Geburten

Warum Hamburger Kliniken um Schwangere kämpfen

Werdende Mütter sind die einzigen Patienten, die nicht krank sind, aber gern ins Krankenhaus gehen – vieleicht sind sie auch deswegen so begehrt

Werdende Mütter sind die einzigen Patienten, die nicht krank sind, aber gern ins Krankenhaus gehen – vieleicht sind sie auch deswegen so begehrt

Foto: picture alliance/Bildagentur-online

Krankenhäuser konkurrieren heftig auf dem „Geburtenmarkt“ – nicht wegen des Geldes, es geht vor allem ums Image.

Hamburg.  Das Geburtenhoch in Hamburg hält an – im ersten Halbjahr 2018 kamen 12.668 Kinder zur Welt. Das sind 330 mehr als im Vorjahreszeitraum. Der Blick auf die Statistik zeigt, dass in fünf der elf Hamburger Krankenhäuser 65 Prozent der Kinder geboren werden, die wenigsten Geburten gibt es mit 421 im Bethesda Krankenhaus Bergedorf.

„Eine große Zahl von Eltern aus Hamburg und dem Umland setzt weiterhin auf Geburtskliniken mit hohen Geburtenzahlen und somit großem Erfahrungsschatz“, sagte Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks bei der Vorstellung der Zahlen.

UKE zählt die meisten Geburten

Zwischen den Hamburger Kliniken herrscht dabei reger Wettbewerb. Die meisten Geburten verzeichnet im ersten Halbjahr das Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) mit 1764 Geburten, gefolgt von der Asklepios Klinik Altona (1692), dem Katholischen Marienkrankenhaus (1685), dem Albertinen Krankenhaus (1612) und der Asklepios Klinik Barmbek (1586).

Doch warum haben die Krankenhäuser so großes Interesses, möglichst viele werdende Mütter von ihrem Haus zu überzeugen? Allein finanzielle Interessen können es nicht sein. Denn für eine natürliche Geburt ohne Komplikationen bekommen die Kliniken wesentlich weniger Geld als für andere häufige Krankenhausleistungen. So kostet eine natürliche Geburt derzeit in Hamburg 1952,13 Euro, eine einfache Blinddarmoperation 2935, 10 Euro und das komplikationslose Einsetzen eines künstlichen Hüftgelenkes 6842,82 Euro. Die Preise ergeben sich aus den Fallpauschalen, die jährlich neu festgelegt werden, und dem sogenannten Landesbasisfallwert, mit dem regionale Besonderheiten berücksichtigt werden und der deswegen in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sein kann.

Krankenkassen vereinbaren Budget mit Kliniken

Doch wie vertragen sich die steigenden Geburtenzahlen mit den gedeckelten Budgets der Krankenhäuser? Die Krankenkassen vereinbaren vor Beginn des Jahres mit den Kliniken ein Budget über die zu erwartenden Leistungen, wie zum Beispiel Geburten. Finden in einer Klinik mehr Geburten statt als geplant, wird das mit den Gesamtleistungen der Klinik verrechnet. Denn die Krankenkassen rechnen am Ende den Gesamterlös der Klinik ab. „Überschreitet dieser das vereinbarte Budget, muss die Klinik 65 Prozent dieses zusätzlichen Erlöses an die Krankenkasse abgeben“, sagt Horst Judaschke, stellvertretender Geschäftsführer der Hamburgischen Krankenhausgesellschaft.

Doch für die Kliniken scheint es auch eine Imagefrage zu sein, wie eine Umfrage ergeben hat – wer bei der Geburt auf ein Haus vertraut, der tut es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei anderen Fällen. „Wir freuen uns über das große Vertrauen der Familien, die sich für eine Entbindung im UKE entscheiden. Jede Schwangerschaft und Geburt ist anders, deshalb stellen wir die individuellen Wünsche und Bedürfnisse der Familien in den Mittelpunkt“, sagt UKE-Sprecherin Saskia Lemm. Werdende Eltern sollten sich mit ihrem Nachwuchs bestens aufgehoben fühlen. Lemm: „Besonders Patientinnen mit Risikoschwangerschaften profitieren von der universitären Spitzenmedizin im UKE, ein interdisziplinäres Team sorgt für die Sicherheit von Mutter und Kind“, sagt .

Albertinen zählt zu den nachgefragtesten Kliniken

Werner Koch, Geschäftsführer des Marienkrankenhauses, betont: „Geburtsmedizin ist für uns eine echte Herzensangelegenheit. Speziell für das Marienkrankenhaus mit seinen konfessionellen Wurzeln ist es wichtig, dass wir den Start in ein neues Leben verantwortungsvoll begleiten.“ Die Geburtshilfe auf höchstem medizinischen Niveau sei natürlich mit einem hohen finanziellen Einsatz verbunden. „Wir haben oft Familien bei uns, in denen mittlerweile die dritte oder vierte Generation im Marienkrankenhaus zur Welt kommt – ein schöneres Kompliment kann es für unsere Arbeit kaum geben.“

Auch der Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe im Albertinen-Krankenhaus, Ingo von Leffern, verhehlt nicht seinen Stolz, zu den nachgefragtesten Geburtskliniken Hamburgs zu gehören. „Natürlich freuen wir uns, wenn sich viele Frauen dafür entscheiden, ihr Kind im Albertinen-Krankenhaus zur Welt zu bringen. Denn diese Entscheidung hat viel mit dem Vertrauen in die fachliche wie menschliche Kompetenz unseres Teams zu tun.“ Eine hohe Anzahl von Geburten bedeute zudem eine große Erfahrung des Teams auch mit seltenen und komplizierten Fällen wie etwa Früh- oder Zwillingsgeburten. „Dank hoher Geburtenzahlen können auch Spezialisten vorgehalten werden“, sagt von Leffern.

Zahl der Spätgebärenden hat zugenommen

Asklepios-Sprecher Mathias Eberenz betont, die Zahl der Spätgebärenden habe zugenommen, ebenso die Zahl der Risikogeburten und der Mehrlingsschwangerschaften. „Das erfordert auch größeren medizinischen Aufwand, größere Expertise. Darauf achten die werdenden Eltern.“

Eberenz betont auch, dass sich Geburtshilfe grundsätzlich positiv auf das Image einer Klinik auswirke. Schließlich sei der Beginn des Lebens unbestreitbar etwas Positives, Emotionales – für alle Beteiligten. Mit einer großen Zahl an Geburten gehe aber höhere Qualität (und damit eine höhere Patientensicherheit) einher, so der Sprecher. Fachgesellschaften forderten nicht ohne Grund eine gewisse Mindestanzahl an Geburten pro Klinik. Eine hohe Anzahl an Geburten/Patienten ist zudem attraktiv für den medizinischen Nachwuchs. „Und ganz generell ist jede Klinik sehr daran interessiert, das beste, qualifizierteste medizinische Personal zu bekommen – und hier spielt die Größe, so wie in anderen Bereichen der Gesellschaft und der Wirtschaft auch, eine bedeutende Rolle.“