Leitartikel

Abitur: Der Trugschluss mit G9

Rückkehr zur längeren Schulzeit am Gymnasium würde neue Probleme schaffen.

Zugegeben, der Gedanke ist verführerisch: ein Jahr länger Zeit bis zum Abitur! Das kommt den Familien zugute, das schafft Freiraum für mehr Sport oder Musik außerhalb der Schule – und vielleicht sogar für zusätzliche Wiederholung und Vertiefung des Lernstoffs.

Es ist also zunächst einmal absolut nachvollziehbar, wenn sich gut drei Viertel der Hamburger in der Abendblatt-Umfrage eine Rückkehr zu G9 am Gymnasium wünschen. Wahr ist allerdings, dass der Wunsch nach einer längeren Schulzeit schon jetzt erfüllt werden kann: Die Stadtteilschulen bieten G9 flächendeckend in Hamburg an.

Wie schnell sich die bildungspolitischen Befindlichkeiten ändern: Um die Jahrtausendwende war der Aufschrei groß, als die PISA-Studien offenbarten, dass die Kulturnation Deutschland bei den Leistungen ihrer Schüler im internationalen Vergleich hinterherhinkte. Schlimmer noch: Die anderen wussten nicht nur mehr, sie schlossen die Schule in der Regel auch noch früher ab.

Antwort auf den PISA-Schock

Eine Antwort auf den PISA-Schock war die Einführung von G8 an den Gymnasien. Durch die kürzere Schulzeit sollte Deutschland wettbewerbsfähiger werden. Damals war viel von dem verlorenen Jahr, der Klasse elf, die Rede, in der angeblich nicht viel passierte. Die Verkürzung schien vielen Erziehungswissenschaftlern nicht nur schlüssig, sondern auch den Kindern gegenüber pädagogisch vertretbar.

Nun ändern sich die bildungspo­litischen Moden und Auffassungen schnell – ein Grund mehr, auf die Ergebnisse von Reformen zu schauen. Für Hamburg lautet das Fazit: Das Zwei-Säulen-System aus Gymnasium mit G8 und Stadtteilschule mit G9 hat sich weitgehend bewährt.

Dass die Gymnasiasten heute generell unter dem schnelleren Weg zum Abitur allzu sehr leiden, kann ernsthaft nicht behauptet werden. Auch die Leistungen sind nicht abgesackt: Die G8-Abiturienten können es mit ihren G9-Mitschülern mindestens aufnehmen, das hat der Doppeljahrgang 2010 belegt. Und schließlich: G8 hat der Attraktivität des Gymnasiums keinen Abbruch getan. Jahr für Jahr werden in Hamburg weiterhin mehr Viertklässler für ein Gymnasium angemeldet als für eine Stadtteilschule.

Wenn es ein gravierendes Problem mit dem Zwei-Säulen-Modell gibt, dann ist es dieses: Etwa jeder achte Schüler muss das Gymnasium am Ende der sechsten Klasse wegen unzureichender Leistungen verlassen und auf eine Stadtteilschule wechseln. Für die meisten Schüler bedeutet das die bittere Erfahrung eigenen Scheiterns. Es muss also darum gehen, die Stadtteilschulen zu stärken und ihre Attraktivität zu steigern, damit sie „wählbarer“ für Eltern und Schüler schon nach Klasse vier werden.

Mit der Einführung von G9 am Gymnasium würde genau das Gegenteil geschehen: Die Stadtteilschulen würden ihr Alleinstellungsmerkmal des längeren Weges zum Abitur verlieren. Noch mehr Eltern würden wohl den Versuch wagen, ihr Kind auch ohne Empfehlung auf einem Gymnasium anzumelden. Die Stadtteilschule drohte marginalisiert zu werden.

Ausgangslage in den Ländern unterschiedlich

Ja, sagen die Befürworter der Rückkehr zu G9 am Gymnasium, die anderen machen es doch auch. Das stimmt, aber die Ausgangslage in den Ländern ist sehr unterschiedlich. Es kommt etwas Bemerkenswertes hinzu, das viele dem Hamburger Schulsystem nicht zugetraut hätten: Hamburg hat bei den Schülerleistungen im Vergleich der 16 Länder kräftig aufgeholt und die rote Laterne zugunsten eines Platzes im Mittelfeld aufgegeben, mindestens. Das liegt nicht an G8 oder G9, wohl aber daran, dass seit fast zehn Jahren nicht mehr an der Schulstruktur gerüttelt worden ist. Die Lehrer konnten sich ganz auf das konzentrieren, was die Kernaufgabe der Schulen ist: auf den Unterricht. Dieses hohe Gut sollten wir uns im Interesse der Schüler erhalten! G9 am Gymnasium wäre ein massiver Eingriff in die Schulstruktur.