Winterhude

Die letzte Reise mit dem „Sambawagen“

Vor 40 Jahren stellten Hamburgs Straßenbahnen den Betrieb ein. Einige Wagen sind noch gut erhalten, manche schafften es ins Museum

Winterhude.  Mensch, was waren das für Zeiten! Als es schnell voranging, aber mehr Muße war. Gefühlt. Umso wohliger prickelt der Rückblick: „Bitte zurücktreten. Türen schließen. Los geht’s.“ Die Fahrt führt zurück in die Vergangenheit, in eine Ära zügigen Verkehrs, als die Hansestadt noch nicht im Stau erstickte. Hamburgs Straßenbahn schnurrte wie eine Eins. Viele haben sie als Kulturgut in guter Erinnerung.

Verdammt lang ist das her. Am kommenden Wochenende vor 40 Jahren, am 30. September 1978, zuckelte und ruckelte die Linie 2 letztmals fahrplangemäß über eiserne Schienen. Zwischen Schnelsen und Innenstadt gaben am Tag darauf Zehntausende ihrer „Elektrischen“ das finale Geleit. Es war ein Abschied mit Lorbeergirlanden, Pauken und Trompeten. Lokalpolitiker weinten Krokodilstränen. Und tschüs.

27 früher in Hamburg eingesetzte Fahrzeuge gibt es heute noch. Weltweit, von Winterhude oder Lokstedt bis New York oder San Francisco, von schrottreif bis exzellent erhalten. Der einzige für den Personenverkehr zugelassene Hamburger Trieb- plus Beiwagen fährt auf dem Gelände eines Straßenbahnmuseums im Ort Skjoldenæsholm nahe Roskilde, rund 60 Kilometer von Kopenhagen und gut viereinhalb Autostunden von Hamburg entfernt. Eine Gruppe begeisterter Norddeutscher investierte enorm viel Herzblut, Zeit und Geld, damit eine alte, unvergessene Liebe nicht rostet. Mithilfe des Kaffeekaufmanns Albert Darboven gelang es sogar, die Werbung von damals originalgetreu wiederherzustellen.

Einer dieser von Leidenschaft beseelten Aktivisten ist Klaus Tüpker aus Neu Wulmstorf. Der 64 Jahre alte Banker im Ruhestand nutzt einen erheblichen Teil seiner Freizeit für dieses Hobby. Motor ist nicht nur Nostalgie. Tüpker ist Vorsitzender der Initiative „Pro-Stadtbahn-Hamburg“, ein Idealist und Verfechter eines ökologischen und ökonomischen öffentlichen Personennahverkehrs. In Allianz mit seinen Mitstreitern kämpft er für eine Renaissance auf Schienen – zumindest auf entscheidenden Strecken.

Derweil wird eine Menge unternommen, die Erinnerungsstücke in Form zu halten. Im Mittelpunkt stehen Wagen der Typen V6E und V7E, im Volksmund seinerzeit „Sambawagen“ genannt. Um beim rumpeligen Start oder einem abrupten Bremsen nicht ins Schleudern zu geraten, mussten stehende Passagiere bisweilen einen sichernden Ausfallschritt vornehmen – so wie bei dem brasilianischen Tanz, heißt es.

Jedenfalls gibt es, soweit bekannt, aktuell noch acht Standorte dieser legendären „Sambawagen“. Kaum einer weiß das besser als der ehemalige Hochbahnschaffner Ingo Naefcke. Gemeinsam mit Ehefrau Johanna hat der Straßenbahn-Enthusiast einen dieser Triebwagen nach allen Regeln der Handwerkskunst aufgemöbelt. Wer mag, kann sich davon ein Bild machen. Das gute Stück steht im Parkhaus des Rewe-Marktes an der Dorotheenstraße, Höhe Krohnskamp, in Winterhude. Als Naefcke mit seiner Begeisterung und seiner Idee um die Ecke bog, stimmte der Marktleiter Holger Stanislawski zu.

Kommenden Sonnabend steht eine Feier auf dem Programm

Als gebürtiger Hamburger weiß der frühere St. Pauli-Profi und Erstligatrainer um die Bedeutung der „Elektrischen“ für seine Heimatstadt. Als Buttje sah Holger die Bahn noch rollen. Wenn Stau war, fuhr sie vorbei. Ganz einfach.

Immer sonnabends von zehn bis 18 Uhr stehen bei V7E3363 die Türen offen. „Unsere Straßenbahn ist eine Begegnungsstätte für kleine und größte Fans“, sagt Ingo Naefcke, „damals wie heute.“ Der Spaß kostet nichts. Auch gestern nicht, als der Waggon wegen eines Flohmarktes dicht umlagert war. Der Nachwuchs lässt sich ebenfalls gern verzaubern von der Magie dieses Verkehrsmittels. Früher befand sich hier übrigens ein Betriebshof der Straßenbahngesellschaft. Für kommenden Sonnabend ist eine Feier mit Bier, Würstchen und Informationen angesetzt. Organisiert werden zudem eine Bilderausstellung sowie eine Modellstraßenbahnanlage.

Ein Bruder vergangener, indes keinesfalls vergessener Zeiten steht in einem Baumarkt am Nedderfeld. Die weiteren Standorte, vom fahrbereiten und für Museumsbesucher eingesetzten Prachtstück in Dänemark abgesehen: Deutsches Straßenbahnmuseum in Wehmingen in Niedersachsen, in einem Werksmuseum in Salzgitter, beim Verein für Museumsbahnen am Schöneberger Strand in Schleswig-Holstein sowie in den USA. Im Trolley-Museum Kingston im Bundesstaat New York ist Hamburgs Wagen 3584 zu bewundern, in San Francisco seit 1979 Nummer 3557. Diese Fakten hat Klaus Tüpker im Kopf. Inbrunst und Gedächtnis dieses Mannes erstaunen.

Zum Schluss ein kleines Geheimnis. In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober fahren einige der besonders passionierten Straßenbahnfreaks mit ihren Privatautos entlang der alten Strecke der Linie 2 – von der ehemaligen „Schleife“ Frohmestraße in Schnelsen zum Rathausmarkt und zurück. Akkurat nach Zeiten des alten Fahrplans.