

Nach dem Krieg beendete er die Lehre

Um diesen Tag am Elbufer, für den er Urlaub eingereicht hat, als besonderes Erlebnis zu genießen, ist dreifache Verstärkung dabei: Lebensgefährtin Lisa Fehr, ihm seit gut 30 Jahren dank einer Kontaktanzeige im Abendblatt herzlich verbunden, sowie deren Neffe Olaf Rolfs mit Ehefrau Annett, beide aus Bispingen. Steuerbords taucht die Sonne hinter den Wolken auf. Wie bestellt. Ein traumhafter Tag.

Ein bisschen so wie damals, im Mai 1946, als Fred Philipp aus der Kriegsgefangenschaft in seine Heimatstadt zurückkehrte und die sechs Jahre zuvor bei der Reederei Sloman gestartete Lehre zum Schifffahrtskaufmann beendete. Die Kapitel Arbeitsdienst und Wehrmacht waren abgehakt. Gott sei Dank. Im Sauseschritt eilt der geistig und körperlich verblüffend vitale Mann durch vergangene Jahrzehnte. Erzählt vom Einstieg beim Schiffsausrüster Georg P. Müller am Brook 1947 sowie vom Fol­gejob bei Friedrich Sänger von 1977 bis 2001.

Plötzlich war Philipp selbstständig

Als letzterer Betrieb wirtschaftlich die Segel strich, machten sich sechs Kollegen mit der Firma Promarine selbstständig. Geliefert werden hauptsächlich Ersatzteile für deutsche Technik auf US-amerikanischen Kreuzfahrtschiffen. Der Boss ist ein Italiener. Allesamt sind Routiniers jenseits der 60, zwei sehr weit darüber.

Einer von ihnen ist Herr Philipp. Zwischen 7.15 Uhr und kurz vor 11 Uhr kümmert er sich um die Ablage und alles, was sonst noch so anfällt. Meist freitags bringt er Pakete zum Flughafen. Am Steuer seines Autos, aber das nur am Rande. Vom Airport geht die Ware in alle Welt. „Unser Beruf hat sich im Laufe der Zeit gewandelt“, weiß der rüstige Senior. Dann erzählt er von früher. Zuhören macht Spaß. Wie er im Hafen an Bord kleiner und großer Schiffe ging, beim Kapitän oder Smutje Bestellungen abholte und dafür sorgte, dass alles komplett und zügig ausgeliefert wurde. „Von Klopapier bis Kaviar“ hat er in Erinnerung.

Die Zuverlässigkeit in Person

Kreuzfahrtriesen wurden mit mehreren Lkw bedient, andere erhielten lediglich ein paar Kästen Proviant. Fred Philipp stand für absolute Zuverlässigkeit und Akkuratesse. So, wie es ihm sein Vater August Adolf beigebracht hatte. Alte Hafenschule.

Und wenn ihr Fred ein Detail mal nicht sofort parat hat, springt Lebensgefährtin Lisa ein. Die aktuell 85-Jährige hat ebenfalls lange im Hafenbereich gearbeitet. „Aber nur 35 Jahre“, fügt Herr Philipp hinzu. Aus seiner Sicht ist das wenig. Seine Lisa wirkte bei den Quartiersleuten Brunswiek & Consorten nahe dem Baumwall in der Buchhaltung. Im Hafen kennt sich eine wie der andere prima aus. Auch das schweißt zusammen.

Ein Haus von Kajüte in der Wohnung

Daheim auf der Uhlenhorst, sagt das Paar unisono, sei die Wohnung maritim gehalten: viel Mahagoni, Messing, Bilder von Elbe, Meer und Fischkuttern, zehn Alben mit Hafenfotos in Griffweite. Oder vom alljährlichen Sommerurlaub im Ferienhaus auf Fanö in Dänemark. Vom schnuckeligen Schrebergarten in Groß Borstel. Und von der Familie natürlich. Fred Philipp freut sich über zwei Töchter, beide im Rentenalter, und einen Enkel. Urenkel Linus, fünf Jahre alt, ist sein ganzer Stolz. Mit Inbrunst, aus erster Hand, erzählt er ihm vom Hafen und der weiten Welt der Schifffahrt. Durch seinen Beruf kennt der altgediente Seebär quasi jede Hafenstadt Europas. Oft fuhr er die Lastkraftwagen selbst nach Antwerpen, Genua oder Marseille.

Hin und wieder kommt sein alter Freund Sven Mody zum Klönschnack vorbei. Praktisch, dass Lisa Fehr tagtäglich schmackhafte Hausmannskost zubereitet. Mody und Philipp arbeiten seit 1977 in einer Firma, Hand in Hand, auch heutzutage noch. Die Herren pflegen sich zu siezen. „Das Du hat sich irgendwie nie ergeben“, sagt Fred Philipp dazu – fast entschuldigend. Muss ja auch nicht. Und selbstverständlich kennt Siezfreund Sven Freds sorgsam gehütetes Grundschulzeugnis vom 20. März 1931. „Fred zeichnet sehr gut“, steht dort in altdeutscher Schrift. Wobei man wissen muss: Der Hamborger Buttje zeichnete früher ausschließlich Schiffe. Frachter der Reederei Hapag, sonst nichts: gelber Schornstein mit schwarz-weiß-roten Streifen.

Mit der Liebsten auf Kreuzfahrt

Seitdem er mit Lisa „mein großes Glück“ fand, darf’s gerne eine maritime Nummer größer sein. „Wir lieben Kreuzfahrten“, berichtet Fred Philipp. Gemeinsam mit dem Ehepaar Rolfs geht es im Herbst für zwölf Tage rund um Großbritannien. Zur Nachfeier des 96. Geburtstags. Leider sind die Zeiten passé, als der Schiffsrüster die Offiziere von Ozeanriesen wie „Berlin“ oder „Deutschland“ persönlich kannte – und zum Abendessen an den Kapitänstisch gebeten wurde. Es war ein Ritterschlag für einen Fahrensmann erster Klasse.

Doch jetzt hält es Herrn Philipp nicht mehr im muckelig warmen Vorraum des Restaurants Engel. „Frische Luft schnuppern“, ruft er, knöpft sich den Mantel zu und zurrt die Schiebermütze zurecht. Nichts wie runter an die Elbe, an den Strom, der diesem Mann so viel bedeutet. Dazu passt sein Lebensmotto: „Gott gib uns die Winde, damit wir erfahren, was es jenseits unseres Horizontes gibt – und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel.“