Abendblatt-Serie

Durchs Univiertel bis Niendorf – noch „Luft nach oben“

ADFC-Experte Bernd Reipschläger auf dem Abschnitt Niendorfer Straße Höhe
Bullenredder. Hier ist der Platz ziemlich begrenzt

ADFC-Experte Bernd Reipschläger auf dem Abschnitt Niendorfer Straße Höhe Bullenredder. Hier ist der Platz ziemlich begrenzt

Foto: Andreas Laible / HA

Radwegetest, Teil 4: Noch wird auf vielen Abschnitten der Veloroute 3 der Autofahrer bevorzugt. Doch es gibt auch Lichtblicke.

Hamburg. ller Anfang ist schwer. Nicht selten erweisen sich Sprichwörter wie dieses als nett formulierte, aber wenig fundierte Floskel. Doch wer mit dem Fahrrad vom Rathausmarkt nach Niendorf will, entlang der Veloroute 3, der findet diese Redewendung bestätigt – zulasten des Fahrkomforts und zum Leidwesen von Rücken und dessen unterer Verlängerung. Gleich zu Beginn führt die Route entlang der Straße Plan über Kopfsteinpflaster, es ruckelt und holpert. „Kopfsteinpflaster auf einer Veloroute geht gar nicht“, kritisiert Bernd Reipschläger, Sprecher der Bezirksgruppe Eimsbüttel des Fahrrad-Clubs ADFC. Dieses No-Go erleben Radfahrer auf der Strecke aber noch zwei weitere Male.

Vom Zentrum nach Niendorf: Knapp 13 Kilometer führt die Veloroute gen Norden, am Dammtorbahnhof entlang, durch das Univiertel und das „Generalviertel“ in Hoheluft-West, am Einkaufszentrum Tibarg vorbei bis zum U-Bahnhof Niendorf-Nord. „Velorouten müssen so attraktiv sein, dass Radfahrer bereit sind, dafür auch kleine Umwege zu fahren“, sagt Fahrrad-Experte Reipschläger – „also abseits von Lärm, mit möglichst wenig Ampeln, Schmutz und Abgasen“. Der Gedanke, dass sich die Veloroute 3 diese Attribute insbesondere auf ihrem Abschnitt in der City und später an der sehr stark befahrenen Kollaustraße eines Tages verdienen könnte, scheint da extrem ambitioniert.

Am Jungfernstieg an jeder Ampel Rot

Schon der Jungfernstieg ist für Radfahrer nicht gerade ideales Terrain. Zwar ist die Fahrbahn breit genug. „Aber die Schaltung von vier Ampeln allein bis zum Gänsemarkt ist auf den Autoverkehr ausgerichtet“, stellt ADFC-Mann Reipschläger fest. „Ein Radfahrer hat an jeder Ampel Rot. Das veranlasst ihn vielleicht, trotz Rotlichts weiterzufahren.“ Und hinter dem Gänsemarkt in einer Kurve ist der Schutzstreifen, der den Radweg vom Autoverkehr trennen soll, an mehreren Stellen abgefahren.

Weiter geht es über den Stephansplatz. Bauarbeiten erschweren das Fortkommen. „Hier zeigt sich beispielhaft das grundsätzliche Problem Baustelle“, sagt Reipschläger. „An eine Beschilderung für Radfahrer und Fußgänger wird oft nicht gedacht, oder sie ist mangelhaft.“ Auch an der nächsten großen Kreuzung, am Theodor-Heuss-Platz, wird gebaut. Der ADFC-Experte sieht aber auch die Zeit nach Abschluss der Bauarbeiten Schwierigkeiten: „Hier fahren bisher täglich etwa 78.000 Autofahrer entlang.

Radfahrerquote von 25 Prozent angestrebt

Die Stadt strebt eine Radfahrerquote von 25 Prozent an, das wären hier 20.000.“ Wenn an der Kreuzung aus einer Richtung zwanzig Radler an der Ampel warteten und von links kämen ähnlich viele, „stehen die sich gegenseitig im Weg. Und die Fußgänger müssen da auch noch durch“, kritisiert Reipschläger. „Hier wird einiges an Geld verbuddelt und ein Radwegenetz geschaffen, das nicht einmal ansatzweise für die angestrebten Ansprüche ausreicht.“

Dann führt die Route über die Ro­thenbaumchaussee links in die Moorweidenstraße – und damit wieder auf Radfahrer-unfreundliches Kopfsteinpflaster. Vorher muss man sich „über die Kreuzung wuseln“, wie Bernd Reipschläger es nennt. „Man biegt entweder gefährlich direkt oder sicherer indirekt links ab. Das indirekte Abbiegen benötigt eine Ampelphase mehr.“ In der Folge führt die Veloroute über einen Teil des Uni-Geländes auf der Schlüterstraße und der Hartungstraße – wieder mit Kopfsteinpflaster – in die Straße Rutschbahn.

