Freizeitmonitor 2018

Hamburger beschäftigen sich lieber mit Handy als mit Partner

Zwei Teenager mit Handys am Strand: Die Freizeit der Hamburger wird vom Medienkonsum dominiert

Zwei Teenager mit Handys am Strand: Die Freizeit der Hamburger wird vom Medienkonsum dominiert

Foto: dpa Picture-Alliance / Jiri Hubatka / picture alliance / imageBROKER

Eine neue Untersuchung zeigt, dass freie Zeit von Terminen und Smartphones geprägt wird. Das sind die Ergebnisse.

Hamburg.  Fernsehen, Facebook, Freizeitstress: So sieht der klassische Feierabend der Hamburger laut Freizeitmonitor 2018 aus. Demnach hat sich das Verhalten des gemeinen Großstädters in seiner arbeitsfreien Zeit in den vergangenen Jahren grundlegend geändert. Die Freizeit, so das verkürzte Ergebnis der aktuellen Befragung, ist dichter und vor allem medialer geworden.

Der im Zwei-Jahres-Rhythmus veröffentlichte Freizeitmonitor der Stiftung für Zukunftsfragen kommt nach der Befragung von mehr als 2000 Bundesbürgern zu dem Schluss, dass sich Feierabend, geplante Freizeit und Urlaub für viele nicht mehr so erholsam anfühlen. Die eigentlich regenerativen Phasen werden von smartphonegetriebenem Internetdauerfeuer, zunehmendem Pflichtbewusstsein und einer Takt- und Terminfülle geprägt. Kurzum: Die Deutschen im Allgemeinen und die Hamburger im Speziellen verlernen zunehmend das Nichtstun.

95 Prozent lassen sich gern vom TV berieseln

Land- und Stadtbevölkerung eint, dass ihre Freizeit – auch aus Sorge, sich zu langweilen – immer mehr zur termingetriebenen Pflicht wird. Mit 23 Aktivitäten pro Woche nehmen sich Menschen in der Gegenwart fast doppelt so viel vor wie noch 1998. Logische und paradoxe Folge zugleich: Der immer stärker werdende Wunsch nach Erholung, Spontaneität und Nichtstun.

Unterschiede bei der Freizeitgestaltung zwischen Hamburgern und dem Rest der Republik werden dabei nur im Detail sichtbar. Fernsehen etwa ist nach wie vor die Lieblingsbeschäftigung aller Deutschen. 95 Prozent lassen sich gern vom TV berieseln, in Hamburg sind es 94 Prozent. „Für viele ist das Stressabbau, ein Kontrast zum hektischen Alltag“, sagt Studienleiter und Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt aus Hamburg. Nur bei kinderlosen Paaren stehe die Zeit mit dem Partner an erster Stelle. Und auch für junge Singles gibt es wichtigeres als TV: das Internet.

Beliebtesten sechs Tätigkeiten der Hamburger sind medial geprägt

Smartphone und Internet machen dem TV aber in fast allen Altersgruppen den Rang als Unterhaltungsmedium Nummer 1 streitig. Sowohl bundesweit, als auch in Hamburg stieg der Nutzungsanteil im Vergleich zum Jahr 2013 um 76 Prozent. Allein der Anteil des Online-Einkaufs nahm im gleichen Zeitraum um 50 Prozent zu. Die digitale Welt prägt nicht nur das Arbeitsleben, sie dominiert inzwischen auch unsere Freizeit. In Hamburg liegen die Werte für Mediennutzung über dem Schnitt.

Dabei schaffen es die Bewohner der Hansestadt auch, eine Aktivität mehr als der Bundesdurchschnitt in ihre knapp bemessene tägliche Freizeit zu quetschen – neun statt acht Beschäftigungen. Die beliebtesten sechs Tätigkeiten der Hamburger sind dabei medial geprägt. Nach Fernsehen, Radio hören, Musik genießen, telefonieren, Internetnutzung und Smartphone rangiert gemeinsame Zeit mit dem Partner erst an siebter Stelle – immerhin vor Ausschlafen, Lesen und E-Mails schreiben. Erst danach gehen Hamburger ihren Gedanken nach oder reden über „wichtige Dinge“.

