Kritiken

Schöner wohnen war gestern

| Lesedauer: 4 Minuten
Matthias Iken

Wer heute durch neue Quartiere läuft, wundert sich über seelenlose Schlafregale. Wollen wir so leben?

Es gibt Orte, zu denen hat fast jeder Hamburger eine besondere Beziehung. Der Fernsehturm, liebevoll „Tele-Michel“ genannt, gehört dazu – mit ihm verbinden sich Kindheitserinnerungen, besondere Momente, sie definieren das, was Identität schafft und Heimat heißt. Der erste Besuch auf der sich drehenden Plattform in 127 Meter Höhe, die rasante Fahrt mit dem Fahrstuhl hinauf, das Kuchenbüfett, sie haben sich ins Gedächtnis eingebrannt.

So war es eine clevere Idee des Denkmalvereins, genau an diesen Ort zu laden, um auf sich, den neuen Förderverein und seine Agenda aufmerksam zu machen. Denn in diesen Tagen verändert sich die Stadt in einem atemberaubenden Tempo. Bürogebäude, die über Jahrzehnte die Stadt prägten, zerfallen zu Staub, an anderen Stellen wachsen in atemberaubenden Tempo Wohncontainer – quadratisch, praktisch, mittelmäßig.

Während sich in Zeiten der Globalisierung die Menschen nach Vertrautem sehnen, wandelt sich Stadt so schnell wie seit dem Wiederaufbau nicht mehr. In Zeiten niedriger Zinsen streben Investoren in Immobilien und heizen den überhitzten Markt weiter an. Zweifellos steigt der Bedarf nach neuen Wohnungen, gerade nach günstigem Wohnraum. Aber heiligt der Zweck alle Mittel? Oder droht die Stadt beim Versuch, neue Bewohner zu gewinnen, sich selbst zu verlieren? Und wer entscheidet über das, was Heimat heißt und Identität schafft? Die Bewohner? Oder Renditejäger?

Erlaubt war, was Investoren gefiel

Die Debatte der vergangenen Jahre zeigt, dass das Unbehagen wächst. Bis in die Nuller-Jahre war erlaubt, was Investoren gefiel. Die Hafenkrone, die St. Pauli übergestülpt wurde, ist dafür ein Beispiel. Spätestens mit dem Erhalt des Gängeviertels, das Künstler vor der Überplanung und Zerstörung retteten, haben sich die Zeiten geändert. Das Paloma-Viertel an der Reeperbahn ist das Ergebnis eines zähen Ringens zwischen Investoreninteressen und Bürgerwünschen.

Ein neues Selbstbewusstsein bricht sich Bahn: Selbst der städtebaulich wenig gelungene und zu Tode sanierte City-Hof findet Verteidiger über alle Partei- und Ideologiegrenzen hinweg. Die Menschen wollen mitreden, wenn es um ihre Heimatstadt geht. Und sie wollen nicht die Fehler wiederholen, die als zweite Zerstörung in die Geschichte eingegangen sind. Der Traum von der autogerechten Stadt und eine Verachtung für das Gewachsene hat in den 60er- und 70er-Jahren brutale Wunden in Hamburgs Antlitz geschlagen – man muss sich nur die Bilder des Dovenhofs, der Esplanade oder des Altonaer Bahnhofs anschauen, um demütig zu werden. Der vermeintliche Fortschritt war in Wahrheit Regression. Es steht noch dahin, ob wir in einem Vierteljahrhundert die aktuelle Abrisswelle ähnlich bedauern werden.

Es geht in dieser so wichtigen Debatte nicht nur darum, was zu erhalten lohnt, sondern auch darum, was entstehen soll. Angesichts der Wohnungsnot hat sich eine Tonnenideologie durchgesetzt, die wenig nach Ästhetik oder dem Wesen von Stadt fragt, sondern vor allem nach fertiggestellten Einheiten. Schöner wohnen war gestern, schneller bauen ist heute. Der Architekturkritiker Dankwart Guratzsch warnt bereits, „dem Land droht eine Zerstörungswelle wie durch den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg“. Fundamentale Ziele einer nachhaltigen Stadt der kurzen Wege geraten aus dem Fokus.

Seelenlose Wohn- und Schlafregale

Wer heute auch in Hamburg durch neue Wohnquartiere läuft, wundert sich über manche seelenlose Wohn- und Schlafregale. Zwischen hohen Blöcken laufen enge Straßen, ein Stück Stadt, das auswechselbar ist und jeden lokalen Bezug verloren hat. Und statt Gaststätten, Gewerbe und Geschäften herrscht Tristesse, die Straßen gehören nicht den Menschen, sondern verkümmern zur Abstellfläche für Autos.

Wollen wir so leben? Sollten wir so bauen? Wie sieht unser Bild von Stadt aus? Bei allen notwendigen Kontroversen gibt Hamburg ja selbst Antworten. Warum drängen die Menschen mit Vorliebe in die Gründerzeitquartiere von Eppendorf, Eimsbüttel oder Ottensen? Dort findet man Hinweise, dass man in hoher Qualität und zugleich seriell und günstig bauen kann – und dass Dichte, Höhe und Attraktivität sich nicht ausschließen müssen.

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