Autorin erzählt

Das Erfolgsgeheimnis der Groschenromane

Autorin Susanne Oswald aus Neuried, geboren 1964 in Freiburg

Autorin Susanne Oswald aus Neuried, geboren 1964 in Freiburg

Foto: Michael Beiser

Die Hefte sind beliebt, eBook-Anteil steigt. Stark im Trend sind historische Liebesgeschichten und Erotik hinter der Schlafzimmertür.

Neuried/Hamburg. „Tiffany – Engel in schwarzem Leder“, „Toni der Hüttenwirt – Endlich läuten die Hochzeitsglocken“, „Julia – Sinnlicher Skandal im Palazzo“: Was sich liest wie ein fideles Bahnhofskinoprogramm aus den 1970er-Jahren, ist nichts weiter als ein kurzer Blick auf den Heftromanständer am Kiosk. Auch im Netz-Zeitalter erscheinen trotz sinkender Druckauflagen wöchentlich fast 100 neue „Groschenromane“, dazu Wiederveröffentlichungen und Sammelbände.

Knapp zwei Euro zahlen Millionen Leser für 64 Seiten zum Wegschmökern, und ein Heer von fleißigen Schreibern liefert immer neue Liebes-, Skandal- und Schicksalsgeschichten aus Schlössern, Villen, Berghütten, Großstadt-Lofts und Krankenhäusern. Oder aus Raumgleitern, Burgruinen und Apachen-Zelten. Für jeden Geschmack ist etwas dabei, stark im Trend sind historische Liebesgeschichten und – früher undenkbar – Erotik hinter der Schlafzimmertür.

Da das Ansehen dieses literarischen Segments trotz des wirtschaftlichen Erfolgs nicht sehr hoch ist, arbeiten die meisten Autoren anonym. Eine Ausnahme ist Susanne Oswald aus Neuried-Ichenheim, die für den Hamburger Cora-Verlag Liebesromane schreibt und dem Abendblatt einen Blick hinter die Kulissen gewährte – natürlich wird am Ende alles gut.

Frau Oswald, Sie veröffentlichten neben Garten- und Gesundheitsratgebern unter Ihrem eigenen Namen auch noch als Sanne Aswald Krimis und als Nancy Callahan Liebesromane, wozu dienen die Pseudonyme?

Susanne Oswald: Anfangs veröffentlichte ich alles unter meinem richtigen Namen Susanne Oswald, durch die vielen Genres wurde das zu unübersichtlich. Die Pseudonyme helfen den Lesern bei der Einordnung. Inzwischen schreibe ich weniger Sachbücher, stattdessen auch unter Susanne Oswald wieder Liebesromane, nächstes Jahr erscheint bei Mira Taschenbuch ein Inselroman, auf den ich mich schon unbändig freue. Sanne Aswald steht weiterhin für humorvolle Kuschelkrimis, im Herbst wird es weihnachtlich kriminell.

Sind englisch klingende Pseudonyme auch verkaufsfördernd?

Tja, wenn man nur immer so genau wüsste, was sich verkaufsfördernd auswirkt, dann wäre das mit dem Bestseller kein so harter Weg. Nancy Callahan war eine Bauchentscheidung, es klingt einfach schön.

Ihre Liebesromane haben Titel wie „Eine Liebe auf Sizilien“ oder „Süße Verführung in Notting Hill“. Urlaubsflair und Glamour: Wie viele Wunschfantasien der Autorin fließen da in die Handlung ein?

In jeder Geschichte steckt ein Stück von mir, anders kann ich gar nicht schreiben. Hin und wieder erfülle ich mir stellvertretend über meine Figuren auch Herzenswünsche, doch der entscheidende Antrieb ist immer der, meine Leser in andere Welten zu entführen. Viele Menschen lieben das Mittelmeer und Glamour, in Notting Hill liegt Romantik in der Luft. Meine ganz persönlichen Sehnsuchtsorte sind aber Norddeutschland, Irland und Schottland. Natur pur und das Gefühl von Freiheit.

Wie kamen Sie zum Schreiben von Liebes-Heftromanen?

Über meine Agentur. Es gab auf der einen Seite die Nachfrage nach passenden Autoren und Geschichten und auf der anderen Seite mich, das hat gepasst, und so schreibe ich neben all den Büchern nun auch Heftromane. Die Inspiration bieten das Leben, der Alltag, die Umwelt, man muss nur mit offenem Herzen durch den Tag tanzen und findet mehr Geschichten, als man schreiben kann.

Lesen Sie selber Heftromane?

Hin und wieder zu Recherchezwecken. Kein Genre lehrt den Schreibenden so klar den dramaturgischen Aufbau eines Plots, denn die Geschichte bleibt ganz eng am Geschehen, keine Schnörkel, Kurven und Umwege. Wenn das nicht sitzt, legen die Leser die Geschichte weg. Nein, falsch. Wenn das nicht sitzt, haut die Lektorin mir die Geschichte um die Ohren, bis zum Leser schafft sie es nicht.

