Harburger Binnenhafen

Bauunternehmer: „Man muss schon etwas verrückt sein . . .“

| Lesedauer: 10 Minuten
Angelika Hillmer, Matthias Iken und Axel Tiedemann
Investor und Visionär: Arne Weber sitzt vor einem großen Luftbild des Harburger Binnenhafens an der Süderelbe.

Investor und Visionär: Arne Weber sitzt vor einem großen Luftbild des Harburger Binnenhafens an der Süderelbe.

Foto: Angelika Hillmer / HA

Arne Weber hat in den Binnenhafen investiert, als der noch eine unwirtliche Brache war. Seine Pläne dürften den Stadtteil verändern.

Hamburg.  In den 1980er-Jahren war der Harburger Binnenhafen ein alter Industriehafen, berüchtigt für seinen Gestank und heruntergekommene Brachflächen. Gemeinsam mit dem damaligen Harburger Bezirksamtsleiter Jobst Fiedler (SPD) dachte der Unternehmer Arne Weber seinerzeit über ein neues Wohn- und Hightech-Quartier am Wasser nach. Viele erklärten ihn für verrückt, als er dort tatsächlich investierte. Heute gilt der Binnenhafen, in dem bald das größte Hotel der Stadt entstehen soll, als kleine Schwester der HafenCity. Am Westlichen Bahnhofskanal soll bis zum Jahreswechsel 2020/2021 ein Haus mit 600 Zimmern entstehen. Zugleich will Weber Harburg wieder mit einer eigenen Schiffsverbindung an Hamburg anbinden. Ein Sprung über die Elbe – nur diesmal von Süd nach Nord.

Ist das 18-stöckige Hotelhochhaus, das Sie jetzt bauen wollen, der Schlussstein oder eine Zwischenetappe der Entwicklung?

Arne Weber: Das Hotel ist Bestandteil des Hamburg Innovation Port (HIP). Zunächst war es als Neubau auf dem Ziegelwiesenkanal vorgesehen, aber das wäre zu klein geworden. Für unser Grundstück am Kanalplatz weist der Bebauungsplan ein Hochhaus aus, daher bauen wir das Hotel mit 600 Zimmern jetzt nur 200 Meter Luftlinie entfernt vom Hamburg Innovation Port. Wir brauchten aber noch eine Idee, wie wir die Gäste in die City bringen, denn es ist eben kein Hotel an der Alster. Auf der Immobilien Messe Expo Real wurde ich bei einem Vortrag sogar gefragt, warum ich „in der Bronx“ so ein Riesenhotel bauen will, Harburg sei doch eine C-Lage. Dann hat jemand im Publikum gesagt: „Ich glaube, der will die Leute mit dem Schiff transportieren.“ Ich antwortete: „Genau, mit einer Fähre.“ Auf die Reaktion „Aber da fährt doch gar keine!“ sagte ich: „Stimmt, dann muss man das eben selbst regeln.“

Wird die Fähre der Brückenschlag, der Sprung über die Elbe? Hat diese Verbindung Hamburg-Harburg bislang gefehlt?

Weber: Sie fehlt durch die zunehmende Verstopfung der Stadt. Wir haben hier eine ganz gute Anbindung mit S-Bahn und Bussen. Und zum Harburger Bahnhof gehen wir zehn Minuten. Wir sprechen bei einem so großen Hotel aber ja auch Hamburg-Touristen an. Die sollten wir nicht per S-Bahn zum Musical oder zur Elbphilharmonie fahren lassen. Die Hamburger Wasserwege werden generell viel zu wenig genutzt. Und die Hafenrundfahrt liefern wir gleich mit.

Wie muss man sich das vorstellen?

Weber: Der Bezirk bemüht sich seit Langem um eine Fährverbindung als Nabelschnur in die City. Wir sind im Gespräch mit der Hadag. Das will er aber nicht. Da haben wir gesagt, dann machen wir das allein. Das erste Schiff soll im kommenden Jahr oder spätestens Anfang 2020 noch vor Vollendung des Hotels in den Probebetrieb gehen.

