Geld

50-Mark-Schein bringt bei Auktion in Hamburg 21.500 Euro

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Florian Boldt
Thomas und Hubert Ehrengut von der Hanseatischen Briefmarkenauktion präsentieren Exponate der aktuellen Versteigerung.

Thomas und Hubert Ehrengut von der Hanseatischen Briefmarkenauktion präsentieren Exponate der aktuellen Versteigerung.

Foto: Roland Magunia / HA

Raritäten aus „Deggendorf-Sammlung“ kommen in Hamburg unter den Hammer. Versteigerung läuft noch bis Sonnabend.

Hamburg.  Auf den ersten Blick ist es ein gewöhnlicher Dienstagmorgen in der City Süd, in einem größeren Konferenzraum eines Bürogebäudes in direkter Nachbarschaft zum S-Bahnhof Hammerbrook. Dass hier gleich eine der größten Sammlungen deutscher Geldscheine für mehr als eine halbe Million Euro versteigert wird, lässt sich beim Betreten des Auktionssaals, wenn überhaupt, nur erahnen.

Gut 20 Interessenten haben sich in den Räumen der Hanseatischen Briefmarkenauktionen (HBA) eingefunden, aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland. Sie alle sind männlich, die meisten schon etwas älter und offensichtlich mit Auktionen gut vertraut. In den folgenden zweieinhalb Stunden steht die 325 Auktionslose umfassende „Deggendorf-Sammlung“ zur Auktion.

So geht ein Schein nach dem an­deren über den Auktionstisch. Die Versteigerung beginnt mit altdeutschen Noten aus Bayern, Braunschweig, Hannover und zahlreichen anderen Kleinstaaten, die bis zur Gründung des Kaiserreiches 1871 eigenes Geld in Umlauf gebracht hatten. Mal erhalten vergleichsweise geringe Angebote den Zuschlag: Für einen bayerischen Fünf-Gulden-Schein, gedruckt 1866, Zustand „sehr stark gebraucht“, sind 70 Euro das Höchstgebot. Eine schleswig-holsteinische Ein-Taler-Note von 1848 erhält für gerade einmal zehn Euro einen neuen Besitzer. Nach dem Kauf werden auf das Höchstgebot noch 20 Prozent Provision für die HBA aufgeschlagen.

Geldschein überstand zwei Weltkriege

Die wahren Schätze der Auktion entpuppen sich schnell als viel weniger preiswert – dafür aber als umso begehrter. „Eins-fünf, zwo-neun, drei-null, drei-eins, drei-zwei, drei-drei, drei-vier“, sagt Auktionator Hubert Ehrengut die sekundenschnellen Gebote meist in tausend Euro an. Mehr als ein, zwei Minuten braucht der erfahrene Auktionsleiter nicht für ein einzelnes Los. Wer lange überlegen muss, hat so gut wie keine Chance.

Ein seltener 20-Mark-Schein der Reichskasse, gedruckt 1874, bringt mit Aufpreis 13.800 Euro ein. Das nachfolgende Stück, ein 50-Mark-Schein aus demselben Jahr, setzt noch einen obendrauf. Erst bei 21.500 Euro findet sich kein Gegenbieter mehr. Nur ein weiterer Schein dieser Serie soll noch existieren. Da ist aus dem Publikum schon einmal ein „Glückwunsch“ mit Applaus in Richtung des Höchstbietenden zu hören.

Eines der außergewöhnlichsten Stücke der Auktion sei Los 152, sagt Thomas Ehrengut, Leiter des Außendienstes der HBA: Ein 500-Rupien-Schein aus Deutsch-Ostafrika, 1912 gedruckt, sauber und ungefaltet. Als „fast kassenfrisch“ wird der Schein, der zwei Weltkriege überstand, eingestuft. Er wechselt für knapp 10.000 Euro den Besitzer. Gemessen am Verkaufspreis steht der absolute Höhepunkt erst kurz vor Schluss auf dem Plan. Eine 7700 Noten umfassende Sammlung um 1915 gedruckter Ein- und Fünf-Rupien-Scheinen aus Deutsch-Ostafrika bringt mit Aufpreis knapp 53.000 Euro ein.

Emotionale Komponente

Die Stimmung im Auktionssaal ist gut, man scheint sich untereinander zu kennen. Die Auktionatoren sind zwischendurch immer mal wieder zu einem kleinen Scherz aufgelegt. Und als ein Interessent um eine Pause bittet, weil die „zehn Tassen Kaffee“ vom bisherigen Morgen nun doch sehr stören würden, ist dies kein Problem. Ebenso, als ein defekter Stift die Auktion kurz unterbricht, denn der Ersatz muss schließlich unbedingt in Rot schreiben. Den Gebrüdern Ehrengut, die die HBA vor 35 Jahren gründeten, merkt man genauso wie den Bietern die Freude an der Veranstaltung zu jeder Sekunde an.

Am Ende der Auktion sind 90 Prozent der angebotenen Stücke versteigert worden. Der Schätzwert habe laut HBA bei 182.450 Euro gelegen – eingebracht haben die 325 Lose am Ende mehr als 500.000 Euro. Woher kommt das rege Interesse an altem Geld? Hubert Ehrengut sagt: „Die Kunden nutzen die historischen Noten als Wertanlage mit gutem Wachstumspotenzial“. Gut 35.000 Kontakte umfasse die HBA-Datenbank. Die meisten davon stammen aus Deutschland, doch auch aus Skandinavien, Polen, Russland oder Tschechien meldeten sich Interessenten.

Für den gelernten Einzelhandelskaufmann ist die Sammelleidenschaft mit einer emotionalen Komponente verbunden. So habe er als sechsjähriger Junge bereits genau bestimmen können, wo Somalia liege – wegen der dreieckig geformten Marken. Wie die meisten anderen Kinder damals habe er sehr früh angefangen, Briefmarken zu sammeln. Es sei traurig, dass sich heute kaum noch Kinder dafür interessierten. Daher lädt Ehrengut immer mal wieder Schulklassen in die Räume der HBA ein, um die Kleinen für die Philatelie zu gewinnen. Ein Erfolg der Mission ist nicht auszuschließen: Wer Ehrengut länger zuhört, lässt sich leicht von der Faszination für seinen Beruf anstecken.

Sechs Monate Vorbereitung

Die Anstrengungen des Arbeitsalltags lächelt Ehrengut vor diesem Hintergrund einfach weg. Allein die Versteigerung der „Deggendorf-Sammlung“ hat sechs Monate Vorbereitung gebraucht. Im Jahr ist er gut und gern 130.000 Kilometer im Auto unterwegs, um Sammlungen nach Hamburg zu holen. Dazu kommen noch 80 Flüge in alle Welt. Eine der außergewöhnlichsten Dienstreisen hat ihn bis nach Hollywood gebracht: Von dort überführte er eine Briefmarkensammlung eines Superstars der Filmbranche nach Hamburg, Frühstück mit der „bezaubernden Jeannie“ Barbara Eden inklusive. Überhaupt sind es die Kontakte zu den Menschen, die Thomas Ehrengut besonders zu schätzen weiß.

Die weiteren Versteigerungen aus der „Deggendorf-Sammlung“ laufen noch bis Sonnabend, 3. November, in den Räumen der Hanseatischen Briefmarkenauktionen (Wendenstr. 4). Insgesamt werden im Rahmen der 72. Internationalen Briefmarken- und Münzauktion mehr als 4500 Lose angeboten.

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