Wie können Sie aus der Masse von 100 Heftromanen, die jede Woche neu erscheinen, zwischen „Sündige Nächte mit dem Milliardär“, „Gefährliche Affäre mit dem Milliardär“, „Milliardär meines Verlangens“, „Der Milliardär hinter der Maske“ und „Hochzeitsnacht mit einem Milliardär“ herausstechen?

Gar nicht so einfach. Anfangs ist es sicher eher Zufall, gelesen zu werden. Doch wenn die Leser Spaß mit der ersten Geschichte haben, gibt es die Chance, dass sie sich meinen Namen merken. Trifft auch die zweite Geschichte in die Herzen, habe ich die nächste Erinnerungsstufe geschafft. Irgendwann suchen die Leser gezielt nach den Geschichten ihrer Lieblingsautorin, weil sie relativ sicher sein können, dass sie ihnen gefallen werden. Eine Kollegin sagte: Der Erfolg kommt über Nacht, aber vorher musst du über Jahre darauf hinschreiben.

Adelige und Wohlhabende sind oft die Hauptfiguren. Warum spielen Liebesromane nicht im Ordnungsamt Detmold – die kecke Sachbearbeiterin Christel schreibt Taxifahrer Heiko ihre Nummer auf den Bußgeldbescheid, dann gibt die Leidenschaft Vollgas nach Salzgitter?

Heftromane sind dazu da, den Menschen einen Urlaub vom Alltag ohne Kofferpacken zu schenken. Und niemand denkt spontan, ich würde echt gern mal eine Weile Urlaub im Ordnungsamt Detmold machen.

Da ist ein Schloss oder eine Villa am See schon verheißungsvoller. Natürlich können in so einem Ordnungsamt romantische Liebesgeschichten stattfinden. Aber das wäre eher Stoff für ein Buch. In einem Heftroman brauche ich Orte und Personen, die das Potenzial haben, die Herzen der Leser im Sturm zu erobern.

Ich sehe aber das Potenzial der Christel-Heiko-Romanze, und 130 Normseiten sind doch schnell geschrieben. Was muss ich beachten als Heftroman-Einsteigerautor?

Geschrieben ist so ein Roman tatsächlich relativ schnell, ich brauche zwei bis drei Wochen – reine Schreibzeit. Doch vor dem Schreiben steht das Plotten. Die Absprache mit der Lektorin, das Ändern nach den Wünschen des Verlags. Heftromane haben im Vergleich zu Büchern relativ enge Vorgaben. Man braucht ein überzeugendes Exposé und die Bereitschaft, im Team zu arbeiten und bei Bedarf zu ändern, das gilt nicht nur für Einsteiger.

Nehmen wir an, ich schaffe einen Liebesroman pro Monat. Kann man davon überhaupt leben?

Ein Roman pro Monat ist utopisch. Da wäre man sehr schnell ausgebrannt. Oft vergehen Tage, weil man an einer Szene, an einem Dreh in der Story hängt und die Lösung nicht findet. Da braucht es Geduld, Liebe, Spaziergänge und Badewannenzeiten. Unter Druck verliert man schnell den Esprit – und das wiederum merken die Leser. Aber abgesehen davon: nein.

Was ist denn Ihre ganz persönliche Liebesgeschichte?

Mein Mann war sehr schwer krank, wir haben schlimme Jahre hinter uns. Aber diese Zeit hat uns nur noch enger aneinandergeschweißt. Unsere Liebe hat ein Wunder möglich gemacht, an das die Ärzte damals fast nicht mehr glaubten. Verlobt haben mein Mann und ich uns im Krankenhaus. Das ist jetzt 17 Jahre her, und unsere Liebe ist seitdem immer größer und tiefer geworden.

Ein Arztroman aus dem wahren Leben. Muss es in den Heften immer ein Happy End geben?

Ja, Happy End ist zwingend. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Zwischendurch darf es ruhig so aussehen, als gäbe es keinen Weg mehr zueinander, umso schöner ist es dann, wenn doch die Wende geschafft wird.

Hamburg ist das Herz der Heftromane

Der Cora Verlag in Hamburg-Neustadt, gegründet 1976, gehört seit 2014 zur US-amerikanischen Harper ­Collins-Gruppe und ist nach dem auf „Männerthemen“ spezialisierten Bastei Lübbe Verlag („Jerry Cotton“) in Köln und dem Martin Kelter Verlag in Hamburg-Wandsbek („Dr. Norden“, ­„Sophienlust“) der drittgrößte Anbieter von Heftromanen.

450 Heftromane von Reihen wie „Julia“ (der Klassiker seit 40 Jahren), „Tiffany“ oder „Bianca“ erscheinen bei Cora pro Jahr mit einer Auflage von fünf Millionen verkauften Exemplaren. Der Anteil von eBook-Verkäufen liegt derzeit bei 20 Prozent, Tendenz steigend.

Die Texte kommend überwiegend von Autoren des kanadischen Heftroman-Giganten Harlequin Enterprises, der ebenfalls zu HarperCollins gehört. Aber auch einige Dutzend deutsche Autoren schreiben für verschiedene Cora-Serien.

Das Honorar für einen Heftroman der freiberuflich arbeitenden Autoren beträgt im Branchenschnitt zwischen 600 und 700 Euro – vor Steuern. Für „Männerromane“ wird übrigens mehr bezahlt.