Und die Harburger können dann schon ganz normal mitfahren?

Weber: Na klar. Wir bemühen uns, eine Fahrzeit von unter einer halben Stunde von Harburg bis zu den Landungsbrücken zu realisieren. Dazu müssten wir schneller fahren dürfen. Ich bin da im Gespräch mit der Hafenbehörde HPA. Unser Katamaran ist auf wenig Schwell ausgelegt. Am liebsten starten wir vom Anleger Dampfschiffsweg an der Süderelbe, dann sind wir in unter einer halben Stunde an den Landungsbrücken.

Der Anleger Dampfschiffsweg ist aber abgelegen und schwerer erreichbar als die S-Bahn-Station.

Weber: Die eiligen Hotelgäste würden mit dem Bus zum Anleger gefahren. Touristen, die Zeit haben, müssen nur über die Straße gehen und am Kanalplatz das Schiff besteigen. Die können in Ruhe schleusen und dann auf dem direkten Weg, dem Reiherstieg, in die City schippern – und erleben gleichzeitig eine kleine Hafenrundfahrt. Das wird maximal eine Dreiviertelstunde dauern, und dann gehen sie direkt vom Schiff in die Elbphilharmonie – wer kann das bieten? Wir wollen Schiffe haben, die 100 bis 120 Passagiere transportieren können. Der ganze Süden würde unglaublich profitieren, wenn man alle Stunde mit der Fähre in die Hamburger City fahren könnte.

Ist das nicht die Ironie der Geschichte, dass ein privater Investor den Sprung über die Elbe, der von der Politik schon 2001 postuliert wurde, nun umsetzen muss?

Weber: Die Schiffsverbindung wäre so wichtig für den Süden, auch der Bezirk setzt sich sehr dafür ein. Für uns ist es existenziell, so etwas zu bekommen. Ich kann kein Hotel für 1200 Gäste bauen, wenn ich nicht weiß, wie ich die Leute in die City transportieren kann.

Vor gut 25 Jahren war dieses Gebiet noch eine Brache. Treffen Sie eigentlich Jobst Fiedler noch gelegentlich, den früheren Harburger Bezirksamtsleiter?

Weber: Fiedler haben wir gerade angeschrieben, weil wir ihn für unser Firmenjubiläum (150 Jahre HC Hagemann) im kommenden Jahr gern als Redner haben wollen. Ich weiß noch, wie wir damals beim Italiener saßen und auf die Rückseite eines Tischsets den Harburger Binnenhafen als „Port Grimaud des Norden“ gemalt haben.

Da haben ja viele über Sie den Kopf geschüttelt ...

Weber: In einer Zeitung stand, dass „sein Vater ein ganz seriöser Bauunternehmer ist“. Aber der etwas verrückte Sohn habe jetzt eine Industriebrache im Harburger Binnenhafen gekauft und werde sich wohl als Abbruchunternehmer betätigen. Ich war der Einzige, der davon überzeugt war, dass es richtig ist, dieses Areal zu kaufen. Ich hatte es damals nur ganz wenigen Vertrauten erzählt, dass ich die alte Seifenfabrik, die einen größeren Teil des Hafens ausmachte, erwerben wollte. Keiner hat es nachempfinden können. Auch meine engsten Mitarbeiter sagten: Mach es nicht. Mein Vater lebte zu der Zeit noch. Er sagte zu mir: „Junge, von der Baufirma kannst du leben, mach dich nicht unglücklich.“ Das war für ihn eine Nummer zu groß und zu unübersichtlich. Ich war jung und habe mir gesagt, wenn’s schiefgeht, dann kann ich ja noch mal von vorn anfangen.

Fiedler war ein innovativer Bezirksamtsleiter – da kamen ein Amtsleiter und ein Unternehmer zusammen. Fehlt Ihnen heute manchmal diese politische Unterstützung?