Nächster Minuspunkt

„Dass die Route hier durch eine Einbahnstraße geht, ist eigentlich akzeptabel, aber Ortsunkundige, die rückwärts ausparken, wissen nicht, dass Radfahrer von beiden Seiten kommen. Das ist unfallträchtig.“ Gut gelöst findet Reipschläger indes den Schutzstreifen in der Bogenstraße und das letzte Teilstück der Goebenstraße vor dem Kreisel, wo der Eppendorfer Weg kreuzt: „Hier haben Radfahrer vor den einmündenden Nebenstraßen Vorrang; es gibt keinen Durchgangsverkehr.“

Ein Stück weiter, an der Kreuzung Goebenstraße/Im Gehölz, kommt der nächste Minuspunkt: Hier ist eine sogenannte Anforderungsampel installiert. Wer als Radfahrer oder Fußgänger Grün haben will, muss sie drücken. „So eine Ampel, ich nenne sie Bettelampel, geht gar nicht auf einer Veloroute“, moniert der ADFC-Mann. Nun geht es über die Stresemannallee noch mit einem Zwei-Richtungs-Radweg, der teilweise zu schmal sei, so Reipschläger, als dass zwei Radfahrer mühe- und gefahrlos zwischen den rechts und links davon geparkten Autos aneinander vorbeikommen.

Versetztes Parken mögen Radfahrer nicht

An der Kreuzung Vogt-Wells-Straße/Ecke Julius-Vosseler-Straße geschieht das, was Radfahrer in Hamburg immer wieder erleben: Ein Mann am Steuer seines Wagens hupt und brüllt aus dem Beifahrerfenster, man solle sich gefälligst auf den Radweg verkrümeln. Viele Autofahrer kennen offenbar die in Hamburg geltende Regelung nicht, dass Radfahrer auch bei vorhandenem Radweg auf der Straße fahren dürfen, wenn nicht ein Verkehrsschild auf eine Benutzungspflicht hinweist.

Später, am Grandweg, ist für Autofahrer das versetzte Parken eingerichtet. „Das mögen Radfahrer gar nicht. Denn sie werden von den Wagen überholt und an der nächsten Verengung oft ausgebremst, weil das Auto den Gegenverkehr passieren lassen muss.“ Zufrieden ist Bernd Reipschläger indes mit der Planung für den südlichen Teil der Niendorfer Straße bis zur Brücke. Dort soll ein Kreisel entstehen, und bis zur Güterumgehungsbahn wird es einen Radfahrstreifen auf der Fahrbahn geben. „Das ist gut“, lobt der Experte.

Schmaler Schutzstreifen

„Aber vor der Brücke hört der Radfahrstreifen auf, dann wird es eng. Von da an soll es im Mischverkehr ohne Radverkehrsführung weitergehen.“ Problematisch wird es auch auf der Kreuzung Niendorfer Straße/Kollaustraße. Auf der Fahrbahn gibt es einen schmalen Schutzstreifen für die, die links in die Kollaustraße abbiegen wollen. Aber direkt auf der Kreuzung fehlt eine weiterführende Markierung. „Wo soll man da längs fahren?“ Weiter geht es auf der Kollaustraße, einer Hauptverkehrsstraße, überwiegend achtspurig und mit viel Lärm. „Eine solche Streckenführung soll eigentlich bei der Veloroute vermieden werden. Hier hat es nicht geklappt.“

Nun geht es rechts in den Niendorfer Kirchenweg am Tibarg vorbei und dann rechts in die Paul-Sorge-Straße, die sich bis zum Ziel am U-Bahnhof Niendorf-Nord hinzieht. Bisher gibt es einen Rad- und einen Fußgängerweg. Vor allem wegen der vielen Grundstückzufahrten sei dies gefährlich, erklärt der Experte. Ein Schutzstreifen auf der Fahrbahn, wie es die Bezirksplanung vorsieht, sei „besser und sicherer. Denn das setzt rücksichtsvolleres Fahren voraus. Radfahrer werden besser gesehen.“

Noch Luft nach oben

Die Bilanz nach knapp 13 Kilometern: „Auf der ganzen Strecke ist noch Luft nach oben. Ich sehe in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf. Die Veloroute 3 wird es schwer haben, sich als Alternative für Radfahrer aus Niendorf und Schnelsen gegenüber dem direkten Weg entlang der Hauptstraßen Kollau­straße bis Grindelallee durchzusetzen. Gerade der Abschnitt zwischen Güterumgehungsbahn und Tibarg wird auch zukünftig für Radfahrer nicht angenehm befahrbar sein, da dem Autoverkehr kein Raum genommen werden darf.“

Am Sonnabend lesen Sie: Die Veloroute 4 – von der City bis Langenhorn