Cuxhaven

Unsinkbar – das neue Schiff der Seenotretter

Das Team vom Seenotrettungskreuzer Anneliese Kramer

Das Team vom Seenotrettungskreuzer Anneliese Kramer

Foto: Klaus Bodig / HA

Drei Kreuzer der jüngsten Generation sind schon im Einsatz, ein weiterer Neubau könnte „Hamburg“ heißen. Zu Besuch an Bord.

Cuxhaven.  Nun werde man uns mal zeigen können, wie das hier so im Winter und Herbst zugeht. Maschinist Torsten Brumshagen lächelt vielsagend, prüft noch einmal, ob alle Schwimmwesten fest angelegt sind. Und dann sind die Wasserberge auch schon da, die ein schnell vorbeifahrendes Schiff eben produziert hat. Im Schwell der imposanten Bugwelle schaukelt das kleine Tochterboot des Rettungskreuzers heftig auf und ab.

Man muss sich schon ordentlich festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Kaum vorstellbar, wie die Seenotretter bei solchen Bedingungen hier arbeiten, womöglich eine Schleppverbindung zu einem havarierten Sportboot im Sturm herstellen oder einen Verunglückten aus dem Wasser ziehen – während sie selbst wie Eiswürfel im Cocktailmixer durchgeschüttelt werden.

Dann ist der Spuk aber auch schon vorbei, und die Nordsee vor Cuxhaven präsentiert sich bei schönem Sommerwetter wieder glatt und friedlich. Trügerisch friedlich, wie man nun weiß. Sandbänke, heftige Strömungen und dichter Schiffsverkehr prägen das Revier des hier stationierten Kreuzers „Anneliese Kramer“, der erst im vorigen Jahr in Dienst gestellt wurde und das dritte Schiff der neuen Klasse von Rettungskreuzern der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ist.

Förderin der Seenotretter als Namensgeberin

Benannt ist er nach einer verstorbenen Förderin der Seenotretter. Aus ihrem Nachlass konnte ein wesentlicher Teil der Neubaukosten von etwa zehn Millionen Euro finanziert werden. Und das zeigt auch schon die Besonderheit der DGzRS, die von 54 Stationen an Nord- und Ostsee aus das deutsche Seenotrettungssystem ausschließlich aus Spenden und Förderbeiträgen finanziert. Nicht immer sind das nur große Beträge, gut 2,5 Prozent der mehr als 20 Millionen Euro, die so pro Jahr zusammenkommen, stammen allein von den kleinen Spendenschiffchen, die auf norddeutschen Kneipen- und Ladentheken stehen.

Im August nun steht die Entscheidung über einen vierten Neubau an. Schon länger gibt es die Überlegung, dass dieser neue Kreuzer der modernen 28-Meter-Klasse „Hamburg“ heißen könnte, zumal es auch schon eine „Berlin“ gibt. Und tatsächlich soll im August im Hamburger Rathaus eine Ausstellung eröffnet werden, um mit diesem Ziel für Spenden zu werben.

Die Retter leben 14 Tage am Stück auf dem Kreuzer

Was ein solcher Kreuzer kann, wie man auf ihm lebt – das will uns die vierköpfige Crew heute zeigen. Und dazu gehört auch eine kurze Testfahrt mit dem Tochterboot, das besonders für die flachen Gewässer hier geeignet ist. So wie gerade eben, als vor Brunsbüttel eine Segelyacht einen Motorausfall hatte und bei Windstille zwischen den Untiefen trieb. Ein typischer Fall: Rund 40 bis 50 der gut 100 jährlichen Einsätze des Kreuzers haben mit havarierten Sportbooten in den schwierigen Gewässern der Elbmündung zu tun. Völlig aufgelöst hatte auch dieser Skipper über Funk um Hilfe gerufen und wusste offenbar vor lauter Nervosität nicht mehr, was zu tun ist. „Manchmal reicht es dann schon, wenn er uns nur sieht, dass wir da sind“, sagt Brumshagen und steuert das Boot wieder Richtung „Anneliese Kramer“, die nicht nur für solche klassischen Seenotfälle ausgerüstet, sondern auch so etwas wie ein schwimmender Rettungswagen ist.

