Abendblatt-Serie

An der Alster brauchen Radfahrer starke Nerven

Ulf Dietze, Andrea Kupke und Marco Silla (v. l.)  hatten auf ihrer Testfahrt von der City bis nach Volksdorf viel zu beanstanden

Ulf Dietze, Andrea Kupke und Marco Silla (v. l.) hatten auf ihrer Testfahrt von der City bis nach Volksdorf viel zu beanstanden

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Radwegetest, Teil 7: Die Veloroute 6 bis Volksdorf ist kaum entspannt zu fahren. Vor allem in der City ist es tückisch.

Hamburg. So schön es auch aussieht an der Binnenalster, so sehr hat man hier als Radfahrer zu tun: ausweichen, ausweichen und noch mal ausweichen. Irgendwie ist man schon daran gewöhnt, rund um den Rathausmarkt und am Ballindamm nie wirklich fahren zu können. Stets kreuzen unachtsame Fußgänger die Radspur, was man ihnen aber nicht vorwerfen kann, denn die Spur am Ballindamm ist so eng, dass sie kaum zu erkennen ist. Außerdem ist sie teilweise von Baustellen versperrt. „Achtung!“-Rufe des Radfahrers gefolgt vom Zurückspringen des Passanten gehören hier zum Ritual. Oftmals hupt auch noch irgendein Autofahrer, weil es ihm an der Kreuzung vor der Europa Passage nicht schnell genug vorangeht, und dann sind auf einen Schlag alle drei Verkehrsgruppen gleichzeitig gestresst und sauer aufeinander.

Doch die Verkehrsteilnehmer können nichts dafür, es sind schlechte Planungen, die den Ballindamm und das anschließende Stück Radweg an der Alster so gefährlich machen. „Der alsterseitige Zweirichtungsradweg ist vollkommen überlastet, ein Überholen kaum möglich, die Sicht durch viel Gebüsch unübersichtlich“, sagt Andrea Kupke von der Bezirksgruppe Hamburg-Nord des ADFC. Wenn es regnet, wird es noch voller auf dem Radweg, weil vor allem Eltern mit Kinderwagen dann vom matschigen Grandweg auf den festeren Untergrund ausweichen. „Vollkommen verständlich, aber dadurch kommt es immer wieder zu Fastzusammenstößen“, sagt Kupke. Der ADFC hat in der Vergangenheit immer wieder auf den Missstand hingewiesen, sodass nun eine Verbreiterung des Radwegs von 2,50 Metern auf vier Meter geplant ist.

Ein kleiner Erfolg für den Fahrrad-Club, doch schon wenige Meter weiter an der Hohenfelder Bucht ergibt sich das nächste Problem: Im Zickzackkurs muss sich der Radfahrer über allen Erns­tes fünf Ampeln kämpfen, bis er es zum Mundsburger Damm geschafft hat. Loriot hätte seine Freude an dieser Kreuzungsführung. Alle anderen nicht.

Im Zuge der Busbeschleunigung wurde an der Kreuzung Papenhuder Straße/Mundsburger Damm schon einiges geändert, doch es fehlt immer noch ein erforderlicher vierter Übergang für Radfahrer, sie fahren so notgedrungen teilweise auf der linken Seite, was eigentlich illegal ist, hier jedoch durch Verkehrszeichen vorgeschrieben. Außerdem irritieren Richtungspfeile auf dem Teer; sich begegnende Radfahrer würden – wenn sie die Hinweise tatsächlich befolgen – vermutlich miteinander kollidieren. „Was für ein Gemüse hier“, sagt Marco Silla von der Bezirksgruppe Mitte. „Die Wege hier sind zu kompliziert, die kann ein Radfahrer nicht intuitiv nutzen, dabei sollten Radwege bestenfalls selbsterklärend sein.“

Plötzlich geht einem ein Licht auf! Die vielen, vielen Male, die man gerade noch auf einem Radweg fuhr, der plötzlich weg war oder an Stellen wieder auftauchte, zu denen man nur lebensmüde hätte gelangen können – derlei Situationen passierten gar nicht aufgrund der eigenen Unachtsamkeit, sondern weil die Verkehrssituation genau so angelegt wurde. „Besorg dir ein Fahrrad. Wenn du lebst, wirst du es nicht bereuen.“ Als Mark Twain diesen Rat aussprach, hatte er das Hamburger Radwegenetz nicht vor Augen.

