Hamburg

Im Hamburger Osten brauchen Radler starke Nerven

Radwegetest Teil 10: Auf der Veloroute 9 nach Bergedorf kann noch vieles verbessert werden. Die Qualität der Strecke schwankt zwischen Himmel und Hölle

Am Rathausmarkt treffen Thomas Harden und Claudia Fenn von der ADFC-Bezirksgruppe Bergedorf­ die letzten Vorbereitungen für die Veloroute 9. Anhand ihrer knallgelben Warnwesten, Tachometer und GPS-Gerät an den Lenkern ist gleich zu erkennen: Sie fahren häufiger Fahrrad.

In vorsichtigem Tempo geht es an Gelenkbussen und schnellen Taxis die Mönckebergstraße hinauf. Nach einigen gefahrenen Metern hält der pensionierte Industriekaufmann Harden an der Mönckebergstraße/Ecke Steintorwall überraschend. Er zeigt auf die roten Schilder der Veloroute 9 und sagt: „Radfahrer müssen dankbar für jedes Hinweisschild sein. Sie sind nämlich rar gesät.“

In Dankbarkeit für die Beschilderung geht es bergab zu den Deichtorhallen. An der Kreuzung vor dem Kunst- und Fotografiemuseum wartet eine Großbaustelle. Behutsam manövrieren sich die beiden an vielen Verkehrsbaken und Baustellenzäunen entlang. Stück für Stück geht es von Ampel zu Ampel über diese Riesenkreuzung mit ihren vielen Armen aus allen Himmelsrichtungen.

Auf der langen Überquerung kommen immer wieder Fahrradfahrer entgegen. Sie können auf der anderen Seite der Kreuzung die B 4 nicht überqueren und weichen auf die sichere Seite an der Steinstraße aus. „Baustellen sind nachvollziehbar. Oft wird bei den Umleitungen aber nicht an die Fahrradfahrer gedacht“, kritisiert die Sozialarbeiterin Claudia Fenn. Thomas Harden kennt aber auch positive Beispiele von Baustellen, an denen die Stadt auch an Radfahrer dachte: „Man muss einfach abwarten, bis die Baustellen hier fertiggestellt sind. Dann können wir ein Urteil fällen.“

Kurz vor der Oberbaumbrücke führt der Weg nun links auf einen Radweg in Wassernähe. Der Oberhafen streckt sich hinter den Deichmauern aus, und die gläserne Zentrale des „Spiegel“-Verlags auf der anderen Hafenseite reflektiert die Sonnenstrahlen des Tages.

An der anschließenden Kreuzung vor der Oberhafenbrücke wartet ein Nadelöhr für alle Verkehrsteilnehmer. Radfahrer kommen hier mit Schwung von den Deichtorhallen auf die Altländer Straße heruntergefahren und werden von Autofahrern oft nicht gesehen. „Der Einmündungsbereich ist sehr unübersichtlich, sodass sich die Verkehrsteilnehmer erst spät sehen“, so Claudia Fenn. Thomas Harden zeigt eine alternative Umleitungsroute entlang eines Brückenpfeilers und wieder hoch auf den Radweg am Stadtdeich. „Hier muss es eine Lösung geben“, fordert er.

Längs der Flutschutzmauer hinter dem Hamburger Großmarkt folgt nun einer der schönsten Abschnitte der Veloroute. Dort sorgt ein breiter Weg und neuer Belag für Fahrspaß. Dazu bietet dieser Bereich einen wunderbaren Blick auf die HafenCity.

An der Billhorner Brücke wird es kurvenreich. Durchgezogene Fahrradspuren sind eingezeichnet, auf Gegenverkehr unterhalb der Brücke sollte man aber aufpassen. Anschließend geht es über den Alexandra-Stieg, vorbei am Hafenabschnitt „Haken“ und hinein in den Elbpark Entenwerder – ein abrupter Wechsel von städtischem Grau zu sattem Grün. Der Kiesuntergrund weicht kurz dem Asphalt, Pyramiden-Pappeln stehen Radfahrern Spalier.

Raus aus dem Park – rauf auf den Ausschläger Elbdeich. Die lang gezogene Linkskurve bietet einen fabelhaften Blick über die Billwerder Bucht und den Holzhafen Richtung Kaltehofe. Auf dieser breiten und spärlich befahrenen Industriestraße wuchten sich die Lkw mit Tempo an Fahrradfahrern vorbei. Meist wird der vorgeschriebene Sicherheitsabstand von 1,5 Metern zu Radfahrern nicht eingehalten. In diesem Duell zwischen David und Goliath ist Vorsicht geboten – und mehr Rücksicht von den Lkw-Fahrern dringend gefordert.

