Freiluft-Theater

Ensemble "tieftraurig" über Aus für „Hamburger Jedermann“

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Maike Schiller
Bald Geschichte: Das Freiluft-Theater "Hamburger Jedermann"

Bald Geschichte: Das Freiluft-Theater "Hamburger Jedermann"

Foto: Theater in der Speicherstadt

Macher Michael Batz spricht über das Ende des Freiluft-Theaters. Fast alle Vorstellungen waren dieses Jahr ausverkauft.

Hamburg. Die Jubiläumsspielzeit wurde noch gefeiert, nach einem Vierteljahrhundert aber ist nun Schluss für den „Hamburger Jedermann“ in der Speicherstadt. Wie das Hamburger Abendblatt erfuhr, wird die Produktion eingestellt – nicht aus mangelndem Erfolg (in diesem Jahr waren nahezu alle Vorstellungen ausverkauft, fast jeden Abend gab es Standing Ovations), sondern weil die Stadtentwicklung über die Jahre in der Speicherstadt und der HafenCity Veränderungen zur Folge hatte, die dem Theatermacher und Autor Michael Batz, wie er selbst sagt, das Weiterspielen unmöglich machen. Man sei darum „gezwungen“, die Produktion einzustellen, er und zahlreiche Mitstreiter aus dem Ensemble seien darüber „tieftraurig“.

Störender Krach und fehlende Garderoben

Umgebungslautstärke gibt es immer bei einer Freiluft-Veranstaltung – in der Kulisse direkt am Brooksfleet aber habe, so Batz, die Geräuschkulisse aus Verkehr, Barkassenfahrten und vermieteten Partylocations in der Nähe nun ein Ausmaß erreicht, bei dem zeitgleiches Theaterspielen nicht mehr machbar sei. Der Ort sei im Laufe der Jahre „ein ungeschützter großer Rummelplatz geworden, wo das Leben knallt“, erklärt Batz. „Das Leben soll ja auch knallen. Aber dann kann man da eben nicht mehr Theater spielen.“

Gründe nennt er viele: Barkassenfahrten zum Beispiel habe es immer gegeben, zugenommen habe aber, dass die Boote auch mal stoppten, „manchmal mitten in der Vorstellung, und 50 oder 60 Fahrgäste applaudieren oder machen Fotos“. Nebenan vermietet eine Eventagentur Räume für Hochzeitsfeiern und andere Partys, auf denen natürlich auch Musik gespielt wird. „Auch das ist total zu verstehen“, sagt Batz. „Aber die Partymusik hört man bei uns eben auch.“

Autofahrer missachteten die Absperrungen

Vereinzelt sei es sogar vorgekommen, dass Autofahrer die Absperrungen entfernten und durchfuhren, obwohl noch Publikum da gewesen sei. „Der Sandtorkai wurde zur Rennstrecke, auch Motorradfahrer knattern da ja teilweise in hohem Tempo durch. Wir haben Mikrofone, aber die Grundlautstärke ist einfach unüberhörbar.“ Mit den Jahren seien die Speicherstadt und die dahinter wachsende HafenCity schlicht „immer mehr ein normaler Stadtteil“ geworden.

Michael Batz bedauert diese Entwicklungen, das ist zu spüren, schon aus nostalgischen Gründen. Sie leuchten ihm dennoch ein. Hinzu kommt, dass bisher zum Beispiel als Garderoben gemietete Räume künftig nicht mehr zur Verfügung stehen.

Damals "Wunderland der Stille"

Die Anfänge der Produktion, die aus der lokalen Freien Szene heraus entstand, fielen in eine Zeit, die Michael Batz heute als „historisches Zeitfenster“ beschreibt: „Wir sind damals in ein wildes, freies Biotop hinter dem Zollzaun gegangen. Wir waren die Einzigen dort – es war ein Wunderland der Stille und der Abgeschiedenheit.“ Das Publikum saß unmittelbar im Geschehen, das Bühnenbild war die Speicherfront am Brooksfleet. Die Kulisse ist mittlerweile Teil des Weltkulturerbes.

Es ist ein Ort, den das Theater durchaus mitentwickelt hat. Man sei Ende der 90er-Jahre „in die Strategien der Stadtentwicklung und der Umnutzung geraten“, beschreibt es Michael Batz. Nicht zuletzt als Lichtkünstler, der einerseits den „Jedermann“ ausleuchtete, aber auch publikumswirksam den Hamburger Hafen blau illuminierte („Blue Port“), sind ihm die Wirkungen der Kunst als Entwicklungsbeschleuniger bewusst.

Publikum Mischung aus Hamburgern und Touristen

Bis zu 50 Menschen haben allabendlich an seinem stets kapitalismuskritischen Märchen gearbeitet, viele sind seit zehn Jahren dabei, manche seit 20 Jahren, einige von Beginn an. „Die Kontinuitäten waren auch eine Kraft dieses Projektes“, sagt Michael Batz. Sein Publikum war eine Mischung aus Hamburgern und Touristen, sie sahen ein textlich immer wieder modernisiertes Stück, in dem ausgerechnet Gentrifizierung keine kleine Rolle spielte. „Musealisierung“ wollte Michael Batz immer vermeiden, sein „Jedermann“ sollte stets auch in die Zukunft gerichtet sein. Die wird nun ohne diese Inszenierung stattfinden.

1994 war der erste „Hamburger Jedermann“ in Batz’ Fassung von Hugo von Hoffmannsthals Mysterienspiel über die Open-Air-Bühne gegangen. Die Sandbrücke wurde ebenso bespielt wie eine Speicherluke. Die Fläche hinter dem Kesselhaus diente außerhalb der Vorstellungen (und dient nun wieder) als Parkplatz. Seit die Speicherstadt mit dem angrenzenden Kontorhausviertel 2015 in die Weltkulturerbe-Liste der Unesco aufgenommen wurde, warb man mit dem Slogan „Welterbe mit Weltbühne“. Nun schachern Tod und Teufel nicht mehr um die Seele des „Hamburger Jedermann“. Der „Jedermann“ gibt auf.

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