Fahrradstraße zu häufig unterbrochen

Genug gemeckert, es geht sehr hübsch weiter entlang des Eilbekkanals bis zum Kuhmühlenteich, wo die St.-Gertrud-Kirche am Wasser auftaucht. Endlich mal was Schönes, etwas fürs Auge anstatt Stress für die Nerven. Die Unterführung an der Kuhmühle ist zwar etwas dunkel und schmal, aber weil man im Verlauf der Uferstraße, Von-Essen-Straße und Lortzingstraße auf einer der schönsten Fahrradstraßen Hamburgs radelt, will man mal nichts sagen. Oder doch?

Doch, findet Andrea Kupke. Geht eben immer noch etwas besser. „Die Fahrradstraße wird viel zu häufig unterbrochen. An der Richardstraße sollten Radfahrer Vorfahrt haben, an der Wagnerstraße sollte es zumindest eine zusätzliche Wartelinie für die Autofahrer geben, sodass sie 30 Meter vor der roten Ampel den querenden Radfahrern einen Durchlass bieten.“ Außerdem passiert man hier einen echten Streitherd, zu dem der Bezirk bereits mit Vertretern des zuständigen Polizeikommissariats und des ADFC sprach: auf der Von-Essen-Straße wird die Beschilderung „Anlieger frei“ von rund 300 Autofahrern pro Stunde ignoriert, indem sie den kurzen Abschnitt einfach passieren – und die Radfahrer so häufig ausbremsen.

Entspannung im Eilbekpark

Im Grundsatzpapier „Velorouten in Hamburg – Grundlagen und Leitlinien“ der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation werden vor allem der Fahrkomfort und die Sicherheit von Velorouten betont, „doch der Zustand hier deckt sich nicht mit den erklärten Zielen“, sagt Andrea Kupke. Tja, die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung decken sich häufig auch nicht mit dem, was man tatsächlich in sich hineinfrisst, aber da gefährdet man nur sein eigenes Leben, auf der Von-Essen-Straße sind auch andere beteiligt.

Ein wenig entspannen kann sich der Radler dann im Eilbekpark, zumindest tagsüber, nachts fehlt die Beleuchtung. Auf dem Eulenkamp wird man dann durch das Kopfsteingeratter kräftig durchgerüttelt. Ulf Dietze von der Bezirksgruppe Wandsbek würde sich hier eine asphaltierte Strecke wünschen, doch der Denkmalschutz hat ein Wörtchen mitzureden. Das geht nicht aufgrund von historischen Grenzsteinen, die auf dem Eulenkamp liegen. Diese Pflastersteine markierten die alte Grenzlinie zwischen Wandsbek und Hamburg. Heute verläuft hier die Grenze zwischen den Hamburger Stadtteilen Wandsbek und Dulsberg beziehungsweise den Bezirken Wandsbek und Hamburg-Nord.

„Wir vom ADFC freuen uns, wenn die Velorouten an Attraktionen vorbeiführen, doch in dieser Form bringt es niemandem etwas“, sagt Ulf Dietze. Das Problem: Die Sehenswürdigkeit ist nicht zu sehen. Nur bei genauem Hinschauen kann man die Grenzsteine mit dem Kreuz darauf von den anderen Steinen unterscheiden. Der ADFC schlägt deshalb vor, einen schmalen Pflasterstreifen in der Straßenmitte zu belassen, die Richtungsfahrbahnen jedoch zu asphaltieren.

Strecke wird zu einer Ausflugsroute

Anschließend teilt sich die Veloroute: Auf der Tilsiter Straße führt sie nach Nordost, über Eckerkoppel und Pil­lauer Straße nach Süd-West, was man als 08/15-Radfahrer ja nicht wissen kann. Der ADFC kritisiert, dass einem die Autos hier an der Tilsiter Straße östlich der Lesserstraße stets im Nacken sitzen; der 08/15-Radfahrer findet die Orientierungslosigkeit schlimmer und fragt sich, warum eigentlich nirgendwo Hinweistafeln für die Veloroute angebracht sind? Wie soll jemand die Strecke ohne Navigationsgerät oder Plan finden? Manchmal gibt es sogar Schilder, doch die sind falsch. Da steht dann zum Beispiel eine „2“ auf der Veloroute 6. „Oh, das wird vermutlich irgendein Altbestand sein“, sagt Dietze.

