Körber Forum

"Auf Fremde zu spucken ist heutzutage ein Trend!"

Kluger, hintergründiger Gesprächspartner:
Abbas Khider.

Kluger, hintergründiger Gesprächspartner: Abbas Khider.

Foto: Claudia Höhne

Autor und Schirmherr Abbas Khider sprach zum Auftakt der "Tage des Exils". 60 Veranstaltungen laden an rund 50 Orte der Stadt.

Hamburg.  Hitler, Scheiße, Lufthansa. Das waren die ersten deutschen Wörter, die Abbas Khider kannte. Auch eine Form der Reduktion auf das Wesentliche. Inzwischen schreibt der irakischstämmige Autor Romane in der Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, und er fügt ihr sogar neue Vokabeln hinzu: „Schwarzkopfkontrolle“ ist so eines, und die Bedeutung erschließt sich einem womöglich nur dann sofort, wenn man, wie Khider, weiß, was es heißt, in der Fremde zu leben. Immer der andere zu sein. Äußerlich – aber oft auch emotional. Nicht zu wissen, ob dieses Land eine neue Heimat sein wird oder nur eine Zwischenstation. Das Dazwischen ist ein Lebensthema von Abbas Khider geblieben. In diesem Jahr ist der Schriftsteller Schirmherr der „Tage des Exils“, einer Initiative der Körber-Stiftung in Kooperation mit der Weichmann-Stiftung.

Abbas Khider menschlich gesehen

60 Veranstaltungen laden an rund 50 Orte der Stadt, unter den Partnern sind große Museen wie das Museum für Kunst und Gewerbe ebenso wie Kinos (Metropolis, Abaton) und Theater (unter anderem Thalia und Schauspielhaus), zwei Dutzend Förderer haben sich beteiligt. Zum Auftakt kam Khider am Montagabend ins Körber Forum, um mit Verve, Ironie und Spitzbübigkeit darüber zu sprechen, wie es sich anfühlt, zwischen den Welten festzuhängen.

Demütigungen und Rassismus-Erfahrungen

Im Gespräch mit Daniel Kaiser (NDR 90,3) erzählt er von seiner Verhaftung im Irak unter Saddam Hussein, wo er als junger, bildungshungriger Mensch verbotene Literatur verkauft hatte, schildert Demütigungen und Rassismus-Erfahrungen (mit dem Begriff „Schwarzkopfkontrolle“ beschreibt er zum Beispiel das sogenannte „racial profiling“) und zieht Vergleiche zwischen seinen ersten Jahren in bayrischen Asylunterkünften und der seither noch gestiegenen Fremdenfeindlichkeit der Gegenwart. „Damals waren sie nicht so laut. Und es waren nicht so viele“, stellt er fest – und lächelt: „Auf Fremde zu spucken ist heutzutage ein Trend!“ Eine bittere Pointe. Seit 2016 gibt Abbas Khider in Ostdeutschland keine Lesungen mehr.

Seine Beobachtungsgabe ist scharf, sein Auftreten dabei voll vordergründiger Lässigkeit und hintergründigem Humor. Es gelingt ihm, seine persönlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen sowohl in seinen Texten als auch im direkten Gespräch erhellend zusammenzufassen: „Unsere Welt verwandelt sich immer mehr in eine Irrenanstalt, in der zahlreiche Patienten sitzen, die glauben, sie selbst wären der Arzt.“ Gemeint seien Islamisten ebenso wie Rechtsradikale, Putin ebenso wie Erdogan oder Trump: „Panikmacher und angebliche Panikbefreier zugleich, die unter Hämorrhoiden in den Gehirnzellen leiden. Man kann niemals Frieden erlangen, weil es sie im Hirn juckt.“ Das eigene Schreiben ist für Khider dabei nicht nur Talent, nicht nur Beruf, es ist am Ende überlebensnotwendig: „Wenn man schreibt, dann befreit man sich auch.“

Tage des Exils bis 16.11., oft Eintritt frei; Orte, Programm, Termine: www.tagedesexils.de