Hamburg

Was Kinder von einem Obdachlosen wissen wollen

Lesung mit der Autorin Kirsten Boie und einem Obdachlosen in einer Schule

Lesung mit der Autorin Kirsten Boie und einem Obdachlosen in einer Schule

Foto: Joana Nietfeld

Schriftstellerin Kirsten Boie und ein Schauspieler lesen aus „Ein mittelschönes Leben“ für Kinder aus Lemsahl-Mellingstedt.

Lemsahl-Mellingstedt. Jubelnd trommeln die Schülerinnen und Schüler auf den Boden der Turnhalle, als Jan die Frage, ob er noch obdachlos sei, verneint. Gemeinsam mit Kinderbuchautorin Kirsten Boie und Gabriele Koch vom Spendenmarketing beim Straßenmagazin Hinz und Kunzt ist Jan heute zu Gast in der Grundschule Lemsahl-Mellingstedt.

Jan und Kirsten Boie lesen abwechselnd aus dem Kinderbuch der Schriftstellerin „Ein mittelschönes Leben“ vor. Das Buch beschreibt den Weg eines Mannes mit geregelter Arbeit und Familie in die Obdachlosigkeit. Er lebt zunächst mit Frau und Kindern in einer Wohnung. Irgendwann lernt seine Frau einen neuen Mann kennen und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Alkohol gegen Traurigkeit – der falsche Weg

Nach der Lesung stellen die Schülerinnen und Schüler den Gästen Fragen. Mascha aus der 4c will wissen: „Warum trinkt der Mann im Buch Alkohol?“ Häufig würde versucht werden, Alkohol gegen die Traurigkeit zu trinken – das sei aber natürlich der falsche Weg, sagt Kirsten Boie. Die Autorin veröffentlichte über 100 Bücher und war früher selbst Lehrerin.

Kommen Lemsahler Kinder überhaupt in Berührung mit Obdachlosigkeit? Im nahegelegenen Alsterdorfer Einkaufszentrum (AEZ) und in der Innenstadt hätten viele Schülerinnen und Schüler Obdachlose beobachtet und Fragen gestellt, erzählt die Lehrerin Silke Pokern. Die Arbeit verlieren, das gehe schnell, erklärt sie den Kindern. „Ich weiß, dass auch hier Papis sind, die ihre Arbeit verloren haben.“

Die Tochter begleitete den obdachlosen Vater

Jan ist Schauspieler und war zehn Jahre lang obdachlos. Seine erste Nacht unter freiem Himmel verbrachte er in strömendem Regen auf einem Spielplatz. „Obdachlos zu sein ist sehr kompliziert. Manchmal habe ich meine Socken in der Toilette gewaschen und unterm Handtrockner getrocknet.“ Jan erzählt weiter, wie schwer es ist, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen. Seine Familie habe aber die ganze Zeit zu ihm gehalten. Seine erwachsene Tochter, die damals in London lebte, sei sogar zu ihm geflogen und hätte fünf Nächte neben ihm auf Platte geschlafen.

Auf die Frage, wie Obdachlose ihren Geburtstag feiern, antwortet Jan: „Heutzutage geht man zu Hinz und Kunzt und bekommt zehn Ausgaben umsonst“, außerdem gebe es Kaffee und zumeist ein Ständchen von den Kollegen. Weihnachten feiern alle gemeinsam in der Fischauktionshalle. Um diese Angebote zu unterstützen, gibt es von der Grundschule eine gesammelte Spende von 1000 Euro an Gabriele Koch von Hinz und Kunzt.