Ohlsdorf

Mit dem Hund begraben werden: Mensch-Tier-Friedhof geplant

Lutz Rehkopf (l.) und Rainer Wirz wollen den Friedhof Ohlsdorf an die neuen Zeiten anpassen.

Lutz Rehkopf (l.) und Rainer Wirz wollen den Friedhof Ohlsdorf an die neuen Zeiten anpassen.

Foto: Andreas Laible

Bald soll es gemeinsame Grabstätten geben. CDU und Kirche sind skeptisch. Neuer Trend: Der Bau von Mausoleen.

Hamburg.  Letzte Ruhe für Hund und Herrchen: Der Ohlsdorfer Friedhof plant Mensch-Tier-Bestattungen. Nach Informationen des Abendblatts könnten in den nächsten fünf Jahren im östlichen Teil des größten Parkfriedhofs der Welt gemeinsame Grabstätten für Haustiere und ihre Besitzer entstehen. „Es müssen nur noch die bestattungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden. Darüber entscheidet die Bürgerschaft“, sagt Rainer Wirz, Bereichsleiter Friedhöfe bei der Stadt.

Gesetz muss verändert werden

Notwendig ist eine Novellierung des „Gesetzes über das Leichen-, Bestattungs- und Friedhofswesen“ von 1988. Derzeit sind Tiere als „Grabbeigabe“ verboten. Für den Fall, dass der Tierbesitzer zuerst stirbt, wird nach den Plänen neben der Urne ein Platz für das Haustier reserviert. Es sei auch möglich, bereits zu Lebzeiten eine Grabstätte zu kaufen, in der zuerst das Tier, später der Mensch bestattet wird.

Der Friedhof Ohlsdorf will es ermöglichen, dass Menschen zusammen mit ihren Haustieren beerdigt werden können. Eine gute Idee?

Angaben zu den Kosten gibt es noch nicht. Erste positive Reaktionen kommen aus der Grünen-Bürgerschaftsfraktion. „Ich finde es richtig zu prüfen, ob es eine Fläche für einen Mensch-Tier-Friedhof in Ohlsdorf gibt“, sagt Christiane Blömeke, Sprecherin für Gesundheit und Tierschutz.

Charakter des Friedhofs soll erhalten werden

Richard Seelmaecker, justizpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion und Hundebesitzer, geht derweil auf Distanz. „Ich bin gegen eine Novellierung. Der Friedhof sollte ein Ort des Gedenkens an geliebte Menschen bleiben.“ Für die Erinnerung an Tiere gebe es Tierfriedhöfe. Die Ohlsdorfer SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Martin fordert derweil, die rechtlichen Fragen zu klären. „Wichtig ist, dass der ganz besondere Charakter des Friedhofs erhalten bleibt.“

Bedenken kommen von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland. Es gehe um die Würde aller auf einem Friedhof bestatteten Menschen, sagte ein Kirchensprecher.

Ein neuer Trend in Ohlsdorf ist der Bau von Mausoleen. „Diese Bestattungsform erlebt bei uns eine Renaissance“, sagt Lutz Rehkopf, Leiter der Unternehmenskommunikation der Hamburger Friedhöfe. Seit 2005 sind insgesamt zehn solcher Grabmäler in Ohlsdorf gebaut worden, wo derzeit besonders viele Besucher zu den Gräbern gehen, denn sie gedenken nach dem ges­trigen Volkstrauertag und am kommenden Totensonntag (25. November) der Verstorbenen..

Platz für Park und Natur

Viele weitere Veränderungen spielen sich derweil auf dem Friedhof ab: Nicht mehr die gesamte Fläche des weltweit größten Parkfriedhofs muss für die Toten genutzt werden. Künftig steht noch mehr Platz ausschließlich für Park und Natur zur Verfügung. Mit dem Projekt „Ohlsdorf 2050“ plant die „Hamburger Friedhöfe AöR“ mit breiter Beteiligung von Bürgern und Anwohnern die Zukunft.

Dabei zeichnen sich jetzt die ersten Konturen ab: Nicht nur die Mausoleen erleben eine Renaissance, auch der Friedhofseingang wird neu gestaltet, der Anteil der „verwunschenen Plätze“ wächst, und eine Liebesbank lädt zum Verweilen ein. Außerdem könnte es demnächst Schulstunden in einer Friedhofskapelle geben.

Während in der Zeit von 1926 bis 2004 keine Mausoleen auf dem Ohlsdorfer Friedhof gebaut wurden, zeichnet sich in diesem Bereich eine Trendwende ab. Seit 2005 sind zehn solcher Grabmäler gebaut worden. „Sie sind so teuer wie ein Reihenhaus auf dem platten Land“, sagt Rehkopf. Die Gründe für das neue Interesse, noch zu Lebzeiten ein Mausoleum bauen zu lassen, lägen unter anderem an dem hohen Symbolwert.