Nach dem Ausschläger Elbdeich geht es rechts auf die Fahrradspur der Ausschläger Allee. Alle Verkehrsteilnehmer haben genügend Platz, und keiner kommt sich in die Quere. Die frisch asphaltierte Spur leitet bergab zur Kreuzung mit dem Ring 2. Laut der Veloroute müssen die Radfahrer hier vom Rechtsabbieger ganz auf die Linksabbiegerspur. Thomas Harden verdeutlicht das Pro­blem: „Radstreifen sind zwar auf allen Spuren vorhanden, man kommt aber dem rechts abbiegenden Verkehr in die Quere.“ Anschließend zeigt er, wie es geht: halten, gucken, Schulterblick und rüber! Wir schlängeln uns bei dem Spurwechsel um Autos herum, die gerade an einer roten Ampel warten. Es ist hellichter Tag, und die meisten Autofahrer nehmen erfreulicherweise Rücksicht. Wie ist es aber bei voller Fahrt oder bei Dunkelheit? Auch an dieser Kreuzung wurden Fahrradspuren neu gemacht. Aber sie sieht schicker aus als sie sicher ist.

Die Veloroute 9 führt anschließend in die Grusonstraße, eine Industriestraße mit vielen Gewerbeflächen und Lagerhallen. Der Radweg ist hier verbesserungswürdig: Kopfsteinpflaster und aufbrechender Asphalt. Schlaglöcher auf dem Fahrradweg sorgen für einen wilden Ritt. Autofahrer, die aus den Ausfahrten der Industrie-Areale herauskommen, achten kaum auf vorbeifahrende Radfahrer. „Der benutzungspflichtige Radweg ist in sehr schlechtem Zustand. Er müsste schlichtweg neu gemacht werden“, kommentiert Harden.

Über die Bredowstraße führt die Veloroute drei Kilometer durch das Billbrooker Industriegebiet. In diesem Streckenabschnitt haben Radfahrer auf der Straße zu fahren.

Am Ende der Bredowstraße an der Kreuzung zum Unteren Landweg geht es links entlang. Von einem Schild für die Veloroute ist hier nichts sehen. „Ein großes­ Manko der Veloroute“, wie­derholt Thomas Harden den Aufreger von der Mönckebergstraße und fährt auf den Linksabbieger der Autospur.

Im Anschluss geht es in eine ruhige Nachbarschaft auf dem Alten Landweg – vorbei am Kleingartenverein Moorfleet und der JVA Billwerder. Für fast sechs Kilometer fahren Radfahrer geradeaus und parallel zur S-Bahn. In diesem Abschnitt macht das Fahren wieder richtig Spaß: Der Weg ist breit, der Belag gut und der Blick auf die Felder malerisch. Die Skyline von Boberg zeichnet sich in der Ferne ab. Kurz vor der S-Bahn-Station Allermöhe stellt dann aber eine Rechtskurve Claudia Fenn und Thomas Harden regelmäßig auf die Probe. Über eine Holzbrücke gelangen Radler auf die andere Seite des Bewässerungsgrabens. Das hohe Gras verdeckt jedoch die Sicht für Radfahrer aus beiden Richtungen. Thomas Harden schlägt vor, hier gänzlich auf die Holzbrücke zu verzichten. „Ein Weg quer rüber auf die andere Seite würde es auch tun.“

Im Folgenden wird die Fahrrad-Idylle auf dem Feldweg zunehmend von Bodenwellen gestört. Die Baumwurzeln entlang des Weges breiten sich aus und brechen den Asphalt auf. Besonders bei Dunkelheit sorgt dies laut der ADFC-Bezirksgruppe für Unsicherheit „Im Hinblick auf die dunkle Jahreszeit wäre es gut, wenn es an dieser Stelle wenigstens reflektierende Streifen oder Pfosten geben würde. Man würde nicht in ein schwarzes Loch fahren. Ab 17 Uhr ist es nach der Zeitumstellung bereits dunkel“, fordert Thomas Harden.

Kopfsteinpflaster und Wurzeln sorgen für einen wilden Ritt

Hinter der S-Bahn-Station Nettelnburg gelangen wir durch ein Wohngebiet auf die Kurt-A.-Körber-Chausssee. Der Radweg ist hier nicht benutzungspflichtig und hat laut Harden in der Verkehrsplanung des Stadtteils bisher keine große Rolle gespielt. Auch deshalb musste dieser bei einer Rechtsabbiegerspur für Autos weichen und ist daher deutlich zu schmal. Viele Radler bevorzugen die Straße und kommen den Autos in die Quere.

Anschließend führt die Veloroute zum Einkaufszentrum Bergedorf ans Ziel der Reise. Eine Kontinuität ist auf der 19 Kilometer langen Strecke vom Rathausmarkt nach Bergedorf noch nicht zu erkennen, finden die beiden Mitglieder der ADFC-Bezirksgruppe „Die Route ist im Ganzen verbesserungswürdig“, findet Claudia Fenn. „Es müssen noch viele Bereiche hergerichtet werden. Die Verkehrsführung und Untergrundbeschaffenheit lassen noch zu wünschen übrig“, fasst Thomas Harden zusammen.

Vonseiten des ADFC wünscht man sich: „Die Ausschilderung muss sich sowohl auf den Schildern und möglicherweise auch auf dem Boden verbessern.“ Abschließend bringt Thomas Harden noch eine Idee für die langfristige Verbesserung des Radwegs ins Spiel: „Eine Ringstraße für Fahrradfahrer würde die Velorouten untereinander verbinden. „Und die Verbindung zwischen den Stadtteilen würde das verbessern.“

Am Montag lesen Sie Velorute 10 – von der City über Wilhelmsburg nach Neugraben