Geburten

Hebammen für alle, die in Hamburg keine finden

Die drei Damen von der neuen Hebammen-Praxis an der Altonaer Straße: Ilka Kaufmann, Leah Bianchini und Christina Mucks (v. l.)

Die drei Damen von der neuen Hebammen-Praxis an der Altonaer Straße: Ilka Kaufmann, Leah Bianchini und Christina Mucks (v. l.)

Foto: Michael Rauhe / HA

Drei Frauen haben die Praxis „Lütten Nordlicht“ eröffnet – sie bieten kurzfristig buchbare Termine an. Volle Wartezimmer bei Ärzten.

Hamburg.  Dass es schneller geht als erwartet, ist für eine Hebamme sozusagen Tagesgeschäft. Deshalb zögerten ­Leah Bianchini, Christina Mucks und Ilka Kaufmann auch nicht lange, sondern sagten recht spontan zu, als die Kinderärzte Dr. Enke Grabhorn und Dr. Florian Brinkert sie Ende letzten Jahres fragten, ob sie mit ihnen gemeinsame Sache machen wollten: eine neuartige Praxis mitten in der Schanze gründen, etwas Innovatives wagen. „Ich wusste sofort, dass dieses neue Konzept die Zukunft ist“, sagt Bianchini, die seit über 20 Jahren in Hamburg Frauen nach der Entbindung betreut. „Wir reagieren damit auf die aktuelle Situation mit dem immer schlimmer werdenden Hebammenmangel.“

Laut AOK-Report „Gesunder Start ins Leben“ sind es jährlich weniger Mütter, die eine Wochenbettbetreuung von einer Hebamme erhalten: Nur 46,5 Prozent, also nicht einmal jede zweite Frau, wird nach der Geburt eines Kindes zu Hause weiterbegleitet. Diese Zahl deckt sich mit den Ergebnissen des bereits im Dezember 2015 veröffentlichten Berichts der Hamburger Gesundheitsbehörde, in welchem es heißt, „dass in ganz Hamburg schätzungsweise jede zweite Schwangere nachgeburtlich durch freiberuflich tätige Hebammen betreut wurde.“ Der Vergleich mit den Vorjahren zeigte schon damals die schlechter werdende Situation auf. Die neuesten - vermutlich noch prekäreren Zahlen - werden Ende des Jahres erwartet.

Für die drei langjährigen Hebammen (Kaufmann und Mucks führten zuvor acht Jahre lang die Hebammenpraxis „Kleiner General“), die wöchentlich bis zu 60 Anfragen nach Wochenbettbetreuung von Frauen ab der 4. Schwangerschaftswoche bekommen, bedeutet ihre neue Situation, dass sie sich mit der siebenköpfigen Kinderarztpraxis zusammentun und in frisch renovierten Räumen in der Altonaer Straße 61 ihre Hebammenpraxis „Lütten Nordlicht“ eröffnen: eine Anlaufstelle für Wöchnerinnen.

Fachlich versierte Anlaufstelle

Für die Kinderärzte ist der Zusammenschluss deshalb enorm wichtig, weil sie nun eine direkte, fachlich versierte Anlaufstelle für die Fragen der teilweise komplett verunsicherten Eltern haben. Denn durch den Mangel an Wochenbettbetreuung haben die Mediziner volle Wartezimmer mit eigentlich kerngesunden Kindern, deren Eltern aber berechtigt nach Antworten auf die ständigen Veränderungen in der neuartigen Situation mit Baby suchen.

Was durch die Allianz entsteht, ist neben gebündelter Kompetenz – im Erdgeschoss befindet sich eine Spermabank und im 2. Obergeschoss ist das Pränatalzentrum des Gynäkologikums beheimatet – mehr Zeit. Denn: Frischgebackenen Mütter, die keine Hebamme gefunden haben, können nun in die Praxis zur Fachberatung kommen. Spontan und nach Bedarf. „Wir haben dafür unter www.luetten-nordlicht.de ein offenes Online-Termin-System, in welches sich die Mütter oder Eltern bei Fragen ganz ungeplant einbuchen können“, erklärt Kaufmann. Ist es normal, wenn der Nabel des Neugeborenen blutet? Wie schlimm ist eine verstopfte Nase bei einem drei Wochen alten Kind? Bildet sich meine Gebärmutter zeitgerecht zurück? Warum schläft mein Kind nur tagsüber ganz fest und nicht nachts? Fragen, die nicht durch Googeln, sondern eben nur durch ein persönliches Treffen geklärt werden können.

„Ilka und ich sind auch Laktoberaterinnnen“

„Dadurch, dass die Frauen in die Wochenbettsprechstunde zu uns kommen, haben wir die Möglichkeit, mehr Frauen zu beraten und zu begleiten, als wenn wir Hausbesuche machen,“ sagt Bianchini. Rund drei Stunden täglich sitze sie sonst im Auto, Fahrtwege und die nervtötende Parkplatzsuche verschwendeten kostbare Zeit. Die soll nun den Frauen zugute kommen.

„Ilka und ich sind auch Laktoberaterinnnen“, sagt Mucks, „wir können also ganz gezielt bei Stillproblemen helfen.“ Dazu kommen Angebote wie vorgeburtliche Yogakurse, Rückbildungs- und Beikosteinführungskurse, Babymassage und ab Sommer eine Schulung, die vermutlich innerhalb weniger Stunden ausgebucht sein wird: der Kurs für werdende Eltern, die keine Hebamme gefunden haben.