Stadtgeschichte

Das Kabinett des Schreckens am Alstertor

Durch Arbeit ernährt und gezüchtigt: Insassen des Werkhauses beim Hanfstampfen

Durch Arbeit ernährt und gezüchtigt: Insassen des Werkhauses beim Hanfstampfen

Foto: Staatsarchiv

Vor 400 Jahren wurde im Kampf gegen die Bettelei das Werk- und Zuchthaus am Alstertor eröffnet. Tausende mussten dort schuften.

Hamburg. Ungefähr dort, wo sich heute die Europapassage über den Ballindamm erhebt, stand bis 1842 ein Ort des Schreckens: Hamburgs Werk- und Zuchthaus. Nur wenige andere Gebäude dürften in der Stadt mit so vielen Schauergeschichten behaftet gewesen sein wie dieser düstere Klotz, der auf den zeit­genössischen Zeichnungen viel zu freundlich aussieht. Und das Schlimmste: Die Überlieferungen sind allesamt wahr.

Rat und Bürgerschaft beschlossen das Projekt schon im frühen 17. Jahrhundert, doch der Beginn des Baus verzögerte sich aus Kostengründen immer wieder. In diesen Tagen vor 400 Jahren wurde er fertiggestellt, die ersten Insassen sind für den Beginn der 1620er-Jahre nachweisbar.

Bettelei in Hamburg eindämmen

Durch das Werk- und Zuchthaus sollten „die Armen unterhalten/die Bettlers abgeschaffet“ werden, hieß es beschönigend zur Legitimierung der Einrichtung. Faktisch ging es darum, die zumeist aus tiefer Not resultierende Bettelei in Hamburg einzudämmen und nach Möglichkeit ganz zu eliminieren. Die Obrigkeit sah in Bettlern und Vagabunden nichts anderes als Taugenichtse, die nur zu faul seien, geregelter Arbeit nachzugehen.

Nun sollten sie, eingebunden in ein System aus Disziplinierung und Bestrafung, ihren Lebensunterhalt selbst verdienen – und zwar bei härtester Arbeit. Und dazu war so ziemlich jedes Mittel recht. Ergänzt wurde ihre Gruppe durch eine weitere: Menschen, die von ihren Verwandten wegen angeblicher Liederlichkeit denunziert worden waren und nun ebenfalls eingewiesen wurden. „Hurerey“ war ein häufiges Vergehen, das eine Frau hinter Gitter brachte.

Im Jahr 1726 waren dort 2500 Menschen untergebracht – immerhin fast drei Prozent der Hamburger Bevölkerung. In Bremen und Lübeck verfuhr man in den entsprechenden Einrichtungen übrigens ganz ähnlich. Der Historiker Dirk Brietzke hat vor einigen Jahren zu dem Thema ein Buch veröffentlicht („Arbeitsdisziplin und Armut in der frühen Neuzeit“, Verlag des Vereins für Hamburgische Geschichte, 676 S., 24 Euro), in dem er ausführlich den erschütternden Alltag hinter den hohen Mauern schildert.

Wecken um fünf, sich schinden bis 20 Uhr

Wie Brietzke anhand von Quellen nachweist, waren kurz nach der Eröffnung der Einrichtung Willkür und Terror gegen die Insassen an der Tagesordnung, die angebliche Disziplinierung bestand vor allem aus Prügel und Folter. Bald hatte man auch Kinder und Jugendliche inhaftiert, offenbar vor allem deshalb, um sie besser als Arbeitssklaven einsetzen zu können. Zu den „Verbrechen“ von inhaftierten Jungen gehörte Lappalien wie zum Beispiel „Plaudern und Toben während des Gottesdienstes“, „Klatschen der Peitschen“ oder „Werfen der Steine und anderen Unraths“.

