Cyberattacke

Azubi aus Hamburg warnte Martin Schulz vor Datenklau

Jonas Ueberschaer hat SPD-Spitzenpolitiker Martin Schulz per WhatsApp auf den Datenklau hingewiesen.

Jonas Ueberschaer hat SPD-Spitzenpolitiker Martin Schulz per WhatsApp auf den Datenklau hingewiesen.

Foto: Finn Fischer

Wie Jonas Ueberschaer aus Bad Oldesloe den Hackerangriff auf Promis und Politiker entdeckte. Rund 994 Personen sind betroffen.

Bad Oldesloe/Hamburg.  „Hey, deine Nummer steht im Neuland auf einer Anzeigetafel und die kann von circa zwei Millionen Menschen im Moment gesehen werden.“ Diese Nachricht bekam der SPD-Politiker Martin Schulz am Donnerstag um 20.11 Uhr auf sein Diensthandy gesendet. Die Nummer sollten eigentlich nur Vertraute kennen. Absender der Nachricht: Jonas Ueberschaer (19) aus Bad Oldesloe (Kreis Stormarn). Wie der Auszubildende im Internet auf die Kontaktdaten von Martin Schulz, Hunderter anderer Politiker und Künstler gestoßen ist und warum er jetzt auch die neue Nummer des SPD-Politikers hat, erzählte er dem Abendblatt.

„Mit Freunden habe ich eine Telegram-Gruppe“, sagt Jonas Ueber­schaer. Telegram ist ein Nachrichtendienst, ähnlich wie WhatsApp – nur sicherer. „Dort wurde geschrieben, dass jemand den Account des YouTubers Simon Unge gehackt hat.“ Den in der Gruppe geteilten Link schaute sich der Oldesloer genauer an. Was er dort fand, war nicht nur ein paar gehackte Daten des bekannten Videobloggers. „Da habe ich Hunderte Namen gefunden, Telefonnummern, Familienfotos, Privatadressen und Kreditkarteninformationen einfach so für jeden abrufbar im Internet.“

Sammelsurium an privaten Informationen

Es waren nicht irgendwelche Namen. Sie gehörten Politikern, Schauspielern, Künstlern. Ein Sammelsurium an privaten Informationen bekannter Persönlichkeiten. Mittlerweile steht fest, dass Hunderte Prominente betroffen sind. Neben Martin Schulz und YouTuber Simon Unge auch Satiriker Jan Böhmermann, Schauspieler Til Schweiger und viele andere. Zu dem Zeitpunkt war über einen Datenklau oder Hackerangriff noch nichts in den Medien zu lesen.

„Offenbar wusste niemand etwas davon, und da habe ich mir gedacht, dass ich etwas tun muss“, sagt Jonas Ueberschaer. Er entschied sich für die Nummer von Martin Schulz. Der SPD-Politiker kandidierte bei der Bundestagswahl vor anderthalb Jahren gegen Angela Merkel, war vorher Mitglied des EU-Parlaments und von 2017 bis 2018 SPD-Parteivorsitzender. Und es war der erste Name, der ihm etwas sagte.

Ausbildung als Fachinformatiker

„Ich habe ihm dann eine Nachricht geschickt“, sagt der 19-Jährige, der gerade in Hamburg eine Ausbildung als Fachinformatiker macht. „Entweder stimmt die Nummer, oder eben nicht.“ Sie stimmte. Nur ein paar Minuten später klingelte das Smartphone. Jonas Ueberschaer verpasste den ersten Anruf. „Da habe ich dann echt Schiss bekommen“, sagt er. Ihm sei dann durch den Kopf gegangen, ob er nachher dafür verantwortlich gemacht werde und Ärger bekomme. „Das ganze Ausmaß habe ich erst später begriffen.“

Doch seine Angst legte sich schnell wieder. Am anderen Ende der Leitung war ein Mitarbeiter von Martin Schulz. „Der wollte dann wissen, woher ich die Nummer habe. Der klang nicht wütend. Eher erleichtert, von der ganzen Sache erfahren zu haben.“ Mittlerweile hat Martin Schulz die Telefonnummer seines Diensthandys gewechselt. Aber nicht ohne eine Information an Jonas Ueberschaer: „Ich habe mich entschieden, Ihnen die neue Nummer zu geben“, zitiert der Oldesloer stolz eine der Nachrichten und lacht: „Die Nummer eines Spitzenpolitikers zu haben, kann ja irgendwann mal nützlich sein.“

Rund 994 Personen betroffen

Nach dem Online-Angriff ermittelt auch das BKA. Am Sonntag wurde die Wohnung eines 19-Jährigen in Heilbronn durchsucht, der allerdings nicht als möglicher Täter, sondern als Zeuge geführt wird. Gegenüber dem ARD-Politikmagazin „Kontraste“ hatte der Jugendliche die Razzia bestätigt, bei der technische Geräte beschlagnahmt wurden. Außerdem sei er über mehrere Stunden befragt worden. Der 19-Jährige geriet offenbar in den Fokus der Ermittlungsbehörden, weil er mit dem Hacker in Kontakt stand.

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen sind von dem Online-Angriff 994 Personen betroffen. Darunter 50 schwerwiegende Fälle, bei denen in größerem Umfang private Daten wie Korrespondenzen und Fotos veröffentlicht wurden. Bereits im Dezember hatte eine bislang unbekannte Person über ein mittlerweile gesperrtes Twitter-Konto namens „@_Orbit“ angefangen, die Daten zu veröffentlichen – zunächst von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt. Nach bisherigen Erkenntnissen scheinen nicht alle veröffentlichten Daten aus aktuellen Hacks, also dem unerlaubten Eindringen in Social-Media- oder Mailkonten, zu stammen. Einige der veröffentlichten Daten sollen bereits mehrere Jahre alt sein.

Jonas Ueberschaer aus Bad Oldesloe hat mit seiner Warnung an Martin Schulz die richtige Entscheidung getroffen: „Ich wollte helfen.“ Auf die Frage, ob er sich jetzt selbst auch Gedanken über die Sicherheit seiner persönlichen Daten macht, sagt der angehende Fachinformatiker: „Nein, ich benutze schon immer komplizierte und automatisch generierte Passwörter.“ Das rät er jedem, der Wert auf den Schutz seiner Mail- und Social-Media-Accounts legt.

Hackerangriff: Daten von Politikern veröffentlicht