Mausoleum als Privatkapelle

Außerdem spiele eine Rolle, dass ein solches Mausoleum meist als Privat­kapelle genutzt werden könne. „Und schließlich: Der Leichnam soll nicht mit der Erde in Berührung kommen und auf diese Weise verwesen.“ Die Grabmäler, häufig mit Säulen in antikem Stil ausgestattet, bestehen zum Beispiel aus Naturstein.

Den Anfang machte 2005 die Familie Ritterbusch aus Helmstedt. Die dortige Friedhofsverwaltung hatte den Wunsch des selbstständigen Steuerbevollmächtigten ignoriert. Dafür konnte er in Ohlsdorf seine Idee realisieren. Während ein Mausoleum mit der Inschrift „hora ventura est“ (die Stunde wird kommen) an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert, überzeugt das kubische Mausoleum des noch lebenden Stifters und Fotografen Prof F. C. Gundlach mit ihrer Symbolik und dem Spiel von erhöhten und vertieften Linien.

In den Beton eingearbeitet wurde ein Schattenbild mit zwei Frauenköpfen in Badekappen vor den Pyramiden von Gizeh. Es erinnert an ein Modefoto, das Gundlach 1966 in einer Illustrierten veröffentlicht hatte. „Wir rechnen damit, dass es auch künftig weitere Anfragen für den Bau von Mausoleen gibt“, sagt Rehkopf.

Die historischen Mausoleen wie das der Familie Jenisch sind dagegen renovierungsbedürftig. Die Friedhofsverwaltung ist im Gespräch mit der Kulturbehörde, um den Sanierungs- und Finanzierungsbedarf zu klären. Unterdessen verfällt das Mausoleum der Hamburger Kaufmannsfamilie Schröder immer mehr. Es befindet sich inzwischen im Besitz von Klausmartin Kretschmer, ehemaliger Besitzer der Roten Flora.

Bereits sichtbar ist auf dem Ohlsdorfer Friedhof, dass immer mehr Raum für Natur entsteht. Damit folgt die Friedhofsleitung einem Wunsch der Anwohner, der bei den sogenannten Nachbarschafts-Cafés geäußert wurde.

80 Prozent der Beisetzungen in Urnen

Der Grund für diesen Wandel: Seit 20 Jahren verringern sich sowohl die Sterbefälle (minus 22 Prozent) als auch der Anteil der Sargbeisetzungen (von 40 auf nur noch 20 Prozent) in Ohlsdorf. Inzwischen erfolgen in 80 Prozent der Beisetzungen in Urnen (zum Vergleich: in Bayern sind es rund 40 Prozent). Gab es 1995 in Ohlsdorf noch 7300 Beisetzungen, so waren es 2017 nur noch 4231. Die Folge sind Brach­flächen, die künftig genutzt werden müssen, damit der Friedhof in seiner Gesamtheit als Grünfläche erhalten bleibt. Im Jahr 2050 sollen rund 130 Hektar für Beisetzungen zur Verfügung stehen, 259 Hektar als Park.

Vogelkundlicher Lehrpfad geplant

Der Plan: „Noch in diesem Jahr wollen wir 49 Obstbäume mit alten Apfelsorten pflanzen“, sagt Bereichsleiter Wirz. „Daraus kann sich später eine Streuobstwiese entwickeln.“ Die Maßnahme habe Freizeit- und ökologischen Wert. Geplant sei außerdem ein vogelkundlicher Lehrpfad. Noch in diesem Jahr würden dazu Informationstafeln aufgestellt. Darüber hinaus erhält der Südteich eine Brücke mit einer Bank – „ein lauschiger Platz für Liebespaare“.

Auch einzelne Kapellen könnten eine neue Nutzung erfahren. In Kooperation mit der Grundschule Steilshoop könnte die Kapelle 3 zum „Lehrraum“ werden. Zum Beispiel dann, wenn im Kunstunterricht mit Naturmaterialien gebastelt oder große Papiere bemalt und aufgehängt werden sollen, die in kein Klassenzimmer passen.

Bereits begonnen haben die Bauarbeiten am Eingangsbereich Fuhlsbüttler Straße. Unter dem Motto „Eingänge sind Übergänge“ sollen die Sichtbarkeit des Friedhofseingangs und die Aufenthaltsqualität verbessert werden. Um die Besucher über den zunehmenden Wandel zu informieren, werden demnächst Infostelen aufgestellt.