Genau wie Erwachsene hatten sie in dem Gebäude härteste Zwangsarbeit zu verrichten – zum Beispiel Hanf zerstampfen. Die Insassen quälten sich dabei durch ein Laufrad, um eine Walze anzutreiben. Genauso verhasst waren das Färbeholz-Raspeln und das Herstellen von Haardecken. Dabei mussten Häftlinge aus Kuhfellen Matten fertigen – was extrem gesundheitsschädlich war. Ein Zeitzeuge notierte: „Alle, die dabei arbeiten, werden durch die schädliche Wirkung des Kalkes und feinen Haarstaubes engbrüstig, bekommen einen siechen Körper und müssen vor der Zeit aus der Welt.“

Geduldiges Ausharren und Willfährigkeit

Wecken war um fünf Uhr morgens, damit sich die Insassen nach dem Frühgebet sofort an die Arbeit begeben konnten. Nur von den Mahlzeiten unterbrochen, dauerte die Arbeitszeit den ganzen Tag bis zum Abendgebet um 20 Uhr. Der Zweck dieser „Arbeitsdisziplinierung“ wird in einem zeitgenössischen (und übersetzten) Text so beschrieben: „Die kontinuierliche, regelmäßig wiederkehrende Verrichtung schwerer und anstrengender Arbeiten bricht die ,verkehrte Gewohnheit der Seele‘, die Zeit mit Müßiggang zuzubringen, indem sie durch körperliche Belastung auch den Willen schwächt, seine Eigenmächtigkeit beugt und endlich an deren Stelle geduldiges Ausharren und Willfährigkeit setzt.“ Und das System funktionierte.

Wer nicht spurte oder einen Ausbruch versuchte, wurde verprügelt oder gequält. Beliebt bei den Aufsehern war es, einen Insassen mit schweren Gewichten an den Füßen auf das scharfkantige „hölzerne Pferd“ zu setzen, um den Hof zu ziehen und dabei auszupeitschen. Autor Brietzke weist auch einen käfigartigen „Hungerkorb“ nach. Darin wurden Delinquenten eingesperrt und an die ­Decke des Ess-Saals gezogen. Tagelang mussten sie anderen Häftlingen beim Essen zusehen.

Dasein ohne Per­spektive

Die seelische Verfassung der Insassen war katastrophal, ihr Dasein ohne Per­spektive. Denn wer die Strafe antrat, bekam kein Entlassungsdatum mit auf den Weg. Das Ende der Schikanen wurde bewusst offengelassen. Wer einmal in diese Mühle geraten war, verließ das Haus als Toter oder als gebrochener Mensch.

Autor Brietzke weist den Fall des Glasschneiders Johann Schmidt nach, der mehrmals seine Unschuld beteuert hatte und immer wieder forderte, aus dem Werk- und Zuchthaus entlassen zu werden, da er ein ehrlicher Mann sei. Ergebnis: Schmidt wurde tagelang mit Essensentzug und Einzelhaft bestraft, schließlich auch gefoltert. Als er sich nicht brechen ließ und weiterhin auf seiner Unschuld beharrte, ließ ihn die Anstaltsleitung in den Pesthof abschieben – ein vormodernes, düsteres Verwahr-Krankenhaus auf dem Hamburger Berg, wo er im „Tollhaus“ als angeblich Geisteskranker sein Dasein weiter fristete.

1842 ging das Haus in Flammen auf

Vom Ende des 18. Jahrhunderts an nutzte die Stadt die Einrichtung zusätzlich für den Strafvollzug. Kriminelle und sozial Randständige wurden damit auch offiziell auf eine Stufe gestellt – wobei die Unterschiede bei der Behandlung beziehungsweise Misshandlung fließend waren. Interessanterweise wurde die Trennung von Zuchthaus (Gefängnis) und Werk- und Armenhaus erstmals im Zuge einer Gefängnisreform zur Zeit der französischen Besetzung Hamburgs 1811 vollzogen. Beide Einrichtungen blieben aber im selben Gebäude.

Das Werk- und Zuchthaus ging beim Hamburger Brand 1842 in Flammen auf. Erhalten blieb der Schriftzug, der jahrelang das Eingangsportal „geschmückt“ hatte. Die Inschrift lautet: „Labore nutrior, labore plector – Durch Arbeit werde ich ernährt, durch Arbeit werde ich gezüchtigt.“ Er liegt heute im Museum für Hamburgische Geschichte (Hamburgmuseum).