Hamburg

Warum sind Sie eigentlich in der FDP?

Ria Schröder trat vor vier Jahren ein und ist schon Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen – sie mag das Prinzip der Eigenverantwortung

Hamburg.  Zum Treffen kommt Ria Schröder mit dem Fahrrad. Sie fahre eigentlich fast alle Strecken mit dem Rad, sagt sie. Der Helm sei jedoch neu. „Den habe ich mir gerade gekauft. Ist noch sehr ungewohnt.“ Im Fahrstuhl zuppelt sie mit einem kurzen Blick in den Spiegel an ihren Haaren. „Ich bin jetzt nicht besonders eitel“, sagt sie. „Aber gleich wird ja ein Foto gemacht.“ Eitel verhält sich die 26-Jährige an diesem Vormittag wirklich nicht. Für das Foto klettert sie auf Mauern und zieht sich spontan im Treppenhaus um. Beim Gespräch im Freien bleibt sie cool, als es anfängt zu nieseln, die Papiere vom Tisch wehen und Wespen um sie kreisen.

Seit April ist die in Eimsbüttel wohnende Ria Schröder Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen (JuLis), der FDP-Jugendorganisation. Erstmals seit 25 Jahren führt damit eine Frau die Liberale Jugend an. Doch das Thema Frauen und die FDP thematisiert Schröder von sich aus nicht. Auf Nachfrage bleibt sie überraschend unbeeindruckt. Dabei besteht hier Redebedarf. Nur 19 von 80 Bundestagsabgeordneten ihrer Partei sind Frauen, nur 23 Prozent der Mitglieder weiblich. Woran liegt’s? „Ich glaube, das sind ganz viele unterschiedliche Aspekte, die da eine Rolle spielen.“ Als Beispiele nennt sie die teilweise fehlende Transparenz innerparteilicher Verfahren oder die mangelnde Wettbewerbsförderung. Häufig komme es zudem auf Beziehungen statt auf Kompetenzen an. Und, ganz wichtig, Männer hätten die besseren Netzwerke. Als Schröder noch stellvertretende JuLi-Vorsitzende war, hat sie daher ein Netzwerktreffen ins Leben gerufen, das Frauen fördern soll – das Female Future Forum.

Einmal dabei, Veränderungen anzuregen, fallen ihr Themen ein, bei denen die FDP keine klare Haltung hat. „Zum Beispiel die Abstimmung zum Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche. Da konnte sich die FDP nicht so richtig dazu durchringen, eine ganz klare Haltung für die Entscheidungsfreiheit von Frauen einzunehmen.“ Daran müsse gearbeitet werden. „Das ist für mich ganz wichtig, dass man auch die Themen adressiert, die für Frauen entscheidend sind.“

Bei den JuLis sei man da weiter, sagt Schröder nicht ohne Stolz. „Unser Vorstand ist mehrheitlich weiblich.“ Mit der 29-jährigen Svenja Hahn wurde im August eine weitere Hamburgerin in eine Führungsposition der FDP-Jugend gewählt: Bei der Europawahl 2019 tritt sie als Spitzenkandidatin an. Gegen eine Frauenquote spricht sich Ria Schröder dennoch klar aus. Es müsse grundsätzlich darum gehen, wer der oder die bessere für ein Amt ist – und nicht nach einer Quote. „Einer Frau vorzuwerfen, sie wäre nur in einer bestimmten Position, weil sie eine Frau ist, finde ich eine Unverschämtheit.“

Schröder hat klare Ansichten, eine klare Haltung. Sie spricht ruhig, wählt ihre Worte mit Bedacht, gestikuliert kaum. Während sie spricht, ruhen ihre Hände fast die ganze Zeit in ihrem Schoß. Sie wirkt wie eine perfekte Inszenierung. Als hätte sie bereits jahrelange politische Erfahrung. Auf Instagram gibt sie sich hingegen nahbar. Hier Pasta und Rotwein zum Feierabend, da Pärchenbilder aus dem Spanienurlaub – ich bin eine von euch – scheint sie der jungen Generation entgegenzulächeln.

Ihr „Herzensthema“ sei die Bildungspolitik, sagt sie. Was sie verändern möchte? Vor allem müsse die digitale Bildung an den Schulen vorangetrieben werden. Häufig hapere das jedoch bereits an der Infrastruktur – marode Gebäude, fehlende Internetanschlüsse.

Mit ihren kritischen Aussagen zum neuen Rentenpaket, das Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) im Juli vorlegte, gewann sie an Profil. Ein Auftritt in der ZDF-Talkshow „Dunja Hayali“ folgte. Sie bezweifelt, dass die Maßnahmen auch für künftige Generationen ausreichen, um im Alter von der Rente leben zu können. „Man sollte die junge Generation mal mit an den Tisch holen“, lautet ihre Forderung. So sei das jüngste Mitglied in Heils Rentenkommission 43 Jahre alt, das heißt, „in 20 Jahren, wenn wir mitten im Berufsleben stehen, sind die schon alle in Rente“. Ihre Vorschläge für eine Rentenpolitik, die auch die jüngere Generation mit einschließt: flexiblerer Renteneintritt, Stärkung der privaten Vorsorge, entsprechende Finanzbildung.