Weber: Mit Fiedler konnte man ganz fantastisch Brainstorming machen, er hat eigene Ideen beigesteuert. Heute steht die Verwaltung im Vordergrund. Ich will mich nicht über den Bezirk beklagen, wir arbeiten gut zusammen, aber vor 25 Jahren hatte der Bezirk mehr Möglichkeiten.

Die Entwicklung im Binnenhafen stand lange Zeit im Schatten der großen HafenCity. Hat Sie das gestört?

Weber: Überhaupt nicht. Anfangs wurde ich für verrückt erklärt, etwas später hieß der Binnenhafen „kleine HafenCity“. Das war schon eine Anerkennung dessen, was wir gemacht haben.

Dann kam Ihnen der Internetboom zu Hilfe?

Weber: Gleich am Anfang rief die Telekom an: Man habe gehört, dass wir hier großflächig Büroräume schaffen. Ich habe geantwortet: Genau, das haben wir vor. Wir haben dann Tag und Nacht gearbeitet, um in der alten Fabrik am Schellerdamm Büroräume herzustellen – und das Bezirksamt hat das so unkompliziert wie möglich unterstützt. Die Telekom war unser erster Mieter, brauchte zu einem bestimmten Termin die ersten 1000 Quadratmeter. Später waren es 22.000 Quadratmeter! Telekommunikation und Informationstechnologie wurden die Schwerpunkte im Binnenhafen. Als Erstes kam das MAZ, das Mikroelek­tronik-Anwendungszentrum unter der Leitung von Werner Zucker. Werner war ein toller Sparringspartner, mit dem man gut spinnen konnte. Man muss schon etwas verrückt sein, wenn man in einer Industriebrache sitzt und dafür nach einer Zukunft sucht:

Worauf sind Sie besonders stolz?

Weber: Stolz für einzelne Objekte kann ich gar nicht so empfinden. Ich finde die Gesamtentwicklung toll. Ich erinnere mich lebhaft an die Zeit, als ich hier vor dem ganzen Schrott stand. Es war eine unwirkliche Szenerie. Und heute ist der Binnenhafen eines der innovativsten Gebiete der Hansestadt Hamburg.

Woran machen Sie das fest?

Weber: An den vielen innovativen Firmen und Institutionen, die hier sitzen. Wir waren stolz, als sich die ganzen Internetfirmen ansiedelten. Dann kam Airbus und hat sein Elektrikplateau hier einige Jahre geparkt. Für viele Zulieferer ist der Binnenhafen heute noch ihre Heimat. Und der Standort mit der Technischen Universität, dem DLR, dem Fraunhofer Institut und vielen technologieaffinen Unternehmen spricht andere Firmen an. Das ist das Konzept des Hamburg Innovation Port, den wir im Frühjahr eröffnen – Wirtschaft und Wissenschaft arbeiten Hand in Hand an den Ideen von morgen.

Was hat nicht geklappt?

Weber: Wir wollten ja hier das „Port Grimaud des Nordens“ verwirklichen: Wohnen am und auf dem Wasser. Wir haben mit verschiedenen Architekten Wohnhäuser entwickelt und haben schöne Visualisierungen von an Stegen und Kaimauern liegenden Schiffen gemacht. Die hatten Fiedler und ich schon beim Italiener auf das Tischset gemalt.

Woran ist es gescheitert?

Weber: Im Bezirksamt wurden mit der Zeit immer weniger Ausnahmegenehmigungen erteilt. Es war eben formal noch ein Industriehafen. Man durfte hier eigentlich keine Büros bauen, und wohnen durfte man hier schon gar nicht. Wir konnten das Gebiet in den Anfängen entwickeln, weil man uns gewisse Freiheiten einräumte. Wären da nur sture Beamte gewesen, wären wir nicht weit gekommen. Ich brauchte Ansprechpartner im Bezirksamt, die die Sache unterstützten. So dauerte eine Baugenehmigung nur ein paar Wochen, und ich hab gesagt, ich fang schon mal an. Dadurch ist ganz viel in kurzer Zeit entstanden.

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