Tesa ist dem Rätsel des Turmbaus zu Babel auf der Spur

Christian Brinkmann, Chef des Tesa­Labors, analysiert am Computer die Elementverteilungen der Probe

Christian Brinkmann, Chef des Tesa­Labors, analysiert am Computer die Elementverteilungen der Probe

Foto: Andreas Laible / HA

Hamburger Klebehersteller hilft mit, die Entstehung des antiken Bauwerks aus der Zeit des Königs Nebukadnezar II. zu ergründen.

Hamburg. Beim Klebehersteller Tesa geht es normalerweise um die Zukunft. In den Forschungsabteilungen grübeln Wissenschaftler darüber, mit welchen Klebebändern sich in einem Smartphone noch kleinere Elektronikteile befestigen oder auch ganze Fassadenelemente an einem Haus anbringen lassen – und trotz Regens und Windes halten. Dafür analysiert Christian Brinkmann im Labor die Bestandteile von hoch spezialisierten Klebebändern, prüft Haftfähigkeit und Elastizität. Seine Welt ist streng logisch und eher steril. Glaubensfragen kommen da nicht vor. Bis jetzt. Vor einigen Wochen bekam der promovierte Chemiker eine Anfrage von biblischem Ausmaß auf den Tisch. Und das im Wortsinn.

Das Bibelmuseum der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hatte die Experten im Tesa-Analytik-Labor um Unterstützung bei der Entschlüsselung eines mehr als 2500 Jahre alten Rätsels gebeten. Es geht um den Turmbau zu Babel. Die Erzählung von der Errichtung des gigantischen Gebäudes gehört zu den bekanntesten Stellen im Alten Testament. Weil die Menschen die Spitze bis in den Himmel bauen und Gott ebenbürtig werden wollten, strafte er sie und gab ihnen Hunderte Sprachen.

Göttliche Mahnung vor menschlichem Größenwahn

Die Verständigung wurde unmöglich, der Turm nie fertig. So weit die Version im Alten Testament. Die Verse in der Genesis stehen seither als göttliche Mahnung vor menschlichem Größenwahn. Auch Laborleiter Brinkmann kannte die Geschichte. Natürlich. Aber, so sagt der 42-Jährige, „ich dachte, der Turm wäre ein Mythos.“

Damit ist er nicht allein. Seit Generationen beschäftigen sich Forscher mit dem geheimnisvollen Bauwerk. 1913 entdeckte der deutsche Archäologe Robert Koldewey die Fundamente eines Stufenturms mit einer Grundfläche von 91 mal 91 Metern aus der Zeit des babylonischen Königs Nebukadnezar II. im sechsten Jahrhundert vor Christus. Inzwischen gilt in der Forschung als belegt, dass es in der Hauptstadt Mesopotamiens sogar mehrere antike Wolkenkratzer gab.

Demnach ließen die Baumeister des Altertums den Turm des machthungrigen Nebukadnezars sieben oder sogar acht Plateaus auf fast 100 Meter in die Höhe wachsen. Verwendet wurden Ziegel aus gebranntem Lehm, sämtlich versehen mit königlichem Stempel. Um die weitere Ausführung ranken sich viele Fragen. Und hier kommt das Labor des Norderstedter Klebeexperten Tesa knapp 5000 Kilometer vom Ausgrabungsort im heutigen Irak entfernt ins Spiel – und die 155 Lehmziegel, die in Museen in der ganzen Welt liegen. Einer ist auch im münsterschen Bibelmuseum gelandet. Dessen Kustos Jan Graefe, studierter Ur- und Frühgeschichtlicher und Wissenschaftler am Institut für Neutestamentliche Textforschung, wollte mehr über die auffälligen schwarzen Anhaftungen an dem Acht-Kilo-Exponat wissen.

Eine Zeitkapsel

„In der Bibel ist von Erdharz als Mörtel die Rede“, sagt er. Das Wort ist ein anderer Begriff für Bitumen oder Erdpech, das älteste bekannte Mineralölprodukt. Bitumen, könnte man sagen, war so etwas wie der Strukturkleber des Altertums.

Natürlicher Kleber

Durch private Kontakte kannte Graefe den Leiter des Tesa-Analytik-Labors Christian Brinkmann. An einem Tag im April übergab er dem Kristallografen bei einem Treffen in Münster schließlich ein unscheinbares dunkles Bröckchen. Auf den ersten Blick eher wenig aufregend, aber die ein mal ein Zentimeter große Gesteinsprobe stammte aus den babylonischen Turm-Ausgrabungen. Also so etwas wie eine Zeitkapsel. Zwar waren Experten bislang immer davon ausgegangen, dass die Steine des babylonischen Turms mit Bitumen zusammengehalten wurden. „Einen wissenschaftlichen Beweis gab es aber nicht“, sagt Bibelforscher Jan Graefe. Die Gründe dafür: Geldmangel in den Museen, aber auch fehlende technologische Möglichkeiten.