Auch FDP-Parteichef Christian Lindner sowie FDP-Vize Wolfgang Kubicki bekamen jüngst Schröders öffentliche Kritik ab. Lindner für seinen Tweet, die FDP sei bei der Frage nach dem Umgang mit Asylsuchenden näher an der CSU als bei Angela Merkel. Kubicki für seine, ebenfalls auf Twitter, an Kanzlerin Merkel gerichteten Schuldzuweisungen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen in Chemnitz. Das hat ihr Respekt eingebracht. „Ich finde es sehr gut, wie sie als JuLi-Bundesvorsitzende auch bei der eigenen Partei mal dagegenhält, wenn Debatten weniger lösungsorientiert geführt werden“, sagt Parteikollege Daniel Oetzel.

Für das Jura-Studium an der Bucerius Law School ist Schröder vor acht Jahren nach Hamburg gezogen. Das erste Staatsexamen hat sie bereits in der Tasche, das zweite will sie im kommenden Jahr in Angriff nehmen. Jetzt studiert sie Kunstgeschichte und Italienisch, nebenbei arbeitet sie in einer Kanzlei. Erst vor vier Jahren ist sie in die FDP eingetreten. Wieso sie sich als junge Frau gerade für diese Partei entschieden hat? „Die FDP ist für mich die einzige Partei, die sowohl wirtschaftliche Freiheit denkt, auch im unternehmerischen Bereich auf Eigenverantwortung setzt und gleichzeitig gesellschaftliche Liberalität lebt“, sagt sie. Was klingt wie aus dem Parteihandbuch vorgelesen, nimmt man ihr ab. Aufstieg durch eigene Leistung – den FDP-Grundsatz hat sie verinnerlicht. „Nicht der Staat trägt die Verantwortung für dein Leben, sondern du selbst. Der Staat ist nur der Chancenermöglicher“, sagt sie.

Innerhalb kürzester Zeit gelang Schröder ein rasanter Aufstieg – und das, obwohl sie zu einem Zeitpunkt eintrat, als die FDP am Boden lag – nach der Bundestagswahl 2013. Sie habe das als Chance begriffen. Und die hat sie genutzt. Neben ihrer Tätigkeit als JuLi-Bundesvorsitzende ist sie Mitglied im Landesvorstand. Bei der Bundestagswahl 2017 ist sie als Direktkandidatin für Eimsbüttel angetreten.

Mit ihren Positionen eckt sie dennoch auch mal bei Parteikollegen an. So zum Beispiel mit ihrer Forderung für die Legalisierung von Cannabis. „Jeder soll machen, was er will, solange er niemandem damit schadet“, sagt sie. Nicht jeder mag so viel Freiheitsdenken. Schröder spricht sich klar für weniger Restriktionen durch den Staat aus, sagt aber auch: „Freiheit ist nicht voraussetzungslos.“ Jeder müsse die Chance bekommen, sich aus seinen eigenen Verhältnissen zu emanzipieren. Eine Verantwortung, die sowohl den Einzelnen als auch das System fordere. Wieder so ein typischer FDP-Satz. Den Vorwurf, die FDP sei eine Partei der Besserverdienenden, weist sie entschieden zurück. „Im Gegenteil. Das ist für mich ein Gesellschaftsbild, was allen nützt.“

Gesellschaftliches Engagement findet sie sexy

Um mehr junge Menschen für die Politik zu begeistern, bräuchte es ihrer Meinung nach gerade auch in Orts- und Kreisverbänden einen Imagewandel. „Stammtische in einer Eckkneipe mit holzvertäfelten Wänden, bei denen man ein Herrengedeck bestellt, sind nicht das, was man machen möchte, wenn man sich politisch engagiert.“ Es klingt auch nicht sehr sexy. „Genau“, sagt sie. „Ich finde es aber sehr sexy, sich zu beteiligen, sich für die Gesellschaft zu engagieren, zu diskutieren und Meinungen auszutauschen.“

Ria Schröder ist gebürtige Rheinländerin und wuchs mit vier Geschwistern im Hunsrück auf. Für das Abitur wechselte sie auf ein Internat ins nordrhein-westfälische Königswinter. Hamburg ist mittlerweile zu ihrer Heimat geworden. Was sie an Hamburg am meisten vermissen würde, sollte es sie doch in die Bundespolitik ziehen und damit nach Berlin verschlagen? „Das Wetter“, sagt sie und lacht. Kaum zu glauben. „Ich fahre extrem gerne mit dem Fahrrad durch die Stadt, wenn es nieselt.“ Damit ist auch geklärt, warum ihr der Nieselregen an diesem Vormittag nichts anhaben kann.