Über den Friedrich-Ebert-Damm und einen alten, schmalen Pflasterradweg am Berner Heerweg biegt man ab in die Straße Neusurenland, wo eine Bushaltestelle zugunsten der Radfahrer eines Schutzstreifens um ein paar Meter verlegt werden soll. Wieder ein Erfolg für den ADFC. An der Berner Au wird es endlich entspannt, und man fährt den Rest der Strecke mit deutlich niedrigerem Puls. Da macht es fast nichts, dass vorhandene Radwege verlanden, also zuwachsen, ein Sandweg durch ein Stück Wald nicht beleuchtet ist oder der Asphalt an einigen Stellen eine Sanierung vertragen könnte. Oder doch?

Dietze kritisiert die Planung für den Abschnitt Berner Allee: „Hier werden lediglich Radwege saniert, was aber an der Lage des Weges hinter Bäumen und an den Falschparkern vor dem Sportplatz nichts ändern wird.“ Erwarten würde der ADFC eine zeitgemäße Lösung mit Radfahrstreifen oder Schutzstreifen.

Zweifel an der Routenführung hat Dietze an einem Stück Wald zwischen Andreasweg und Haselkamp: „Ein dunkler Bereich wie durch den Staatsforst ist für eine Veloroute, die ja im Alltag von Menschen jeden Alters und in jeder Jahreszeit nutzbar sein soll, eigentlich ein Ausschlusskriterium.“ Der Fahrrad-Club wartet nun ab, was der Bezirk als Planungsidee vorlegen wird.

Dennoch erfreut man sich auf dem Streckenabschnitt von Kleine Wiese bis Volksdorf an den schönen blauen Fensterläden der Gartenstadt, den alten Bäumen (eine Eiche Beim Farenland stammt von 1824), einem idyllischen Reiterhof und einem tollen Spielplatz an der Schemmannstraße. Velorouten sind zwar keine nett gemeinten Ausflugswege, aber es schadet nicht, wenn sie Unterhaltungswert bieten. Wer es mit Kindern also von der Stadt bis hierher geschafft hat, der darf nun die Beine schaukeln lassen.

Tops und Flops auf der Veloroute 6

Ausbauzustand: Teilweise fertig (Uferstraße, Lortzingstraße usw.), teilweise erst in Planung (Ballindamm, Bereich Schwanenwik/Hohenfelder­ Bucht, Friedrich-Ebert-Damm, Pillauer Straße usw.) und teilweise noch gar nicht in Arbeit.

Sicherheit: sehr hohe Sicherheit auf den Fahrradstraßen Uferstraße, Lortzingstraße und im autofreien Weg durch den Eilbekpark.

Fahrbahnqualität: zurzeit noch viele alte, zu enge und holprige klassische Radwege. Zudem noch viel Kopfsteinpflaster, das aber ersetzt werden soll. Wo das schon erfolgte (Lortzingstraße), hervorragend.

Respekt: An der Eckerkoppel meinen einige Autofahrer, Radfahrer unbedingt überholen zu müssen, obwohl sie danach wegen geparkter Fahrzeuge und wegen des Gegenverkehrs nicht weiterkommen. Dann geht auch für den Radfahrer nichts mehr. Vorausschauendes Fahren wäre freundlicher und würde für mehr Sicherheit sorgen. Im Einbahnstraßenstück Tilsiter Straße kann man einen Radfahrer nicht mit ausreichendem Sicherheitsabstand überholen. Einige Autofahrer versuchen es trotzdem. Ansonsten: üblicher Hamburger „Respekt-Standard”, d. h. die meisten verhalten sich korrekt, andere fallen besonders unangenehm auf.

Radstreifen/Schutzstreifen: werden z. B. am Friedrich-Ebert-Damm noch markiert, ebenso an Pillauer Straße, Eckerkoppel. Zudem sind Radfahrstreifenlösungen an der Hohenfelder Bucht und am Ballindamm vorgesehen.

Beschilderung: noch kaum vorhanden

Drei Tops: – Lerchenfeldquerung (neue Kreuzung in Bau) – Geplante Ampeln Beim Farenland werden die Sicherheit erhöhen – Geplante Radfahrstreifen Friedrich-Ebert-Damm

Drei Flops: – Unterbrechung der Fahrradstraße Uferstraße an Richardstraße und Wagnerstraße – Planung Berner Allee mit konventionellen Radwegen ist unzeitgemäß – Fehlende 4. Furt, uneindeutige Radverkehrsführung an der Mundsburger Brücke

Am Donnerstag lesen Sie: Veloroute 7 –
Von St. Georg bis nach Rahlstedt