So musste der Kreuzer vor einigen Wochen mitten auf der Elbe an der 345 Meter langen „Queen Mary 2“ längsseits gehen, um einen Passagier mit Verdacht auf Schlaganfall von Bord zu holen. Fast 15 Prozent der Einsätze sind schon solche medizinischen Notfälle, sagt Brumshagen. Konzentriert hält er nun auf eine Rampe am Heck des Kreuzers zu, ein kurzer Ruck, und dann hängt das Tochterboot auf einer Art Schlitten und wird wieder von einer schweren Hydraulik an Bord des größeren Schiffs gezogen.

Schiff kann nicht kentern und untergehen

Oben auf der Brücke wartet Holger Wolpers, ein 49 Jahre alter Nautiker, der seit 20 Jahren bei „der Gesellschaft“ ist, wie die DGzRS intern genannt wird. Vormann, nicht Kapitän, heißt seine Position hier traditionell und erinnert an die Gründungsjahre in den 1860er-Jahren, als sich die Seenotretter noch mit schweren, offenen Booten in die See wagten und nur einer nach vorne blicken konnte, während alle anderen mit dem Rücken zum Ziel ruderten. Heute fahren die Retter mit Kreuzern hinaus, die aus Aluminium gebaut sind und sich von selbst aufrichten können, sollten sie im schweren Seegang einmal kentern.

Im Januar 1995 waren bei einem solchen Vorfall vor Borkum zwei Seenotretter aus dem offenen Fahrstand geschleudert worden. Sie ertranken. Die neuen Kreuzer werden daher jetzt mit geschlossener Brücke gebaut. „Man verliert ein wenig den Kontakt mit dem Wetter“, sagt Vormann Wolpers. Aber es sei sicherer. Und dann gibt es da auch noch eine Klappe, um vom Dach aus Ausschau zu halten.

Reihum wird gekocht

Wolpers nimmt nun wieder Kurs auf die Station des Kreuzers im Cuxhavener Fährhafen. Mit einer Art Joystick steuert er hier oben die zwei 4000 PS starken Dieselmotoren. Elektrische Seekarte und Radar glimmen dezent im Sonnenlicht, das durch die abgedunkelten Scheiben fällt. Funkverkehr ist zu hören, die Revierzentrale gibt aktuelle Meldungen zum Schiffsverkehr heraus, Frachter melden sich an und ab. Eine Geräusch­kulisse, die die Retter Tag und Nacht begleitet. 14 Tage lebt die vierköpfige Crew an Bord, ständig einsatzbereit, falls über Funk ein Notruf eingeht. Innerhalb weniger Minuten kann Wolpers mit seiner Mannschaft ablegen. Das heißt aber auch: An den 14 Tagen bleiben die Retter immer an Bord, jeder hat dazu eine eigene kleine Kammer an Bord. Reihum wird gekocht, und wenn keine Einsätze zu fahren sind, halten die Männer das Schiff technisch in Schuss. Nur hin und wieder geht einer von ihnen kurz zum Einkaufen an Land. „Aber nicht zum Discounter, wo man lange an der Kasse warten muss, das geht nicht“, sagt Wolpers.

Nach 14 Tagen Dienst hat die Crew dann 14 Tage frei. In der Zeit wird vom Rasenmähen bis zu Behördengängen alles erledigt, was anfällt - „oder was den Ehefrauen an Aufgaben einfällt“, sagt Brumshagen, und seine Kollegen nicken grinsend.

An diesen Wechsel haben sie sich lange schon gewöhnt, seit Jahren arbeiten sie nun schon zusammen, sagt Wolpers. „Das ist eben unsere zweite Familie.“

12.000 Gäste

Am 20. Seenotretter-Taghaben sich gestern rund 12.000 Besucher über Aufgaben und Arbeit der Retter informiert. Bei bestem Wetter strömten sie unter anderem in den Binnen­hafen von Bremerhaven sowie in den Hafen von Langeoog. An rund 30 Orten an Nord- und Ostsee konnten Seenotrettungskreuzer besichtigt werden.
Rund 1000 Seenotretter
sind für die 1865 gegründete deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) tätig. Sie finanziert sich durch Spenden und Förderbeiträge. 58 Menschen wurden 2017 aus akuter Seenot gerettet, 467-mal wurden erkrankte oder verletzte Seeleute oder Passagiere aufs Festland gebracht