Großstädter geht nur halb so oft in die Kirche

Diese Entwicklung zeige, dass bei Familien der Medienkonsum viel Freizeit einnimmt – bei Jugendlichen und kinderlosen Paaren sind sogar acht, bei jungen Erwachsenen neun Beschäftigungen medial dominiert. Auch das Pflichtbewusstsein durchdringe immer mehr die freie Zeit. Denn bei den wöchentlichen Beschäftigungen stehen Besorgungen und Hausarbeit ganz oben auf der Liste, erst danach kommen Wellness und Sport oder die persönliche Weiterbildung. Hamburger arbeiten zudem häufiger in der Freizeit für den Job als der Durchschnitt der Republik.

Andererseits zeichnet sich die Feierabendgestaltung in Hamburg im Vergleich zum Rest der Republik durch ein höheres Kulturinteresse, mehr sportliche Aktivität und eine leicht höhere sexuelle Auslastung aus, zumindest sehnen sich Hamburger weniger nach Chancen für diese Form der Körperlichkeit als andere Deutsche. Dafür verbringt der Großstädter weniger Zeit mit Freunden, engagiert sich nicht so oft ehrenamtlich und: Er geht nur halb so oft in die Kirche.

Erholung und Zufriedenheit bleiben auf der Strecke

„Viele Bürger neigen dazu, von einer Aktivität in die nächste zu springen. Schließlich wollen sie viel erleben, überall dabei sein und vor allem nichts verpassen“, sagt Reinhardt. Dabei haben die Angst vor Langeweile und der gesellschaftliche Unternehmungsdruck auch Schattenseiten: „Es wird versucht, jede freie Minute mit irgendetwas zu füllen statt einen Moment freie Zeit zu haben, ohne eine Beschäftigung.“ Dabei könne Mußezeit die Grundlage für Erholung, Kreativität und neue Ideen sein.

Mit dem Versuch, die Freizeit zu optimieren, würden letztlich Freundschaften und die Qualität der Aktivitäten leiden. Erholung, Zufriedenheit und Wohlbefinden bleiben auf der Strecke. „Je komplexer, verplanter und transparenter das eigene Leben wird, desto mehr steigt das Bedürfnis nach den einfachen Dingen“, erklärt Reinhardt. Deshalb gelte es heute schon als Luxus, der eigenen Intuition folgen zu können.

In der Stadt wird mehr gelesen und in Restaurants gegessen

Für Hamburg sei festzuhalten, dass das deutlich umfangreichere Kulturangebot, der flächendeckende Breitbandzugang und die Anonymität der Großstadt Gründe dafür seien, dass die Beschäftigung mit Nachbarn oder Freunden weniger ausgeprägt ist. „Das Vereinsleben auf dem Land wird nur durch aktive Mitgliedschaft am Leben gehalten und ist damit Teil der Identität“, sagt Reinhardt. Dort biete das Ehrenamt im Gegensatz zur Großstadt immer noch Sicherheit und Heimat.

Auch Gartenarbeit oder die Lust am Autofahren ist Hamburgern weniger wichtig als dem Durchschnitt der Deutschen. Stattdessen wird in der Stadt mehr gelesen, in Restaurants gegessen, Filme gesehen und in welcher Form auch immer eingekauft. Wochenendfahrten oder Volksfeste reizen den Hamburger dagegen weniger, er bevorzugt Museen oder Theater. Laut Reinhardt zeigt das, dass Barrieren und Berührungsängste fallen. „In die Elbphilharmonie kann man ja auch in Jeans.“

Großstädter ist „furchtbar bequem geworden“

Freizeit-Gewinner im Fünf-Jahres-Vergleich bei lange geplanten Aktivitäten sind zudem Camping (+29 Prozent), Rockkonzerte (+24) und Museen (+22). Unangefochtene Spitzenreiter beim schnellen Freizeitausgleich sind aber das Smartphone (+76), Online-Shopping (+46) und Social Media (+52). Weniger Partys (-21), weniger Freundschaftsdienste (-34) und weniger aktive Kinderbespaßung (-11) als vor fünf Jahren sollten jedoch zu denken geben.

Die stark gestiegene mediale Hinwendung sei ein Abbild dafür, dass man sich immer schwerer damit tut „den Hintern hochzukriegen“. Der Großstädter sei „furchtbar bequem geworden“. Reinhardt plädiert deshalb für mehr Freiwilligkeit in der geplanten Freizeit, in der es eben keine Zwänge geben sollte. Nicht grundlos ist der größte Wunsch der Hamburger (aber auch der Deutschen) für ihre Freizeit: Spontan das zu tun, worauf man gerade Lust hat.