Adventszeit

Krayenhagen statt Kenia – Weihnachtssterne aus der Region

Floristin Elisabeth Schoenemann präsentiert Weihnachtssterne bei Krayenhagen Gartenbau in Nützen.

Floristin Elisabeth Schoenemann präsentiert Weihnachtssterne bei Krayenhagen Gartenbau in Nützen.

Foto: THORSTEN AHLF

Viele Kunden kaufen unwissentlich Tannenbäume, Christrosen oder Kränze aus fernen Ländern. Eine Floristin will das ändern.

Hamburg.  Ist das Fleisch auch bio? Der Kohl regional angebaut? Das Obst der Saison entsprechend? Fragen, die mittlerweile wie der Jutebeutel zum guten Ton auf dem Wochenmarkt und im Supermarkt gehören. Es wird verglichen, die Herkunft gecheckt. Das Bewusstsein dafür, was zu Hause in Küche und Kühlschrank landet, hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt, der Verbraucher ist kritischer geworden. Bei Lebensmitteln. Nicht jedoch in Sachen Floristik.

Keine Deklarationspflicht

Gerade jetzt, vor dem ersten Advent am Sonntag, wo überall Kränze, Weihnachtssterne, Christrosen und Nadelzweige angeboten werden, wäre die Frage nach dem „Woher?“ mehr als angebracht. „Die meisten Kunden wissen gar nicht, dass der Weihnachtsstern, den sie im Baumarkt oder Discounter für 1,99 Euro kaufen, mit großer Sicherheit aus Kenia kommt“, sagt Elisabeth Schoenemann, Hamburger Floristin in vierter Generation. Sie könnten es nicht einmal herausfinden, denn es besteht aktuell noch keine Herkunfts-Deklarierungspflicht für Blumen und Pflanzen. Unwissentlich greifen die Käufer deshalb zu Adventskränzen aus Polen, Tschechien oder der Slowakei, Christrosen, die in den Niederlanden gezogen wurden, Weihnachtssternen, die den Weg aus Peru oder Ecuador gemacht haben. Auch hier angebotene Tannenbäume wurden oftmals schon vor Monaten in Osteuropa geschlagen und bis zum Verkauf in Deutschland kühl gelagert. Dabei gibt es Alternativen.

Doch die wenigsten Händler weisen auf die regionalen Pendants hin. Die 31-jährige Floristin Schoenemann, deren Eltern in Rahlstedt den Blumenladen „Blumen Schoenemann“ führen, will, „dass sich die Branche endlich etwas bewegen muss“. Aufklärung müsse her. „Zum Glück fragen viele Kunden mittlerweile nach, sie wollen wissen, was sie einkaufen“, sagt Schoenemann.

Blumen-Show in Brasilien

Sie selbst steht nur noch selten im Geschäft ihrer Eltern, mittlerweile reist die mehrfach ausgezeichnete Florist-Designerin nämlich ziemlich viel. Bedeutet: Sie wird weltweit von Firmen gebucht und installiert dann dort ihre Blumenkunststücke. Sie stattete unter anderem das Deutsche Haus bei den Olympischen Spielen in Rio aus oder machte jüngst die Blütenwand für den Deutschen Filmpreis. Mittlerweile schult sie im In- und Ausland Kollegen oder reist zu Blumen-Shows nach São Paolo, Dubai, Japan und in die Karibik.

Besonders am Herzen liegt ihr dennoch die Heimat, weshalb sie seit drei Jahren als Markenbotschafterin des Hamburger Blumengroßmarkts mit der Kampagne „Ich bin von hier“ für die Pflanzen wirbt, die regional angebaut wurden. „Ich kämpfe auch bei meinen Kollegen für das Herkunftsbewusstsein, denn ich bin immer wieder selbst überrascht, wie unfassbar vielfältig unser Großmarkt ist.“ Gerbera, Alpenveilchen, Nelken, Rosen – alles stammt aus den riesigen Anbaugebieten im Alten Land oder den Vier- und Marschlanden. „Die Kunden sind auf jeden Fall bereit, ein paar Euro mehr zu bezahlen, wenn sie von ihrem Floristen erklärt bekommen, dass mit der Kaufentscheidung für regionale Pflanzen die Gärtnereien hier gestärkt und erhalten werden“, sagt Schoenemann. Es sei mit Pflanzen wie mit dem Obst: 1-a-Qualität bekomme man in Blumenfachgeschäften, mindere Qualität zumeist in günstigeren Ketten oder Supermärkten. „Das Bund Rosen an der Kasse für 99 Cent kann schlicht nicht aus dem Norden kommen“, sagt sie. Einfach zu billig. Wer ein bisschen mehr investiere, bekäme auch etwas dafür: eine längere Haltbarkeit, höhere Farbintensität, ausgefallenere Sorten und eine stärkere Blüte. „Der Weihnachtsstern ist ein gutes Beispiel“, erklärt Schoenemann, „er ist sehr empfindlich und bei dem langen Transportweg aus Kenia gibt es neben dem Flug Unwägbarkeiten. Beispielsweise minus drei Grad oder Regen auf dem Rollfeld beim Verladen. Das sieht man einen Tag später im Laden noch nicht, aber zu Hause beim Kunden wird er dann deshalb recht schnell eingehen.“

Kaufe man hingegen die Züchtung von einem Gärtner der Region, dann merke man neben der Haltbarkeit das Herzblut. „Die behandeln ihre Weihnachtssterne wie eigene Kinder und haben eine richtige Beziehung zu den Pflanzen“, so Schoenemann, die auch schon mal „eins auf die Finger bekommen hat“, weil sie vor den Augen des Gärtners ein Palette Blumen zu ruckartig bewegte. „Zu Recht“, sagt sie und lacht. Denn auch ihr Herz schlägt für Pflanzen. Die regionalen, natürlich.