Hamburg

Privater Kältebus soll Obdachlose vor dem Tod retten

In Berlin ist der Kältebus bereits seit vielen Jahren erfolgreich im Einsatz.

In Berlin ist der Kältebus bereits seit vielen Jahren erfolgreich im Einsatz.

Foto: Rolf Zoellner / imago/epd

Ein Kleintransporter soll nach Berliner Vorbild die Wohnungslosen in kalten Nächten versorgen oder in Unterkünfte bringen.

Hamburg.  Vier Todesfälle auf den Straßen der Hansestadt haben eine scharfe Debatte um das Hilfesystem für Obdachlose entfacht. Nachdem die Sozialbehörde weitere Maßnahmen ablehnte, wird die Tagesstätte Alimaus des kirchlichen Hilfsvereins St. Ansgar selbst tätig. In Kürze soll ein sogenannter Kältebus nach Berliner Vorbild die Wohnungslosen in kalten Nächten versorgen oder in Unterkünfte bringen.

Dazu liefen derzeit noch Verhandlungen mit einem Autohaus über die Anmietung eines Kleintransporters, sagte die Alimaus-Leiterin Christiane Hartkopf auf Anfrage. „Im günstigsten Fall könnte es bereits in einigen Tagen losgehen“. Der Bus soll täglich in der Zeit von 19 bis 24 Uhr vor allem im Innenstadtbereich und in Altona unterwegs sein; die Ehrenamtlichen an Bord wollen mit Obdachlosen ins Gespräch kommen und sie etwa mit warmer Kleidung, Schlafsäcken und Isomatten versorgen.

Über eine Telefonnummer sollen Passanten melden können, wenn sie einen Obdachlosen entdecken, der gefährdet erscheint. Auch der Verein „Kiezhelden“ des FC St. Pauli will mit Ehrenamtlichen im Kältebus mithelfen. „Um den Betrieb aufrechterhalten zu können, sind wir aber auch auf weitere Spenden angewiesen“, so Hartkopf.

Vier tote Obdachlose binnen eines Monats

Im Haus der Alimaus am Nobistor, wo Bedürftige warmes Essen und Kleidung erhalten, erlebten die Mitarbeiter täglich, wie schlecht der Gesundheitszustand vieler Obdachlose sei. „Neben Alkoholkonsum bestehen sehr häufig Vorerkrankungen“, sagt Christiane Hartkopf. „Da braucht es dann gar keine minus 12 Grad Außentemperatur, damit es ohne Hilfe gefährlich wird.“

Die leblosen Körper der vier verstorbenen Obdachlosen in diesem Jahr waren alle innerhalb von nur einem Monat entdeckt worden. Nur im Fall einer 43 Jahre alten Frau, die auf einer Parkbank in Niendorf verstarb, wurde eine Unterkühlung definitiv als Todesursache festgestellt. Die Auswertung von 263 Todesfällen von Wohnungslosen zwischen 2007 und 2015 durch eine Doktorandin am Institut für Rechtsmedizin am UKE ergab, dass Obdachlose in Hamburg eine Lebenserwartung von nur 49 Jahren haben – zehn Jahre weniger als Menschen in Entwicklungsländern und sogar 30 Jahre weniger als Hamburger mit festem Wohnsitz.

Nicht alle Obdachlosen lassen sich helfen

Die Sozialbehörde verwies zuletzt trotz scharfer Kritik darauf, dass in der Hansestadt bereits ein umfangreiches Hilfssystem etabliert sei. „Auch ein Kältebus könnte nicht mehr leisten, denn gegen den Willen eines Obdachlosen kann man ihn nicht ins Winternotprogramm oder zu anderen Beratungsstellen bringen“, sagte der Sprecher Enrico Ickler.

Ksenija Bekeris, sozialpolitische Specherin der SPD-Fraktion, nannte den ergänzenden Einsatz eines Kältebusses "lobenswert. Er würde jedoch vor die gleichen Herausforderungen gestellt wie die bereits im Einsatz befindlichen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter", die trotz der Hinweise auf die Gefahr nicht immer Obdachlose davon überzeugen könnten, sich helfen zu lassen. Anders als in Berlin konzentrierten sich die Obdachlosen in Hamburg zudem vor allem im Innenstadtbereich, und die Wege zu den Unterkünften wie dem Pik As seien kurz. Bekeris: "Die Herausforderung besteht weiter darin, Hemmschwellen abzubauen."

Winternotprogramm: 300 Plätze frei

Die Unterkünfte des Winternotprogramms künftig auch tagsüber zu öffnen – wie von Linken und Obdachlosenhelfern gefordert – plant der Senat nicht. Die Notquartiere stünden bundesweit nur als Nachtquartier zur Verfügung. Aktuell seien zudem noch 300 Plätze im Winternotprogramm frei. Über eine Hotline (Tel. 040 42828-5000) können Bürger bereits Sozialarbeiter auf Obdachlose aufmerksam machen.

In Behördenkreisen ist auch davon die Rede, dass jede weitere Maßnahme für Obdachlose auch zusätzliche Bedürftige „anziehe“. Nach den neuesten Daten einer Umfrage leben 2000 Menschen ohne festen Wohnsitz auf Hamburgs Straßen, darunter ein großer Teil an Osteuropäern. Die bereits auf den Straßen arbeitenden Sozialarbeiter pflegten teils enge Kontakte zu den Obdachlosen – nur werde die Hilfe nicht immer angenommen.

Nach der Partei Die Linke, dem Straßenmagazin „Hinz & Kunzt“ und der Diakonie erhöht nun aber auch die Fraktion der Grünen im Rathaus den Druck auf die Sozialbehörde, mehr für die Bedürftigen zu unternehmen. „Das Winternotprogramm erreicht leider nicht alle Personen, für die es gedacht ist. Deshalb gibt es Handlungsbedarf“, sagte die sozialpolitische Sprecherin der Fraktion, Mareike Engels.

CDU bringt Shuttle für kranke Obdachlose ins Gespräch

Es müssten noch mehr Obdachlose dazu bewegt werden, die Schutzräume aufzusuchen. „Das kann durch zusätzliche gezielte Straßensozialarbeit oder auch durch einen Kältebus passieren." Über mögliche Maßnahmen sei man mit der SPD im Gespräch, so Engels. Wenn die Alimaus selbst aktiv werde, könne das ein „hilfreicher Baustein“ sein.

Die CDU-Sozialexpertin Franziska Rath bringt auch einen Bustransfer für kranke Obdachlose zwischen dem Winternotprogramm und den Tagesstätten ins Gespräch. Daneben sei es wichtig, noch entschiedener für die Notquartiere zu werben. „In jedem Falle sollten die ehrenamtlich tätigen Hamburgerinnen und Hamburger in ihrem wichtigen Engagement nicht ausgebremst werden.“