Brinkmann, seit Herbst 2017 Chef des Tesa-Labors mit zehn Mitarbeitern und millionenteurer Analysetechnik, machte sich an die Arbeit. Nur wenige Stunden später wusste er: „Die Bibel hat recht.“ Die Erkenntnis: Die Babylonier haben vor 2500 Jahren genau wie im Alten Testament beschrieben Bitumen verwendet und damit die Gebäudestatik verbessert. Drei Hightech-Geräte der Tesa-Analytik setzte Brinkmann ein. Schon bei der Untersuchung am Infrarot-Spektrometer stellte er fest, dass es sich bei der wenige Gramm schweren Probe um organisches Material handelt. „Wir konnten Kohlenstoff-Wasserstoff-Bindungen nachweisen, wie sie typischerweise in hoher Anzahl in Bitumen vorhanden sind“, sagt der Chemiker. Ein starkes Indiz, aber noch kein Beweis.

Station zwei war das Rasterelektronenmikroskop. Brinkmann sitzt in dem abgedunkelten Raum mit mehreren Bildschirmen und zeigt seine Untersuchungsergebnisse. Auf einem Monitor sieht man eine elektronenmikroskopische Aufnahme des biblischen Steins, auf den anderen die Elementverteilungen in unterschiedlichen Farben. Blau für Kohlenstoff, Lila für Sauerstoff, Grün für Schwefel. „Der Kohlenstoff-Schwefel-Gehalt passt zu den Referenzen von Bitumen“, sagt Brinkmann.

Wissenschaft und Glaube

Letzte Sicherheit lieferte der Mikro-Computertomograf, der den Stein ähnlich wie einen Menschen in der Röhre mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Neben der homogenen Bitumenmasse, die mehr als zwei Drittel der Probe ausmacht, fand Brinkmann Hohlräume mit bereits zersetzten organischen Fasern – möglicherweise Gras oder Stroh – und knapp 30 Prozent mineralische Zusätze, unter anderem Quarz und Calcit. Für den Laborleiter die letzte Sicherheit über den verwendeten Baustoff.

Wissenschaft und Glaube, möchte man sagen, können also doch zusammenpassen. Der winzige Stein, so viel ist klar, öffnet einen Blick in eine lange vergangene Zeit. Und beweist die Richtigkeit dessen, was die Schreiber der Bibel zum Bau des Turms notierten. Für den Münsteraner Bibelforscher Jan Graefe ist die Zusammenarbeit ein besonderer Glücksfall. „Wir hätten das Geld für eine Analyse an solch teuren Geräten nicht gehabt“, sagt er. Derzeit laufen am Universitätsklinikum Münster weitere Untersuchungen an dem Lehmziegel, unter anderem um mehr über die beigemischten Pflanzen zu erfahren und damit über den Herstellungsprozess des antiken Baumaterials.

Nach dem Abschluss plant Graefe eine wissenschaftliche Veröffentlichung über die neuen Erkenntnisse. „Wir haben jetzt einen Fingerabdruck von dem Bitumen an einem Lehmziegel. Das kann ein Ausgangspunkt sein, um auch die anderen Funde zu untersuchen und damit zu vergleichen“, sagt der Wissenschaftler, der sich davon Aufschluss über die Herkunft der Steine erhofft. Eventuell, so Graefe, könne sich rekonstruieren lassen, wo sie in dem antiken Turm verbaut waren.

Für die Beiersdorf-Tochter Tesa, die mit Klebeprodukten 2017 einen Umsatz von rund 1,26 Milliarden Euro erzielte, ist es nicht der erste Einsatz im Dienst der Wissenschaft. Vor vier Jahren nahm das Analytik-Labor auf Bitten von Forschern Schriftstücke koptischer Mönche unter die Lupe und bestimmte die Bestandteile von Vorläufern von Klebestreifen, die für die Reparatur von Handschriften in ägyptischen Klöstern eingesetzt wurden.

„Die Erforschung eines Stücks der Weltgeschichte war eine spannende Abwechslung“, sagt Tesa-Laborleiter Brinkmann. Und bei aller Nüchternheit des Naturwissenschaftlers klingt auch ein bisschen Stolz mit. Denn auch für ihn barg das schwarze Bröckchen aus der Vergangenheit Überraschendes. So förderte es zutage, dass die Babylonier dem Bitumen auch Calciumcarbonat beigemischt haben, um die Klebewirkung zu erhöhen. Vermutlich, so der Wissenschaftler, haben sie zermahlenen Kalkstein untergerührt. „Die waren sehr geschickt und wussten genau, was sie taten.“ Daraus, sagt Brinkmann, könnte sich ein neuer Ansatz auch für die Klebemassen der Zukunft ergeben.