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Yad Vashem überlässt Hamburgs Schulen Holocaust-Lernmaterial

Besucher im Museum der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die Bilder zeigen auch die Opfer, deren Biografien in den neuen Unterrichtsmaterialien nachgezeichnet sind.

Besucher im Museum der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Die Bilder zeigen auch die Opfer, deren Biografien in den neuen Unterrichtsmaterialien nachgezeichnet sind.

Foto: dpa Picture-Alliance / DEBBIE HILL / picture alliance / newscom

Die Jerusalemer Gedenkstätte stellt erstmals Bildungseinrichtungen außerhalb Israels Material zur Verfügung. Die Wahl fiel auf Hamburg.

Hamburg.  Die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hat erstmals Lizenzen zum Abdruck moderner Unterrichtsmaterialien außerhalb Israels vergeben – und zwar an Hamburg. Mit den in Yad Vashem entwickelten Materialien will die Schulbehörde die Antisemitismus-Prävention an Hamburgs Schulen stärken. Das Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung (LI) habe exklusiv Unterlagen für 500 Lernkoffer nachdrucken dürfen, sagte Schulsenator Ties Rabe (SPD) am Dienstag bei der Vorstellung der Pläne.

An einigen Modellschulen wie der Stadtteilschule Mümmelmannsberg und dem Gymnasium Grootmoor in Bramfeld wurde das Material bereits erprobt und soll jetzt flächendeckend zum Einsatz kommen. „180.000 Schüler bleiben nicht unbeeindruckt davon, dass sich der gesellschaftliche Diskurs ändert“, so Rabe. „Vom Einsatz der Materialien erhoffe ich mir nicht nur einen geschichtlichen Impuls, sondern auch ein Erstarken der Bindungskräfte an den Schulen.“

Material soll zum Demokratieverständnis beitragen

Antisemitische Vorfälle seien nicht der Anlass für die Einführung der neuen Unterrichtsmaterialien, betonte Rabe. „In Hamburg hat es keinen schlimmen antisemitischen Zwischenfall gegeben.“ An dem Projekt werde bereits seit 2012 gearbeitet. „Es geht grundsätzlich darum, diesem wichtigen Thema der deutschen Geschichte Platz einzuräumen“, so Rabe weiter. Jede der 130 weiterführenden Schulen in Hamburg soll zwei der 500 Lernkoffer erhalten. Die übrigen sollen als Reserve dienen und zur Lehrerfortbildung genutzt werden. Einige Kartons sollen auch nach Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gehen.

„Neben der Auseinandersetzung mit dem Holocaust soll das Material auch zum Demokratieverständnis beitragen“, sagte Mara Sommerhoff vom LI. In jedem Koffer sind sechs Mappen mit Unterrichtsmaterialien zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten enthalten. Sie beschäftigen sich mit den Lebensgeschichten jüdischer Opfer wie der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch oder der Irrfahrt des Auswandererschiffes „St. Louis“. Mithilfe von Plakaten, Lebensläufen, Berichten und Fotos sollen Schüler die Lebenswege der einzelnen Protagonisten nachvollziehen. „Es handelt sich um prägnante, plastische Beispiele, um die Judenverfolgung in allen Facetten mitzuerleben“, sagte Schulsenator Rabe.

Wichtiger Bildungsbaustein gegen Antisemitismus

Durch das Material erhielten die Schüler einen Zugang zu den Personen, lobte Geschichtslehrer Ceyhan Cüce, der an der Stadtteilschule Mümmelmannsberg bereits mit dem Material aus Jerusalem gearbeitet hat. „Der biografische Zugang schafft Nähe und baut Distanz zum Judentum und zum Holocaust ab“, sagte auch Geschichtslehrer Stefan Hamm, der das Material am Gymnasium Grootmoor eingesetzt hat und sich ebenfalls begeistert zeigte. Die Unterrichtsmaterialien für den Geschichtsunterricht wurden für Schüler der Klassen 8 bis 11 konzipiert und Hamburg kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die Initiative der Schulbehörde sei ein „wichtiger Bildungsbaustein gegen Antisemitismus“, so der Grünen-Abgeordnete Olaf Duge. „Friedliches Zusammenleben über Herkunft und religiöse Zugehörigkeit hinaus muss immer wieder neu erlernt werden.“ Die intensive Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus sei angesichts aktueller populistischer Entwicklungen nach wie vor eine dringende Aufgabe.

Auch aus der Opposition gab es Zuspruch für die Initiative, aber auch Kritik an der Erfassung antisemitischer Vorfälle. „Der Senat verschließt weiterhin zu sehr die Augen vor dem zunehmenden Antisemitismus an den Hamburger Schulen, in dem die Schulbehörde die nötigen Daten überhaupt nicht zentral erfasst“, sagt die CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Birgit Stöver. Für die FDP sei es „irritierend, dass der Senator und die Schulbehörde nur in schweren Einzelfällen über Vorfälle von Antisemitismus unterrichtet werden müssen“, so die FDP-Fraktionsvorsitzende Anna von Treuenfels-Frowein. AfD-Fraktionschef Alexander Wolf kritisiert, dass der Senat zu spät auf das „Antisemitismus-Problem an Hamburger Schulen“ reagiere.

Dass die neuen Materialien die vielfältigen kulturellen und sozialen Hintergründe der Schülerschaft berücksichtigen, sei ein großer Fortschritt, sagt die Linken-Politikerin Sabine Boeddinghaus. „Aber es braucht mehr als Worte.“ Sie fordert mehr Zeit für Lehrkräfte und Schulsozialarbeit, um mit Vorurteilen und Mobbing umzugehen.