Groß-Flottbek

Die Flottbeker „Waitze“ und ihre Geschichte(n)

Ausstellungsinitiator Christoph Beilfuß vor historischen Fotos der Waitzstrasse

Ausstellungsinitiator Christoph Beilfuß vor historischen Fotos der Waitzstrasse

Foto: ANDREAS LAIBLE

Eine große Fotoausstellung rückt die beliebte Einkaufsstraße ganz neu ins Blickfeld. Das Abendblatt hat sie vorab besichtigt.

Groß Flottbek.  Monatelang dauerte die Umgestaltung der Waitzstraße, mittlerweile präsentiert sich die traditionsreichste und bekannteste Einkaufsmeile Groß Flottbeks und Othmarschens in neuem Glanz. Dass auch heute noch viel Klassisches in dieser ehemaligen Wohnstraße steckt, vermittelt die neue Fotoausstellung „Die Waitzstraße – früher und heute“, die vom morgigen Mittwoch an in der Volkshochschule West (VHS) zu sehen ist. Beim Vorab-Rundgang für das Abendblatt wird deutlich: Die Ausstellung füllt viele Wissenslücken und zeigt, wie unterhaltsam eine Zeitreise durch die Jahrzehnte sein kann, wenn sie gut gemacht ist.

119 Fotos aus 120 Jahren „Waitze“

Noch nie gab es eine so umfangreiche, so reich bebilderte Dokumentation über die „Waitze“. In 31 Rahmen werden 119 Fotos gezeigt, die einen Zeitraum von 120 Jahren abdecken. Im Gegensatz zu ähnlichen Ausstellungen ist die Gegenüberstellung von alten und aktuellen Fotos so exakt, dass sich jeder Betrachter sofort orientieren kann. Zu verdanken ist das einmal mehr Christoph und Erika Beilfuß vom Archivverein des Bürgervereins Flottbek-Othmarschen.

Schon für die 2017 erschienene Othmarschen-Chronik samt Ausstellung hatten beide Großes geleistet, und die neue Schau ist Fortsetzung und in wesentlichen Punkten auch Ergänzung dazu. Ein großer Glücksgriff war der Kontakt zu Jens Kraglund, der an der Waitzstraße lange ein Fotogeschäft betrieb und über eine umfangreiche Karten- und Fotosammlung verfügt. Diese gut sortierten Quellen stellte er für die Ausstellung ohne Zögern zur Verfügung.

Mit Spürsinn durch die Namensvielfalt

Vieles war dabei Detektivarbeit, denn einst hatten die einzelnen Abschnitte der heute rot geteerten Flanierstraße verschiedene Namen, zeitweise waren es gleich vier: Ulmen-, Zeise-, Claudius- und Claus Groth-Straße. Warum das so war und wann welche Umbenennungen nötig wurden, vermittelt die gut gemachte Handreichung, die den Ausstellungsbesuchern vor Ort den Weg durch die Geschichte weist.

Die Ausstellung liefert viele verblüffende Erkenntnisse, und wer sie gesehen hat, betrachtet auch die Waitze mit anderen Augen. Ganz alte Aufnahmen zeigen eine vornehme Villengegend fast ohne Ladengeschäfte. Gärtner harken ein Grundstück, ein Kindermädchen fährt Othmarschens Nachwuchs spazieren. Allein auf weiter Flur steht die riesige Villa mit dem Restaurant Güllnitz, während oben auf dem Bahndamm eine qualmende Dampflok vorbeifährt. Heute befindet sich in dem Gebäude das Block House. Weiter westlich stand die „Kuratoriumsschule“ – heute äußerlich kaum veränderter Sitz der VHS. Und mittendrin stand einst das Kaiserliche Postamt (Hausnummer 16 und 18) mit preußischer Flagge auf dem Dach.

Von Eisenwaren, Feinschuhreparaturen und Blockbustern

Bis 1955 gab es eine Post vor Ort, so ist zu erfahren, dann zog sie nach nebenan zum Beselerplatz um. Auf späteren Bildern fällt dann vor allem die enorme Vielfalt auf, die sich den Kunden einst bot. Wo heute vor allem Makler, Bäcker und Bankfilialen das Bild dominieren, sah es noch bis weit in die 1970er-Jahre ganz anders aus. Jansen Kaffee und Uhren Birke, Feinschuh-Reparatur Harder, das Radio-Geschäft Deka und Kaufhaus Lange sind einige Beispiele. Mehr als 90 Jahre lang konnten die Elbvorortler bei Burmeister so ziemlich alles kaufen, was mit Eisenwaren zu tun hat, bevor 1997 endgültig Schluss war. Heute auch nur noch schwer vorstellbar, dass sich hinter der Fassade von Nummer 15 einst der Logensaal der Loge Hansa befand – dokumentiert durch ein Foto von 1927.

Später zog dort das auch schon lange verschwundene Flottbeker Kino (Floki) ein. Der heutige Blick auf die einzelnen Fassaden ist gründlich – und der Gesamteindruck für die Waitze nicht immer nur schmeichelhaft. Erst der genaue Vergleich zeigt, wie wenig die vorgebauten Ladengeschäfte optisch aufeinander abgestimmt sind und wie unharmonisch das Bild heute stellenweise wirkt. Einige Läden wurden auch so rigoros an die dahinter stehenden Altbauten geklatscht, dass deren Charme fast verloren ging.

Nachhilfe für die „Heutigen“

Schon seit dem vergangenen Frühjahr hat das Ehepaar Beilfuß die Schau vorbereitet. Ein gemeinsames Hobby sei das Abtauchen in die Lokalgeschichte, sagt Christoph Beilfuß, und dann winkt er bescheiden ab: „Ist doch schön, wenn man etwas für seine Gegend tun kann.“ Es sei erstaunlich, wie wenig „Heutige“ über die Entwicklung Othmarschens und Groß Flottbeks wüssten, wundert sich Beilfuß, der auch für Führungen durch die Ausstellung bereitsteht. Die Ausstellung macht deutlich, dass es in der mittlerweile schicken Einkaufsstraße über Jahrzehnte nicht nur beschaulicher und bescheidener zuging, sondern auch viel unaufgeregter als heute.

Christoph Beilfuß zeigt auf ein Foto von 1969: Meterhoch türmt sich der Schnee am Fahrbahnrand, Autos dürften zeitweise kaum durchgekommen sein. „Komisch“, sagt Beilfuß, „zum Einkaufen kamen die Leute trotzdem in die Waitze, aber dann eben zu Fuß.“ Und dann mit hintersinnigem Lächeln: „Na, heutzutage wäre das ein fürchterliches Drama.“

Die Ausstellung wird am heutigen Dienstag in der Volkshochschule West, Waitzstraße 31, um 18 Uhr mit einer Einführung und einem kleinen Umtrunk eröffnet. Sie ist noch bis zum 31. August zu den regulären Öffnungszeiten der VHS im 1. Stock zu sehen.