Hamburg

Hier gibt es kostenloses Obst am Straßenrand

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Lara Frericksund Cian Hartung

An 1717 Orten finden sich in Hamburg Früchte, Beeren und Nüsse, die darauf warten, gepflückt zu werden. Mundraub.org verrät, wo sie sind

Hamburg. Gesund essen ist im Trend, regional auch. Gut, wenn das Essen auf den Bäumen in der Umgebung wächst – dann weiß man genau, wo es herkommt. Und das alles ohne lästige Plastikverpackung und ohne ökologischen Fußabdruck durch lange Transportwege. Genau das dachten sich die Gründer von mundraub.org, als sie vor neun Jahren eine Paddeltour unternahmen. Mit reichlich Proviant beladen – und mindestens genauso viel Plastikverpackung – wurde Kai Gildhorn und Katharina Frosch bewusst: Wo sie auch hinsahen, wuchs frisches Obst, unverpackt natürlich und garantiert regional. Ein Schlaraffenland am Wegrand.

Auf ihrer Internetseite weisen sie seither den Weg zum Obst aus der Nachbarschaft, das es auch noch kostenfrei gibt. Hamburg hat 224.000 Straßenbäume – darunter an Straßenrändern und Kanälen oder in öffentlichen Parks eine ganze Reihe, die Obst tragen und an denen sich jeder frei bedienen kann.

Kirschen gibt es direkt am Philosophenturm

So weist die Mundräuber-Karte auf leckere gelbe Kirschen auf dem Unicampus vor dem Philosophenturm. Apfelbäume finden sich am Ufer des Tarpenbekkanals, Kirschen warten an der Straße Alsterufer nur darauf, gepflückt zu werden. Versteckte Pflaumenbäume verbergen sich nahe dem Kaiser-Friedrich-Ufer. Auch entlang der Notkestraße in Bahrenfeld wachsen Walnussbäume, die im Herbst abgeerntet werden können. Zudem gibt es eine schmackhafte herrenlose Brombeerkolonie am Harburger Bahnhof und Pflaumen sowie Mirabellen rund um den Eichbaumsee (Moorfleeter Hauptdeich). Im Tidehafen (Dessauer Straße) lassen sich Äpfel bei Flut vom Boot aus gut erreichen.

Wilde Brombeeren gibt es zudem im Hafen an der Arningstraße beim Fähranleger. Felsenbirnen lassen sich am Marktweg zwischen Marktstraße und Ölmühle pflücken. Haselnussbäume stehen am Hohenzollernring. Holunderbüsche im Schanzenpark und im Elbpark Entenwerder.

Doch ist es auch legal, sich einfach zu bedienen? „Verbrauchsmittelentwendung“ oder im Volksmund auch „Mundraub“ genannt, wurde am 1. Juli 1975 als eigenständiges Vergehen abgeschafft. Seitdem macht es keinen Unterschied mehr, ob man einen Ladendiebstahl begeht oder ein paar Sauerkirschen vom Baum „klaut“. Wer kein Delikt begehen möchte, der informiert sich vor dem Pflücken besser auf mundraub.org. Denn alle dort aufgeführten Einträge sind zum Pflücken freigegeben. Seit 2015 hat sich die Zahl der registrierten „Mundräuber“ verdreifacht. „Die Früchte sind Allgemeingut, jeder der mag, kann sie pflücken, essen oder zu Marmelade verarbeiten“, bestätigt Björn Marzahn, Sprecher der Umweltbehörde.

Mit der Idee von Kai Gildhorn und Katharina Frosch war schnell eine Plattform erstellt, auf der jedes Mitglied einen Baum, Strauch oder auch ein Kräuterpflänzchen markieren kann. Einfach und schnell lässt sich sogar per App Obst in nächster Umgebung finden. Das stößt auf Anklang. Die Zahl der auf der Seite registrierten Apfelbäume ist seit 2015 von 92 auf 458 gestiegen. Auch Nussbäume stehen bei den Eintragenden hoch im Kurs: Von 70 kletterte ihre Anzahl auf knapp 3000.

Die Initiative bringt Nachbarschaften zusammen und initiiert individuelle Formen der Bürgerbeteiligung. Sie hat Gründerauszeichnungen und den Nachhaltigkeitspreis der Bundesregierung gewonnen sowie eine zunehmende Zahl an Mitgliedern, die sogenannten Mundräuber. Die Plattform zählt mittlerweile rund 64.000 Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die alle dabei helfen, dass Nahrungsressourcen genutzt werden.

Heute ist mundraub.org die größte Online-Plattform für die Entdeckung und Nutzung essbarer Landschaft weltweit. Sie will ein neues Bewusstsein schaffen. Die Gründer möchten zeigen, welche Nahrungsressourcen das Land besitzt – auch in der Großstadt. „Es gibt so viele Straßenbäume mit Obst. Unser Ziel ist, dass Leute die Augen aufmachen und ihre Umwelt wahrnehmen. Denn wenn diese Quellen nicht genutzt werden, geht etwas Ursprüngliches in Deutschland verloren“, sagt der Ehrenamtliche Mirco Meyer.

Wer mitmacht, soll nur wirklich verlässliche Stellen eintragen

„Wir beobachten besonders in Großstädten ein hohes Interesse an öffentlichen Obstschätzen“, sagt Gründer Gildhorn. Dabei sei es jedem erlaubt, die Früchte im öffentlichen Raum zu verwerten.

Während die Beliebtheit und die Mitgliederzahlen steigen, möchte die Mundräuber-Community falsche Einträge vermeiden. Sie appelliert deshalb, lieber wenige, dafür aber zuverlässige Stellen zu markieren, anstatt einer Vielzahl beliebiger Einträge, die nicht regelkonform seien. Man solle sichergehen, dass ein Eintrag keine Eigentumsrechte verletzt. Auch zur Pflege von Bäumen und Natur wird auf mundraub.org aufgerufen.

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