70 Jahre Abendblatt

"Jeder muss digital denken" – die Zukunft der Medien

Anabell Behrmann interviewt Claas Schmedtje

Anabell Behrmann interviewt Claas Schmedtje

Foto: HA / Mark Sandten

Abendblatt-Geschäftsführer Claas Schmedtje im Gespräch mit der jüngsten Redakteurin über die Medienbranche.

Das Büro von Claas Schmedtje im fünften Stock am Großen Burstah ist noch spärlich eingerichtet. Ein paar Bücher stehen im Schrank. Bilder hängen nicht an der weißen Wand. Kein Wunder: Der 43-Jährige ist erst seit Juni Geschäftsführer des Abendblatts. Anlässlich des Jubiläums spricht er mit der jüngsten Mitarbeiterin der Redaktion über seine Mission in Hamburg und warum er seinem achtjährigen Sohn trotz schwierigen Zeiten zu einem Job in der Medienbranche raten würde.

Herr Schmedtje, ich bin mit meinen nicht mehr ganz jugendlichen 26 Jahren die jüngste Redakteurin beim Abendblatt. Ist eine Tageszeitung etwa nicht mehr attraktiv für junge Menschen?

Schmedtje: Meiner Meinung nach ist 26 ein super Alter. Eine gute Ausbildung nimmt eben Zeit in Anspruch. Nur so kann die journalistische Qualität sichergestellt werden. Dennoch: Es ist schwerer geworden, junge Leute für eine Tageszeitung zu begeistern.

Woran liegt das?

Genau dieser Frage stellen wir uns gerade. So viel steht fest: Wir müssen digitaler werden. Wir wollen nicht mehr in der Vergangenheit leben, sondern Konzepte entwickeln, die sich mit den nächsten und nicht den vergangenen 70 Jahren beschäftigen. Und dafür brauchen wir eine gute Mischung sowohl an älteren als auch jüngeren Redakteuren im Team.

Ich bin nicht nur die jüngste, sondern auch die einzige Redakteurin unter 30. Wie muss sich die Redaktion in Zukunft aufstellen?

Generell gab es schon immer selten Mitarbeiter unter 30 in einer Redaktion. Egal, in welchem Verlag ich bisher gearbeitet habe. Unser Ziel muss ein ausgewogenes Verhältnis sein. Das Abendblatt kann sich nicht in eine hippe Szene-Zeitung verwandeln, dann wäre es ein komplett anderes Produkt. Aber es gibt viele junge, dynamische Themen in der Stadt. Dafür brauchen wir die richtigen Augen, die sie wahrnehmen, und die richtige Schreibe, um den Leser zu erreichen.

Einerseits haben Tageszeitungen mit fehlenden Jungredakteuren zu kämpfen. Andererseits wird sie von meiner Generation auch immer weniger gelesen. Wie können wir sie wieder ansprechen?

Ich glaube, junge Menschen nehmen die Informationen der Tageszeitung trotzdem wahr – nur eben häufiger über Social Media. In digitalen Angeboten liegt unsere Chance, sie an das Abendblatt heranzuführen. Aber es ist ein Spagat: Für einen Mittzwanziger sind andere Themen spannend als für einen Mittsiebziger. Die Marke ein wenig zu verjüngen, könnte eine Strategie sein.

Glauben Sie, dass ich in zehn Jahren noch einen Job im Printjournalismus haben werde?

Aber sicher. Tageszeitungen werden in Ballungsräumen weiter existieren, wenn auch mit deutlich weniger Auflage. Dafür wird der Anteil der digitalen Abos steigen.

Sie haben einen achtjährigen Sohn. Würden Sie ihm noch empfehlen, nach der Schule in die Medienbranche zu gehen?

Das Berufsfeld ist attraktiver geworden als früher. Ich würde meinem Sohn niemals von der Branche abraten. Aber sein Werdegang wäre ein komplett anderer als meiner. Als ich 2001 mein BWL-Studium in Rostock beendet habe, befand sich die Medienlandschaft auf ihrem Höhepunkt. Danach wurde es komplizierter. Das Berufsbild des Journalisten und Managers hat sich verändert. Es ist schwer abzusehen, wie unser Job in fünf Jahren aussehen wird. Aber er ist nach wie vor extrem abwechslungsreich, ich erlebe jeden Tag etwas Neues.

Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger: die Finanzen oder die Qualität einer Zeitung?

Es bedingt sich gegenseitig. Wenn die Qualität nicht stimmt, wird die Auflage einbrechen. Auf der anderen Seite ist Qualität nur möglich, wenn man wirtschaftlich tragfähig ist.

Einigen Medienhäusern wird vorgeworfen, sich kaputt zu sparen. Stimmt das?

Den Gürtel enger schnallen müssen viele im Augenblick, aber alle in einer unterschiedlichen Intensität. „Kaputt sparen“ klingt zu absolutistisch. Manche Medienhäuser gehen aber sicherlich einen Schritt zu weit und missachten Warnhinweise aus dem Markt.

Sie sind seit vier Monaten Geschäftsführer beim Abendblatt. Was lesen Sie am liebsten in unserer Zeitung?

Am spannendsten finde ich die Themen rund um die Stadtentwicklung. Wo wird gebaut? Was verändert sich? Aber auch Geschichten über Hamburger Persönlichkeiten lese ich gern.

Sie sind nicht nur Geschäftsführer beim Abendblatt, sondern auch bei der Bergedorfer Zeitung, diversen Wochenblättern sowie beim BZV Medienhaus in Braunschweig. Wie kriegen Sie alles unter einen Hut?

Montags bis mittwochs arbeite ich in Hamburg, davon einen halben Tag in Bergedorf. Die restliche Zeit verbringe ich in Braunschweig. Dort lebe ich mit meiner Familie. Es lässt sich alles nur miteinander vereinbaren, weil die Häuser mit Mitarbeitern aufgestellt sind, auf die ich mich verlassen kann.

Bleibt Ihnen da noch Freizeit? Was unternehmen Sie privat am liebsten?

Meine Freizeit versuche ich so viel wie möglich mit meiner Familie zu verbringen. Wir fahren zum Beispiel gern in den Harz. Der Sport kommt momentan leider zu kurz in meinem Leben. Ich bin in Dithmarschen aufgewachsen und habe früher viel in Schleswig gerudert. Seitdem ich in Niedersachsen lebe, bin ich trocken gefallen.

Mit was für einer Mission sind Sie Ihren Job angetreten?

Unser Ziel muss es sein, mehr digitale als gedruckte Abos zu verkaufen. Das wird uns nur gelingen, wenn wir das ganze Haus auf diese Strategie ausrichten – alle Prozesse, alle Redakteure. Jeder muss digital denken.

Das stelle ich mir schwer vor. Wie wollen Sie diese Strategie in den Köpfen von Redakteuren verankern, die ihr Leben lang für eine Printausgabe geschrieben haben?

Das Gespür für eine gute Geschichte ist entscheidend. Experten können die Themen dann digital aufbereiten. Wir müssen aufgeschlossen sein für Veränderungen. Wir dürfen das Internet nicht als Gefahr, sondern müssen es als Chance sehen. Trotzdem wird es ein sehr langer Weg bis zur Umstellung – mit einigen Kurven, die wir jetzt noch nicht erkennen können.