Hamburg

Hamburger Forscher hoffen auf Millionen

In wenigen Tagen fällt die Entscheidung, ob bis zu vier große Vorhaben der Universität Hamburg viel Geld von Bund und Ländern erhalten

Hamburg. Den globalen Klimawandel haben sie schon seit Jahren im Blick. Künftig wollen Hamburger Forscher aber noch stärker der Frage nachgehen, was Gesellschaften gegen die Erwärmung der Erde tun können, welche Maßnahmen wirklich plausibel sind. Etwa 230 Wissenschaftler aus 15 Disziplinen sollen bei dem Projekt mitmachen – wenn sie dafür Geld von Bund und Ländern bekommen.

Kann die Universität Hamburg zu den forschungsstärksten Hochschulen des Landes aufschließen? Nicht alles, aber doch eine ganze Menge hängt von einer Entscheidung ab, die voraussichtlich am 27. September fällt: Dann verkündet eine mit Experten und Politikern besetzte Kommission, welche „international wettbewerbsfähigen Forschungsfelder“ (Exzellenzcluster) an deutschen Unis künftig mit 385 Millionen Euro pro Jahr gefördert werden.

Um diese Förderung im Rahmen der Exzellenzstrategie des Bundes und der Länder hatten sich in der Vorrunde 63 Hochschulen mit 195 Anträgen beworben. Davon schafften es 88 in die Endrunde – gut genug war also nicht einmal jeder zweite Antrag. Das verdeutlicht den Erfolg der Universität Hamburg, die vier ihrer fünf Bewerbungen ins Finale brachte, darunter auch den Antrag ihrer Klimaforscher. Den Zuschlag bekommen können am Ende 45 bis 50 Exzellenzcluster, die dann zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent vom jeweiligen Sitzland gefördert werden.

Bereits 2007, als der Wettbewerb Bundesexzellenzinitiative hieß, hatte die Universität Geld für einen Exzellenzcluster zur Klimaforschung namens CliSAP eingeworben. Dessen Förderung wurde 2012 um fünf Jahre verlängert. Außerdem erhielt die Uni finanzielle Unterstützung für einen zweiten Exzellenzcluster: das Hamburg Centre for Ultrafast Imaging, dessen Forscher die Bewegungen von Atomen beobachten.

Nun aber läuft die Förderung aus. Schon mit einem neuen oder fortgeführten Exzellenzcluster bekäme die Universität Hamburg dafür zwar insgesamt bis zu 50 Millionen Euro. Doch die Hochschule muss mit mindestens zwei Exzellenzclustern erfolgreich sein, damit sie sich bis zum 10. Dezember um eine zusätzliche Förderung als Exzellenz-Universität bewerben darf. Drei Exzellenzcluster wären für die Hochschule ein sehr großer Erfolg.

„Dem Vernehmen nach stehen sehr viele gute Anträge zur Debatte“, sagt Uni-Chef Dieter Lenzen. Die Entscheidungen treffen neben Experten die 16 für Wissenschaft zuständigen Minister und Ministerinnen der Länder sowie Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU). „Am Ende können also auch politische Entscheidungen eine Rolle spielen“, sagt Lenzen.

Was es für die Universität Hamburg zu gewinnen gibt und was auf dem Spiel steht – die vier geplanten Forschungsprogramme im Überblick:

Klima, Klimawandel und Gesellschaft

Nicht nur das Klima ist dynamisch, auch die Gesellschaft verändert sich. Welche Klimaschutzmaßnahmen sind unter diesen Bedingungen sinnvoll, wie können sich Städte und Küsten anpassen? Damit wollen sich Natur- und Sozialwissenschaftler in dem Programm CliCCS beschäftigen, um so „wichtiges Wissen für Entscheider“ zu liefern und zu „einer zielgerichteten Klimapolitik“ beizutragen. Beteiligt sind neben der Uni unter anderem Forscher des Max-Planck-Instituts für Meteorologie und des Helmholtz-Zentrums Geesthacht.

Die Konkurrenz von der Universität Potsdam schied schon in der Vorrunde aus. Nun ist der Hamburger Antrag der einzige für Klimaforschung unter den 88 Bewerbungen für Exzellenzcluster. Mit dem Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg ist zudem eine bundesweit einzigartige Einrichtung an dem Antrag beteiligt. Das könnte für die Exzellenzkommission „ein gewichtiges Argument sein, die Klimaforschung in Hamburg weiter zu fördern“, sagt Universitäts-Präsident Dieter Lenzen. Bei einem Erfolg erhielten die Forscher 51 Millionen Euro, verteilt über 7 Jahre. Eine Absage würde bedeuten, das künftig zehn Millionen Euro pro Jahr fehlten. „Wir müssten dann einen langsamen Abbauprozess in Gang setzen“, sagt Lenzen. „Die Uni hat nicht die Mittel, das Programm weiterzuführen.“


Neue Einblicke in die Materie

Auch eine Absage für das geplante Nachfolgeprogramm des Hamburg Center for Ultrafast Imaging würde bedeuten, dass Forschung an bestimmten Stellen insbesondere durch junge Wissenschaftler nicht in gleichem Maße weitergeführt werden könnte. Im Erfolgsfall dagegen erhielten die Forscher etwa 50 Millionen Euro, verteilt über sieben Jahre. Etwa 160 Wissenschaftler aus Physik, Chemie und Strukturbiologie würden in dem Programm zusammenarbeiten. Dabei geht es nicht nur um die Bewegungen von Atomen, sondern insbesondere um die Frage, wie sich spezielle Eigenschaften winziger Strukturen gezielt kontrollieren lassen, um neuartige Medikamente, bessere Computer und Materialien für verlustfreien Stromtransport zu entwickeln. Mit ihren Supermikroskopen und Röntgenlasern beteiligt sein sollen das Deutsche Elektronen-Synchrotron, das Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie und die European XFEL GmbH. Diese Hightech-In­frastruktur sei ein großer Vorzug des Vorhabens, sagt Uni-Chef Lenzen.


Der Ursprung des Universums

Wie kann man mit Teilchenphysik und Gravitation die Entwicklung des Universums nach dem Urknall verstehen? Damit wollen sich etwa 390 Forscher aus Mathematik und Physik beschäftigen. Bei einem Erfolg erhielten sie bis zu 29,1 Millionen Euro in sieben Jahren. Die Konkurrenz von der Ludwig-Maximilians-Universität und der Technischen Universität in München ist jedoch stark. Was, wenn die Hamburger ausscheiden? „Wir werden in jedem Fall weiter an diesen Themen arbeiten“, sagt Prof. Jan Louis, Sprecher des Projekts und Vizepräsident der Uni Hamburg. Das Team werde den „Elan und Schwung des Antrags nutzen, um neue Forschungsprojekte zu entwickeln“.


Alte Manuskripte verstehen
Untergebracht in einem unscheinbaren 70er-Jahre Bau in Rotherbaum, verfügen die Manuskriptforscher der Universität über modernste Technik, um ihre Objekte zu sezieren. Philologen, Historiker und Musikwissenschaftler arbeiten Hand in Hand mit Naturwissenschaftlern und Informatikern. Sie wollen bedrohte Manuskripte erhalten und die Entwicklung und Funktionen von Schriftartefakten verstehen – von den Anfängen im alten Mesopotamien bis ins digitale Zeitalter. Beteiligen würden sich die Helmut-Schmidt-Universität, die Technische Universität Hamburg und die Universität zu Lübeck. Bei einem Erfolg erhielten die Wissenschaftler knapp 50 Millionen Euro, verteilt über sieben Jahre.