Verkauf

HSH-Nordbank: Der letzte Akt eines Dramas

Schleswig-Holsteins Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) und Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) verkündeten den HSH-Verkauf

Schleswig-Holsteins Finanzministerin Monika Heinold (Grüne) und Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) verkündeten den HSH-Verkauf

Foto: Markus Scholz / dpa

Die Bank ist verkauft, die Anteile sind übertragen. Hamburg und Schleswig-Holstein atmen auf und beklagen Milliardenverluste.

Hamburg.  Der Phönixsaal, natürlich. Wo sonst könnte man das Kapitel HSH Nordbank würdig beenden. Das prunkvolle Gemach im Rathaus ist einer der größten Katastrophen in der Geschichte der Stadt gewidmet, dem Großen Brand von 1842. Gleichzeitig steht der Feuervogel Phönix für den Aufstieg aus der Asche. „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, und neues Leben blüht aus den Ruinen“, lautet die Inschrift unter dem Gemälde, auf dem die Hamburger Schutzpatronin Hammonia durch die Trümmer der Stadt schreitet. Wie passend.

Auch die HSH Nordbank steht für eine der größten Katastrophen in der Nachkriegsgeschichte der Stadt und des benachbarten Schleswig-Holstein. Nur hat sie keine Gebäude verbrannt, sondern Geld. Sehr viel Geld. Viel hat nicht gefehlt und sie hätte die Zukunft zweier Bundesländer in Trümmern gelegt. Mindestens zehn Milliarden Euro haben die beiden Länder bei dem Ausflug in die Welt der Hochfinanz verloren, Betonung auf mindestens.

Denn auf den Cent genau lässt sich das ganze Desaster auch heute noch nicht beziffern – dem Tag, an dem Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) und seine schleswig-holsteinische Amtskollegin Monika Heinold (Grüne) im Phönixsaal des Rathauses das endgültige Ende dieses düsteren Kapitels norddeutscher Kooperation verkünden.

Die Bank gehört jetzt einer Gruppe von Investoren

„Das Closing hat stattgefunden, die Transaktion ist vollzogen“, sagt Dressel um 12.40 Uhr. Die Beteiligten hätten extra den Kontoauszug geprüft: „Das Geld ist da.“ Die Anteile seien übertragen, die HSH gehöre nicht mehr Hamburg und Schleswig-Holstein, sondern einer Gruppe von Investoren. Er spüre nun einerseits „Erleichterung“, aber für Jubelstürme gebe es natürlich keinen Anlass, sagt Dressel. Dafür seien die Belastungen für die Länder zu groß: „Die HSH bleibt ein Mahnmal für verantwortungslose Finanzpolitik.“

Noch stärker als bei Dressel, der erst im Frühjahr Finanzsenator wurde, ist bei Monika Heinold zu spüren, dass sie sechs Jahre lang für die HSH verantwortlich war und darum gekämpft hat, den Schaden möglichst gering zu halten. „Durch eine verantwortungslose Expansionsstrategie und eine lange Kette von Fehlern ist aus einer kleinen Landesbank ein Milliardengrab geworden“, sagt sie und hält sich zunächst an ihren Sprechzettel.

„Den Preis dafür zahlen die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler sowie viele Beschäftigte der HSH Nordbank.“ Doch danach bekennt Heinold offen, wie es in ihr aussieht: Dieser Tag sei schon „emotional“, die letzten Jahre seien „eine große Stresssituation“ gewesen. „Ich versuche mich an das Gefühl zu gewöhnen, nicht mehr Tag und Nacht für diese Bank verantwortlich zu sein“, sagt Heinold. „Das ist ein gutes Gefühl.“

30 Menschen versammelten sich beim Notar

Begonnen hatte der Tag um 9 Uhr im Notariat an der Bergstraße. Dort, wo vor exakt neun Monaten der Kaufvertrag zwischen den Ländern und den Investoren Cerberus, J. C. Flowers, GoldenTree Asset Management (alle USA), Centaurus Capital (Großbritannien) und der österreichischen Bawag-Bank unterzeichnet wurde (das „Signing“), findet nun auch das „Closing“ statt. Zwischen diesen beiden Termin waren diverse Bedingungen zu erfüllen, die es teilweise in sich hatten. Die Kartellbehörden mussten ebenso zustimmen wie die beiden Länderparlamente und die Bankenaufsicht.

