Hallo Festspiele

Hamburgs schönster Abenteuerspielplatz

Die "Hallo Festspiele" finden im und um das ehemale Kraftwerk Bille in Hammerbrook statt

Die "Hallo Festspiele" finden im und um das ehemale Kraftwerk Bille in Hammerbrook statt

Foto: Daniel Kalinke

Die vierten Hallo Festspiele im ehemaligen Kraftwerk Bille in Hammerbrook eroberten den Fluss als öffentlichen Raum zurück.

Hamburg. Es gibt in der Darstellenden Kunst eine lange Tradition des nackten Körpers. Wobei Nacktheit hier fast immer heißt, dass die Darsteller nackt sind, das Publikum bleibt bedeckt. In „Litany for a naked audience“ von Frauke Aulbert und Ann-Kathrin Quednau aber ist diese Trennung aufgehoben, gemeinsam wird eine mobile Sauna besucht, in der die beiden Performerinnen singen: „Voice Piece“ von Joan la Barbara, ein minimalistisches Stück, das weitgehend aus langgezogenen Obertönen besteht und das die Sängerinnen im Extremklima der Sauna an ihre Grenzen führt: die Stimmen brechen, die Töne zittern, das Publikum schwitzt.

„Litany for a naked audience“ steht exemplarisch für die Hallo Festspiele, ein alljährlich stattfindendes Undergroundfestival im ehemaligen Kraftwerk Bille in Hammerbrook: Das viertelstündige Stück rückt dem Zuschauer im Wortsinne auf die Pelle, es ebnet die Hierarchien zwischen Performer und Publikum ein, und es ist auf eigenartige Weise gleichzeitig verkopft und sinnlich erfahrbar. Außerdem ist es eng mit dem Ort verknüpft – weil die Sauna direkt an der Bille liegt, hüpfen Künstlerinnen und Zuschauer nach dem Schwitzgang gemeinsam zur Abkühlung in den Fluss. Das diesjährige Motto der Hallo Festspiele wird so deutlich: die Rückeroberung der stark von Industrie und Gewerbe geprägten Bille als öffentlicher Raum, als organische Lebensader in einem grundsätzlich als lebensfeindlich wahrgenommenen Teil der Stadt.

Hallo Kunst? Hallo Spielplatz!

Wobei diese Erfahrung sich bei der vierten Festspielausgabe vergangenes Wochenende ein wenig selbst im Weg stand. Ja, die Diskussion zwischen dem Künstler Adnan Softić und dem Philosophen Matthias Denecke über Wassermetaphern im Zuge aktueller Migrationsbewegungen war interessant, ja, die „Radical Seafaring“-Recherchen durch die Performancegruppe geheimagentur hätte man schon gerne angeschaut. Aber man musste sich ja die Bille zurückerobern, man musste die Beine im Wasser baumeln lassen, man musste plantschen, man musste den Sonnenuntergang über der Industriearchitektur anschmachten.

Streckenweise wurden die Hallo Festspiele so vom Kunstfestival zu Hamburgs schönsten Abenteuerspielplatz, was den ästhetischen Anspruch der Veranstaltung manchmal überstrahlte. Aber immerhin: Die Festspiele, die spätestens im vierten Jahr vom Geheimtipp zum festen Programmpunkt im Hamburger Sommer geworden sind, haben dafür gesorgt, dass der Fluss wieder öffentlicher Raum wurde. Und, hach, ist dieser Ort schön.