Der Übergang der HSH vom Sparkassenverband DSGV zum Privatbankenverband BdB, ein Novum in der deutschen Bankengeschichte, erwies sich als härteste Nuss. Und am Ende musste die EU-Kommission, die den Ländern den Verkauf diktiert hatte, weil sie die ständige Staatshilfe für eine Bank beenden wollte, alles abnicken. Dieses Okay aus Brüssel war am Montag eingetroffen.

Und so treffen sich an diesem Morgen mehr als 30 Menschen in dem Notariat in Rathausnähe. Für Hamburg und Schleswig-Holstein sind die Chefin der Beteiligungsverwaltung in der Finanzbehörde, Sibylle Roggenkamp, und der Kieler Finanzstaatssekretär Philipp Nimmermann sowie einige Mitarbeiter ihrer Behörden dabei. Die Käuferseite wird vor allem von Anwälten vertreten.

Eine Stunde dauerte die Verlesung der „Closing“-Urkunde

Rund eine Stunde lang wird die „Closing“-Urkunde verlesen, die festhält, dass alle Bedingungen erfüllt sind. Dann wird unterzeichnet. Anschließend lassen die Käufer den Kaufpreis auf ein Konto der HoldCo, jener Holding der Länder, die ihren 94,9-Prozent-Anteil an der HSH hält (der Rest gehört bereits Flowers), überweisen.

Exakt 996.996.000 Euro werden nun virtuell bewegt. Der eigentlich Kaufpreis liegt zwar bei knapp über einer Milliarde (1.000.246.000 Euro), doch davon gehen 3,25 Millionen Euro Prämie für eine Versicherung ab, mit der sich die Länder gegen Risiken aus dem Deal absicherten. Doch auch so bleibt es vermutlich eine der größten Überweisungen in der Geschichte der Stadt. Die Notarkosten tragen die Käufer.

Um 10.40 Uhr erhalten die Minister die Nachricht: Vertrag unterzeichnet, Geld ist unterwegs. Doch dann dauert es überraschend lange, bis die Summe auf dem HoldCo-Konto bei der Bundesbank eintrifft. Dressel und Heinold warten im Senatsgehege des Rathauses auf die erlösende Nachricht. Der Beginn ihrer Pressekonferenz verzögert sich leicht, denn ohne endgültigen Vollzug wollen sie nicht beginnen. Erst um 12.26 Uhr geht der „Kontoauszug“ ein: Die HSH ist verkauft.

Freude bei vielen Parteien über das Ende dieses Kapitels

Damit schließt sich ein Kapitel, das 2003 mit der Fusion der Landesbanken von Hamburg und Schleswig-Holstein aufgeschlagen wurde und das eigentlich in einen Börsengang münden sollte. Doch statt auf dem Parkett endete es in einem Desaster. Die weltweite Finanzkrise und die sich anschließende Schifffahrtskrise hatten den größten Schiffsfinanzierer der Welt sturmreif geschossen. Immer neue Milliarden-Rettungspakete mussten die Länder schnüren – bis die EU dem ein Ende bereitete.

„Endlich ist es geschafft. Hamburg ist seinen größten Klotz am Bein los“, sagte Lorenz Palte, Vorsitzender des Bundes der Steuerzahler, und bilanzierte: „Die HSH Nordbank ist der größte Finanzskandal in der Geschichte unserer Stadt.“ Vertreter fast aller Parteien zeigten sich erfreut, dass dieses Kapitel nun beendet ist. „Ein solches Desaster darf sich auch im Ansatz nicht wiederholen“, sagte Thilo Kleibauer (CDU).

Die HSH Nordbank selbst blickte dagegen lieber nach vorn. Der Verkauf sei der „Beginn einer neuen Zeitrechnung für unsere Bank“, sagte Vorstandschef Stefan Ermisch. „Wir konzentrieren uns jetzt mit aller Kraft auf die neue Ära.“ Diese wird zunächst viele Jobs kosten – vermutlich vor allem in Kiel – und einen neuen Namen mit sich bringen: Ab Februar will man unter Hamburg Commercial Bank firmieren.

Ob die neue Bank aufsteigt wie einst der Phönix? Reichlich Asche hat die HSH hinterlassen.